Eurosport - Do 22.Mai. 20:25:00 2008
Am Ende hockte Michael Ballack alleine im Regen - und weinte bitterlich. Nach der 5:6-Pleite in der Elfmeterlotterie sprach der leere Blick des besten Chelsea-Spielers Bände: Wieder ein Champions-League-Finale, wieder nur der Trostpreis. Das Endspiel der "Königsklasse" wird für Ballack zum Fluch.
Nur wenige Minuten zuvor ballte der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft noch die Fäuste, schrie seine Freude ins weite Rund und feuerte seine Kollegen an: Ballack eröffnete mit seinem versenkten Elfmeter das Zitterspiel vom Punkt, sorgte damit für den beruhigenden Auftakt in den Krimi. Als kurz danach auch noch Manchester Uniteds Überflieger Cristiano Ronaldo mit der ihm eigenen Mischung aus Überheblichkeit und Show seinen Strafstoß verpatzte, schien sich der mittlerweile tiefschwarze Moskauer Nachthimmel langsam blau einzufärben - alles war bereitet für einen Triumph für Ballack und Co.
Doch dann kam John Terry und schrieb ein neues Kapitel in der unendlich anmutenden Geschichte englischer Elfmeter-Dramen - der Chelsea-Kapitän rutschte beim Anlauf aus und donnerte den Ball an den rechten Außenpfosten. ManU-Torhüter Edwin van der Sar besiegelte danach mit seiner Parade des Schusses von Nicolas Anelka die Chelsea-Niederlage. Spätestens seit David Beckhams vergeigtem Elfmeter gegen Portugal bei der EURO 2004 sollte die ganze Welt doch wissen: Lass niemals einen Engländer den entscheidenden Elfer schießen, wenn es irgendwie anders geht. Chelsea-Coach Avram Grant scheint davon noch nicht gehört zu haben...
Ballack Chef im Ring
Ballack - die tragische Figur der Champions League. Zwei Mal stand der 31-Jährige im Endspiel um die europäische Vereinskrone, zwei Mal musste sich der Mittelfeldspieler mit dem Trostpreis zufrieden geben. 2002 mit Bayer Leverkusen befand sich der 79-fache Nationalspieler gegen Real Madrid in der Außenseiterrolle. Anno 2008 duellierten sich aber zwei Teams auf Augenhöhe.
Besonders bitter für den Deutschen: Er zählte in dem temporeichen Finale zu den besten Akteuren auf dem Platz, war auf Seiten der Londoner Ideengeber, Organisationschef und Scharfschütze - allein in der ersten Hälfte, als die "Blues" dem massiven Druck von Manchester kaum etwas entgegenzusetzen hatten, feuerte der Nationalspieler vier Torschüsse ab - mehr als seine Teamkollegen bis zu diesem Zeitpunkt zusammen. Ballack war der Chef im Ring. Sehr zur Freude von Joachim Löw, der das dramatische Finale im Trainingslager der Nationalmannschaft auf Mallorca verfolgt hatte. Der Bundestrainer hat es mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen, dass sein wichtigster Spieler pünktlich vor der EURO zur Top-Form gefunden hat.
Top-Spieler ohne Europas Krone?
"Es war ein packendes Finale, in dem Michael Ballack eine starke Leistung geboten hat. Ein Spiel, das läuferisch, kämpferisch und spielerisch auf einem so hohen Niveau steht, hat keinen Verlierer verdient", resümierte Löw, der seinem "Leitwolf" Trost und Mut zusprach. "Er wird schon zwei, drei Tage daran zu knabbern haben, die Enttäuschung ist natürlich groß." Auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff lobte: "Michael Ballack hat ein super Spiel gezeigt und bewiesen, dass er zurecht als einer der Top-Spieler eingestuft wird."
Ein Top-Spieler, der möglicherweise niemals die Champions-League-Trophäe in Händen halten wird. Diese Angst war Ballack nach der Entscheidung ins Gesicht geschrieben. Der Blick des 31-Jährigen sagte: "Ich werde das verdammte Ding vielleicht niemals gewinnen." Auch die aufmunternden Schulterklopfer der Kollegen und Betreuer halfen da nichts. Ballack war mit sich und seinem erneut geplatzen Traum alleine.
Nach einigen Minuten raffte sich der Führungsspieler der deutschen Nationalmannschaft dann aber doch auf, holte sich bei UEFA-Präsident Michel Platini seine Silber-Medaille ab und verfolgte still den Siegesjubel der ManU-Stars. Denn eines ist auch nach der Pleite in Moskau klar: Die Mission Titeljagd 2008 ist für Ballack noch lange nicht beendet...