Eurosport - Sa 07.Jun. 13:29:00 2008
Joachim Löw ist nicht nur Fußballtrainer. Der ranghöchste Übungsleiter in Reihen des DFB leitet das Unternehmen "Bergtour 2008" im Stile eines Topmanagers. Dabei agiert der 48-Jährige trotz der steigenden Anspannung stets ruhig und unauffällig. Der Fokus ist einzig auf den EM-Titel gerichtet.
"Bergtour 2008" lautet das Motto - unter Bergführer Löw soll Deutschland in Österreich und der Schweiz den EM-Titel zum vierten Mal nach 1972, 1980 und 1996 nach Hause holen. Der Nachfolger von Jürgen Klinsmann, der inzwischen knapp zwei Jahre im Amt ist, geht voran.
So auch bei einer der Trainingseinheiten in Tenero im malerischen Tessin. Während die Spieler noch die Schuhe schnüren, betritt Löw bereits den Rasen, kniet sich nieder, prüft das kurz geschorene Grün, zupft einige vom Mähen verblieben Grashalme mit dem Pinzettengriff aus und wirft sie lässig an den Spielfeldrand.
Löw - der Perfektionist
Typisch Löw. Der Südbadener ist akribisch, überlässt nichts zum Zufall. Er beobachtet die Szenerie während der Übungseinheiten mit prüfendem Blick und hochgekrempelten Ärmeln in zentraler Position nahe dem Mittelkreis. Löw pendelt zwischen den einzelnen Gruppen, gibt Anweisungen mit analytischem Tonfall, wenn er dies für notwendig empfindet.
Zwischendurch sucht er immer wieder den Dialog mit Co-Trainer Hansi Flick. Dabei strahlt Löw durch seine natürliche Autorität vor allem Ruhe aus, die für das "schwerste Turnier" vonnöten ist. "Eine EM ist nicht wie eine WM. Da geht es gleich von Beginn an zur Sache", sagte Löw, der sich "wahnsinnig" freut, wenn "Ernstfall und Wettkampf" endlich losgehen.
Löw - der Rhetoriker
24 Stunden für den Erfolg - selbst vor dem Schlafengehen lässt Löw den Tag noch einmal Revue passieren, prüft, ob er auch wirklich an alles gedacht habe. Medienprofi Löw ruht in sich selbst, auch bei Pressekonferenzen vor rund 200 Medienvertretern. Auf eine Frage folgt Löws kurze Denkpause, verbunden mit einem Blick nach oben. Erst dann gibt der eloquente Rhetoriker eine Antwort in diplomatischem Ton. Ein Problem, zwei Fragen eines Journalisten präzise in Folge zu beantworten, hat der intelligente Coach ebenfalls nicht.
Auch sein äußeres Erscheinungsbild schließt auf "Business Class". Anzüge, weiße Hemden und Schuhe von "Prada" gehören zum Standart-Outfit des eitlen Coaches. Sein schwarzes Haar sitzt nahezu immer perfekt. Selbst wenn Löw im Anschluss an eine Trainingseinheit im Nieselregen von Tenero kurze Zeit später im Pressesaal sitzt - die Frisur sitzt.
Löw - der Taktiktüftler
"Gentleman Coach" Löw ist ein Taktikfuchs. Bereits bei der WM 2006 hat er unter Motivator Klinsmann die Fäden der DFB-Elf gesponnen. Seine Position als Chefcoach empfindet er als "nichts Neues". Löw ist kein Einzelkämpfer, der sich alleine im Erfolg sonnt. Im Gegenteil: Der Bundestrainer stellt den gesamten Trainerstab in den Vordergrund: "Wir sind überzeugt von unseren Inhalten und unseren Spielern."
Löw - der Feingeist
Doch auch "Saubermann" Löw hat seine kleinen Laster, raucht ab und an eine Zigarette und genießt zu abendlicher Stunde ein Gläschen Rotwein. Zeitweise überrascht der introvertierte Löw gerne mit einer witzigen Einlage. Beispielweise auf einer Pressekonferenz, als er sich eine Antwort auf die Frage von DFB-Mediendirektor Harald Stenger zu Recht legte, während ein Journalist just in jenem Moment seine Hand zur Wortmeldung nach oben streckte.
"Sie können mich gerne noch etwas fragen, dann kann ich mir mein Statement sparen", sagte Löw mit einem Lächeln auf den Lippen. Der Topmanager ist auf allen Ebenen gewappnet. Jetzt müssen Michael Ballack & Co. dem Bergführer nur noch mit "högschter Disziplin" auf die Spitze des Gipfels folgen.
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