EM 2008 - Magerkost, Lehrgeld, Ausrufezeichen

Eurosport - Do 27.Mrz. 17:24:00 2008

Prinzip Wundertüte: Die Tests der EM-Favoriten boten beeindruckende Klasse, mageres Mittelmaß und erschreckende Schwäche. Spanien und Rumänien trumpften auf, Italien, Kroatien und Griechenland gefielen, Frankreich, Tschechien und die Niederlande zeigten Ansätze, Polen und Portugal enttäuschten.

FOOTBALL 2007-2008 Friendly Match Spain Italy España Italia Panucci Torres - 0

Frankreich-England 1:0:

Nix war's mit einem Fußballfest im Stade de France: Die Leistung der beiden Teams schwankte zwischen "Pudding und Schlaftablette" ("L'Equipe"), die beiden Höhepunkte einer allenfalls durchschnittlichen Partie waren die "standing ovations" der Fans zu Ehren des glanzlos agierenden David Beckham bei seiner Auswechslung ("Das hat mich sehr bewegt") und die bewegende Geste von Torschütze Franck Ribéry: Der Bayern-Star widmete seinen verwandelten Foulelfmeter zwei verstorbenen Bekannten.

Sportlich blieb festzuhalten, dass bei den "Bleus" der unauffällige David Trezeguet seine Chance auf die EM-Teilnahme fast verspielt haben dürfte, wenig besser sieht es für Nicolas Anelka aus, der immerhin den Strafstoß herausholte.

Spanien-Italien 1:0:

Langsam wird es gefährlich für die anderen hochgewetten EM-Teilnehmer, sich nur auf Spaniens Schwäche als Turniermannschaft zu verlassen. Nach Frankreich besiegten die Gastgeber nun mit Italien auch den zweiten WM-Finalisten - der dabei zudem eine alles andere als leichte Beute war. Der Weltmeister hatte etliche Großchancen, insbesondere durch Mauro Camoranesi, und in Gianluigi Buffon einen grandiosen Rückhalt. Ihm stand sein Gegenüber Iker Casillas in nichts nach und trotz eines im Nationaldress einmal mehr unauffälligen Cecs Fabregas hatte die Elf von Luis Aragones das bessere Ende für sich: Das Traumtor von David Villa machte in Elche den Unterschied aus und ließ die einheimische Sportpresse träumen: "Wenn man so gewinnt, ist alles möglich", schrieb "Marca".

Griechenland-Portugal 2:1:

Traumatisch verlief die Neuauflage des EM-Endspiels von 2004 für die auf Revanche brennenden Portugiesen. Ohne Deco, Nani und Cristiano Ronaldo mussten sie sich erneut den Schützlingen von Otto Rehhagel geschlagen geben, die man bei ihrem Projekt Titelverteidigung besser nicht noch einmal unterschätzen sollte. Der Sieg war hochverdient, die beiden Treffer von Karagounis ein Genuß und nach dem besten Ergebnis aller Teams in der Qualifikation unterstrichen Gekas und Co. einmal mehr ihre Klasse. "Vor einem großen Turnier ist alles Spekulation. Wenn die EM losgeht, kann man alles andere vorher vergessen", stapelte Rehhagel im Anschluss tief - zumindest den Portugiesen wird die Niederlage noch lange nachgehen.

Rumänien-Russland 3:0:

Mehr als nur ein Geheimfavorit wird zunehmend auch Rumänien: Gegen die erschreckend schwachen Russen dominierte Frankreichs Auftakt-Gegner in Bukarest nach Belieben. VfB-Stürmer Ciprian Marica erzielte kurz vor der Pause (und seiner Auswechslung) mit schöner Einzelleistung die Führung gegen die nur selten gleichwertige Gäste-Elf von Guus Hiddink. Sein rumänisches Pendant Victor Piturca konnte zur Halbzeit mit drei Wechseln sogar das komplette Spielsystem umbauen und eine neue Variante testen: "Das hat bewiesen, dass wir nicht von einzelnen Akteuren abhängig sind. Wir haben in machen Situationen exzellent gespielt", zog der Trainer zufrieden Bilanz.

Österreich-Niederlande 3:4:

Geteiltes Leid ist halbes Leid: Schwer zu sagen, welcher der beiden EM-Ausrichter frustrierter die Lichter ausmachte - doch die Partie in Wien dürfte noch lange in der Erinnerung der Fußballfans präsent sein, wenn das Ergebnis aus Basel schon vergessen ist. Österreich präsentierte sich rund eine Stunde lang überlegen, auch wenn die Torwartleistung von Henk Timmer ihnen mehr als nur eine Hilfe war: Der Keeper schien sich für den Posten des englischen Nationaltorhüters bewerben zu wollen. Umso eindrucksvoller war das "Comeback" der Niederländer, angeführt von Clarence Seedorf zeigten sie in der Schlussphase, dass sie mit einem Edwin van der Sar durchaus auch in der "Hammergruppe" C ihre Chance haben werden.

Polen-USA 0:3:

Sollte Polen im Juni ähnlich derangiert agieren wie beim Test in Krakau, kann sich die DFB-Elf bald tatsächlich schon fast im Voraus ganz aufs Viertelfinale konzentrieren. Die nicht gerade drückend überlegenen Gäste kamen durch drei Standardsituationen zu einem ungefährdeten Sieg, der für tiefen Frust sorgte: "Alle liefen wie in der Dunkelheit und behinderten sich gegenseitig", monierte die Zeitung "Rzeczpospolita". Polen-Coach Leo Beenhakker bemühte sich zwar, mit all' seiner Erfahrung den Ball verbal flach zu halten ("In zwei Monaten wird man eine andere polnische Mannschaft sehen"), doch am Urteil einer "Blamage" ("Gazeta Wyborcza") konnte das nichts ändern.

Dänemark-Tschechien 1:1:

In Herning bewiesen die Tschechen, dass sie zumindest trotz etlicher Ausfälle einen solchen Test halbwegs erfolgreich überstehen können: Ohne Regisseur Tomas Rosicky, Marek Jankulovski und Torwart Petr Cech (vertreten von Nürnbergs Jaromir Blazek) gelang es Jan Koller, mit seinem 52. Länderspieltor die Führung durch Nicklas Bendtner kurz vor der Pause auszugleichen. Allerdings konnte die Truppe von Karel Brückner ihre Chancen zum Sieg nicht nutzen, sie mussten sogar Blazek dankbar sein, dass er mit einem tollen Reflex gegen Thomas Kristensen zwischenzeitlich einen höheren Rückstand verhinderte.

Schottland-Kroatien 1:1:

Gegen eine geschwächte schottische Elf kam Ivan Klasnic zu seinem Comeback im Nationaldress, doch zufrieden war er mit dem Ergebnis nicht. "Ich kann nicht ganz zufrieden sein. Wir waren überlegen, doch wir hätten gerade in der Schlussphase mehr aus unseren Gelegenheiten machen müssen", erklärte Bremens Angreifer. Trainer Slaven Bilic zeigte sich erleichtert, dass sein Team den Ausfall von Eduardo gut zu verkraften scheint: "Die Ersatzleute haben ihre Sache gut gemacht, wir haben starke Spieler auf der Bank - das gibt Sicherheit."

Andreas Schulz / Eurosport