Eurosport - Sa 26.Jan. 17:52:00 2008
Volker Zerbe, der Europameister von 2004 und Geschäftsführer des Bundesligisten TBV Lemgo, äußert sich im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de zu den bisherigen Auftritten der deutschen Mannschaft, den Verletzungssorgen und den Chancen im Halbfinale gegen Dänemark.
Herr Zerbe, die deutsche Mannschaft hat dank eines Sieges gegen Schweden mit Ach und Krach das Halbfinale erreicht. Der Preis dafür war allerdings hoch: Für Abwehrspezialist Oliver Roggisch ist wegen eines Muskelfaserrisses die EM beendet. Auch ihr Spieler, Michael Kraus, schlägt sich mit einer Unterarmprellung herum. Wissen Sie schon Genaueres bezüglich Kraus?
Zerbe: Ich habe mit ihm noch nicht gesprochen, habe aber auch die Information, dass es sich um eine Prellung handelt. Sicherlich ist seine Verletzung nicht so schwer wie die von Oliver. Ich gehe davon aus, dass "Mimi" im Halbfinale dabei sein wird.
Der Ausfall von Abwehrchef Roggisch ist ein schwerer Rückschlag für das Unternehmen EM-Titel...
Zerbe: Das ist schon ein schwerer Schlag, den wir erst einmal verkraften müssen. Aber ich bin überzeugt, dass die Mannschaft weiterhin positiv denkt und versuchen wird, diesen Ausfall irgendwie zu kompensieren. Es stehen ja auch noch andere Kräfte zur Verfügung, allerdings ist es immer schwer sich neu zu sortieren, wenn ein Spieler der ersten Sieben ausfällt.
Im Gegensatz zum Spiel gegen Frankreich kam der Angriff gegen Schweden besser ins Rollen, die Abwehr allerdings machte nicht mehr einen so stabilen Eindruck. Gewinnt man im Handball Spiele also doch im Angriff?
Zerbe: Nein, das glaube ich nicht. Im Handball wird man weiterhin Spiele in der Abwehr gewinnen. Der Unterschied zwischen den Partien gegen Frankreich und Schweden war einfach, dass die Franzosen eine weitaus aggressivere Deckung gespielt haben als die Schweden. Gegen die Skandinavier hatte unser Rückraum mehr Handlungsspielraum und konnte sich viel besser entfalten. Man darf auch nicht unterschätzen, dass die Akteure mittlerweile viele Partien absolviert haben und die Kraft und damit auch die Konzentration allmählich nachlässt. Dadurch fallen insgesamt mehr Tore. Das Tempo ist aber nach wie vor sehr hoch, da fehlt in der Abwehr dann manchmal die Kraft.
Deutschland hatte große Probleme, sobald ein Gegner 5-1 deckt. Warum kann man dem Weltmeister mit einem vorgezogenen Spieler so große Probleme bereiten?
Zerbe: Für mich sind das Momentaufnahmen. Es ist ja nicht so, dass die deutsche Mannschaft generell nicht in der Lage ist, sich gegen eine offensive Abwehr durchzusetzen. Man muss aber noch konzentrierter zu Werke gehen. Gegen eine 6-0-Abwehr verfügt das Team über ein Vielzahl von Spielzügen und Angriffsstrategien. Bei einer offensiveren Deckung kann man unseren Aufbau im Angriff natürlich viel effektiver stören und den Spielfluss unterbrechen. Dann sind nicht nur 1-gegen-1-Aktionen gefragt, sondern auch Entscheidungen, die man innerhalb von Sekundenbruchteilen intuitiv fällen muss. Das Team hat in diesen Stresssituationen bisher mit Sicherheit nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen.
Jetzt geht es gegen die bisher überzeugend auftretenden Dänen um den Einzug ins Finale. Glauben Sie, dass nochmal eine Leistungssteigerung möglich ist? Notwendig wird sie sein...
Zerbe: Ich denke schon, dass die Mannschaft trotz der Probleme sich an dem Ziel EM-Titel orientieren und alle Kräfte mobilisieren wird. Die Dänen haben bisher ein sehr gutes Turnier gespielt und eine sehr stabile Abwehr mit hervorragenden Torhütern präsentiert. Heiner Brand und das Team werden sich aber akribisch auf dieses Halbfinale vorbereiten und ich glaube auch, dass Deutschland sich knapp durchsetzen wird.
Heiner Brand hielt in den bisherigen Spielen sehr lange an einigen Positionen und auch am System fest. Hätte Brand nicht viel eher Wechsel auf den Halbpositionen in Betracht ziehen müssen? Ihr Spieler Lars Kaufmann wäre doch eine Alternative zu Hens...
Zerbe: Der bisherige Turnierverlauf hat Brand natürlich viel eher die Möglichkeit gegeben, auch anderen Spielern Einsatzzeit zu gewähren. Denn der bisherige Eindruck war, dass die Leistungen einiger Akteure nicht so konstant waren wie noch bei der Weltmeisterschaft in Deutschland. Es ist aber auch wichtig, dass man solchen Spielern die Chance gibt, ins Turnier und zu ihrer Form zu finden. Die andere Frage ist aber: Wie sieht es bei diesen Spielern mit der Kraft aus? Daher wäre es ratsam, mehrere Spieler im Verlaufe des Wettbewerbs zum Einsatz zu bringen.
Pascal Hens beschäftigt die deutschen Fans besonders. Gegen Schweden deutete er einen Aufwärtstrend an. Glauben Sie, dass er noch zu einem Faktor für die deutsche Mannschaft werden kann?
Zerbe: Auf jeden Fall. Er ist eine der Säulen des Spiels DHB-Auswahl. Er hat schon bewiesen, dass er sich aus einem Tief herausspielen kann. Pascal ist ein ganz wichtiger Faktor. Allerdings muss er auch ins Spiel gebracht werden, das Spiel muss auch ein Stück weit auf ihn zugeschnitten sein. Dann ist Pascal auch noch bei dieser EM zu herausragenden Leistungen im Stande.
Eine weitere Baustelle ist die Position des Kreisläufers. Was sagen Sie zum Abschlussverhalten der Kreisspieler?
Zerbe: Andrej Klimovets und Sebastian Preiß haben enorm gerackert und viel gearbeitet. Ich denke, dass beide bisher eine sehr gutes Turnier spielen und auch gut in Szene gesetzt worden sind. Die Effektivität ist ebenfalls in Ordnung. Beide haben es natürlich schwer, da die Qualität der Abwehrreihen bei dieser EM wirklich sehr hoch ist.
Wird es das Traumfinale Deutschland - Frankreich mit einem späteren Europameister Deutschland geben?
Zerbe: Das ist schwer zu beantworten. Jetzt kommt erst einmal eine sehr, sehr hohe Hürde - und die heißt Dänemark. Und dann müssen sich ja auch erst noch die Franzosen gegen die Kroaten durchsetzen, obwohl ich fest mit einem Sieg Frankreichs rechne. Es ist alles denkbar - auch ein Europameister Deutschland.
Das Gespräch führte Stefan Zürn / Eurosport