Eurosport - So 18.Mai. 18:54:00 2008
Der HSV hat es geschafft und steht nach dem 7:0-Kantersieg gegen den KSC im UEFA-Pokal. Die sieben Tore bringen sieben Erkenntnisse über eine ordentliche Saison mit einem tollen Schlusspunkt, einem lobenden und hadernden Präsidenten, einem scheidenden Trainer und einem zurückhaltenden Superstar.
Es war ein Potpourri der besonderen Art. Als würde der Hamburger SV im finalen Saisonspiel gegen den Karlsruher SC noch einmal sämtliche Facetten einer aufregenden Saison im Schnelldurchlauf Revue passieren lassen. Am Schluss stand ein 7:0 (3:0) zu Buche und die Qualifikation für den UEFA-Cup war geschafft. Zumindest dieses Ergebnis hatte es im bisherigen Verlauf eines ereignisreichen Spieljahres noch nicht gegeben.
Einer der besten Spieler der Liga
Es dauerte bis zur 23. Minute, ehe HSV-Kapitän Rafael van der Vaart einen an David Jarolim verursachten Foulelfmeter eiskalt verwandelte. Eben jener van der Vaart, der mit einem Wechsel zu einem europäischen Topverein kokettiert. Am Ende standen bei ihm auch noch drei Vorlagen auf der Habenseite. Erkenntnis Nummer eins: Der Offensivvirtuose ist trotz zwischenzeitlicher Krise immer noch einer der besten Spieler der Bundesliga. Ob er denn bleiben würde, wurde van der Vaart nach dem Kantersieg gefragt. Er sagte schmunzelnd: "Ja, wie es aussieht, werde ich auch nach der Saison noch hier sein, aber im Fußball ist alles möglich."
Top-Angreifer und umsichtige Strategen
Die folgenden drei Tore erzielte Paolo Guerero, der zu den wenigen echten Gewinnern einer nicht immer reibungsfreien HSV-Saison zählen kann. Er wühlt, ackert und spielt technisch ansehnlichen Fußball, seit einem halben Jahr fast immer konstant auf hohem Niveau. Lohn dafür sind insgesamt neun Saisontore und längst ein Stammplatz in seiner zweiten Saison an der Elbe. Die letzten beiden Treffer erzielte dann der umtriebige Angriffskollege Ivica Olic, der sein Torekonto gar auf 14 hochschrauben konnte. Erkenntnis Nummer zwei: Der HSV hat gute Stürmer.
Die niederländische Achse komplettieren hinter van der Vaart der bissige Stratege vor der Abwehr Nigel de Jong, nach einer starken Spielzeit wohl endgültig zur Leitfigur aufgestiegen, und Defensivchef Joris Mathijsen, längst unumstrittene Integrationsfigur auf und außerhalb des Platzes. Erkenntnis Nummer drei: Der HSV hat Kerle, die in der Lage sind, taktisch und technisch auch anspruchsvolle Aufgaben zu lösen.
Voll im Plan trotz verpasster Chancen
HSV-Präsident Bernd Hoffmann zog somit ein insgesamt positives Saisonfazit. "Wir sind voll im Plan", bilanzierte der Boss, der nie hinterm Berg hält, mittelfristig in die Phalanx der ganz großen Klubs in Europa eindringen zu wollen. So relativierte er: "Ruhig betrachtet war es auch eine Saison mit verpassten Möglichkeiten." Denn die Rothosen harrten eine ganze Weile auf Rang zwei, ehe sie nach einem zwischenzeitlichen Einbruch nun Vierter wurden.
Nach der Partie saß Hoffmann sogleich mit HSV-Finanzchef Cay Dingwort zusammen. Mit ihm gilt es nun, die Millionen zu extrahieren, die aus den UEFA-Cup-Einnahmen in die Kaderverstärkungen fließen sollen. Erkenntnis Nummer vier: Die Hanseaten haben sich auf hohem Niveau in der Liga konsolidiert, um in die europäische Top 20 einzubrechen fehlt die Substanz vor allem in der Kadertiefe. Auch wenn EM-Kandidat Piotr Trochowski - zuletzt oft Bankspieler - mit einem fulminanten Weitschuss das 5:0 markierte und sein ganzes Können aufblitzen ließ
Stevens hat Latte hoch gelegt
HSV-Trainer Huub Stevens wurde unter frenetischem Jubel verabschiedet. Er hat unterm Strich das Team vor gut 15 Monaten auf Rang 18 übernommen und fit für Europa gemacht, so fast nebenher erreichten die Hamburger ja auch noch das Achtelfinale im UEFA-Pokal. Erkenntnis Nummer fünf: Stevens hat insgesamt einen guten Job gemacht. "Er hat die Latte für seinen Nachfolger hoch gelegt", lobte Hoffmann. Erkenntnis Nummer sechs: Stevens' Nachfolger im Amt, Martin Jol, übernimmt ein flottes Team in einem gesunden Verein, dessen Ansprüche immer dem Höheren entgegenstreben, was sehr viel Arbeit für ihn heißen wird. Erkenntnis Nummer sieben: Beim HSV wird auch weiterhin viel los sein.
Arbeit wartet kommende Spielzeit auch auf KSC-Coach Ede Becker. Nach einer sagenhaften Hinserie, stürzten die Karlsruher in der Rückrunde komplett ab. Der Auftritt in Hamburg war ein spielerischer Offenbarungseid der Badener. Becker warnte jetzt schon einmal prophylaktisch vor dem zweiten Jahr nach dem Aufstieg 2007: "Ohne Körpersprache hat man keine Chance in der ersten Liga."
Aus Hamburg berichtet Martin Sonnleitner / Eurosport