Eurosport - Mi 30.Jan. 14:20:00 2008
Beide sind Nationaltrainer und beide stehen für Erfolg - ansonsten aber trennen Weltmeister Heiner Brand und Ulrik Wilbek, mit Dänemark frischgebackener Europameister, Handball-Welten. Während Brand auf eine klare Hierarchie baut, "regiert" bei Wilbek ein Heer von Ministern.
"Lars Jörgensen ist der Chef in der Deckung, wir nennen ihn Arbeitsminister. Joachim Boldsen ist unser Angriffsminister und Bo Spellerberg ist der Computerexperte - der Technikminister", erklärte Wilbek in einem Interview den "Kieler Nachrichten". Daneben verfügt der Europameister mit Lars Rasmussen über einen teaminternen "Reiseminister", während der überragende Torhüter Kasper Hvidt neben der Verhinderung von Gegentoren auch für das Amt des "Kommunikationsministers" zuständig ist.
Was sich wie ein Rollenspiel für Jugendliche anhört und von einigen Experten allenfalls mitleidig belächelt wurde, hat Dänemark am 27. Januar 2008 den größten Handball-Erfolg seiner Geschichte beschert - den EM-Titel.
"Keiner wichtiger als der andere"
Jahrelang hatte der 49-Jährige mit seiner Philosophie auf diesen Triumph hingearbeitet. "Ich habe versucht, aus bestimmten Mustern auszubrechen, damit die Spieler einen neuen Weg bestreiten konnten", beschrieb der ehemalige Grundschullehrer in der dänisch-deutschen Zeitung "Nordschleswiger" seinen Ansatzpunkt.
Den Kapitän gibt es im Wilbek-Team längst nicht mehr, denn "keiner ist wichtiger als der andere", und auch "ich sitze als Trainer nicht wie üblich bei Busfahrten in der ersten Reihe, sondern mitten unter den Spielern", betont der neue dänische Volksheld.
"Schlimmer als beim Militär"
Auch beim südlichen Nachbarn Deutschland gibt es einen Helden auf der Trainerbank. Doch Brand, von seinem ehemaligen Spieler Stefan Kretzschmar als "Lichtgestalt" geehrt, pflegt einen ganz anderen Stil. Der 55-Jährige hat den deutschen Fans mit einer klaren Hierarchie im Team das "Wintermärchen 2007" geschenkt und dem DHB nach 1978 den zweiten WM-Titel beschert.
Auch dieser Erfolg war die fast logische Konsequenz jahrelanger, konstanter und vor allem konsequenter Arbeit - die allerdings nicht immer auf Gegenliebe stieß: "Als er anfing in der Nationalmannschaft, war das eine Katastrophe. Da gab es Regeln, die waren schlimmer als beim Militär. Um elf Uhr abends war Bettruhe, und Heiner saß auf dem Flur und hat kontrolliert. Beim Essen durften wir keinen Ketchup nehmen, keine Mayonnaise. Cola, Fanta, Sprite standen auf dem Index. Übers Rauchen müssen wir gar nicht reden. Er war da absolut militant", erinnert sich Ex-Nationalspieler Kretzschmar in der "Welt" an die Anfangszeit der Ära Heiner Brand.
Zwar sei der Gummersbacher nach den ersten Erfolgen gelassener geworden, doch nachdem die Routiniers im Team zurückgetreten waren, zog der "Mann mit dem Schnauzer" die Zügel wieder an. "Disziplinarisch hat er dann wieder hart durchgegriffen, den Ausgang für die Spieler gestrichen und das auch wieder kontrolliert. Gerade bei so großen Turnieren wie hier bei der EM in Norwegen lebt Heiner in seiner ganz eigenen Welt", erklärt Kretzschmar.
Sowohl das "Minister-System" von Wilbek oder die "harte Hand" von Brand - beide Philosophien haben auf ihre Weise funktioniert und werden schon im August bei den Olympischen Spielen in Peking wieder auf dem Prüfstand stehen.
Tobias Laure / Eurosport