Dem Sieg so nahe und doch so fern

Höhenrausch

Das "M312" auf Mallorca gehört zu den schwersten europäischen Eintagesrennen für Jedermänner im Frühjahr. Der Name des Events auf der Baleareninsel ist der Gesamtdistanz von 312 Kilometern geschuldet. Zudem warten 4.300 Höhenmeter auf das Peloton.

Zdenek Weis (51) hat sich dem Abenteuer "M312" bereits zum zweiten Mal in Folge gestellt. Sam, wie Weis von seinen Freunden genannt wird, ist am 28. April auf "Malle" nicht einfach nur mitgerollt - zum Sieg fehlten ihm ganze drei Sekunden.

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Mein Wintertraining gestaltete ich mit Krafttraining und harten Sessions auf dem Spinning-Bike so hart wie nie zuvor. Einige Einheiten auf der Bahn in Augsburg und zwei Trainingslager auf Mallorca komplettierten meine Vorbereitung. Mit rund 7.500 km in den Beinen bin ich gut vorbereitet und hoch motiviert in das Rennen gegangen. Am Start war ich trotz aller Aufregung überraschend entspannt.

Nach dem Start um 7:00 Uhr in Playa de Muro ging es über 14 Kilometer neutralisiert nach Port de Pollenca. Am Anstieg Richtung Kloster Luc wurde das Rennen freigegeben. Von nun an ging es richtig zu Sache. Bis zum Kloster über den Coll de Femenia (536m) bei Kilometer 40  konnte ich mit der Spitzengruppe mitgehen. Am Coll de sa Batalla musste ich leider abreißen lassen.

Da ich über meine Stärke in den anstehenden flacheren Anstiegen und in der Ebene wusste, bin ich ruhig geblieben und einfach mein eigenes Tempo weitergefahren. Auf dem Gipfel des Puig Major, dem auf 875 Metern höchsten Punkt des Rennens, meldete mein Sohn (und Betreuer) Thomas bei Kilometer 55 einen Rückstand von zwei Minuten auf die Führenden. "Passt, alles im grünen Bereich", dachte ich mir. In diesem Moment fuhr mich auch schon die Verfolgergruppe auf.

In der Abfahrt nach Soller haben mich die Jungs von hinten wieder aufgesammelt. Mit dabei, mein Freund und Teamkollege von BMW-Radsport, Jürgen Knupe. Das hat mich zusätzlich motiviert, weil ich mich sehr für Jürgen gefreut habe, dass er vorne dabei war. Schließlich ging er gesundheitlich angeschlagen ins Rennen und wusste nicht, wie es ihm ergehen würde. Letztendlich hat er einen hervorragenden 13. Platz auf der kurzen Strecke über 167 Kilometer erreicht.

Von der pittoresken Hafenstadt Soller aus ging es gemeinsam über Can Bleda und Can Costa Richtung Valldemossa - gespickt mit etlichen Höhenmetern ständig und rauf und runter. Nach 91 Kilometern folgte die erste Verpflegung und die Strecke teilte sich in die kurze sowie die lange Version. Da ich zur Spitzengruppe vorstoßen wollte, startete ich einige Ausreißversuche, wurde aber immer wieder eingefangen.

Nach einer beherzten Abfahrt nach Valldemossa und Dank der perfekten Abfertigung an der Verpflegung durch meinen Sohn konnte ich mich aus der Gruppe lösen und machte mich gemeinsam mit einem spanischem Bergfloh auf die Verfolgung der Leader.

Auf dem Weg über den zweithöchsten Punkt des Rennens, den Coll d'en Claret, haben wir uns gut ergänzt, perfekt gewechselt und Sekunde für Sekunde gutgemacht. Mein Sohn fuhr immer wieder mit dem Begleitfahrzeug vor, nahm die Zeiten und meldete mir die Abstände nach vorne sowie nach hinten. Ganz nebenbei schoss er auch noch das eine oder andere schöne Foto.

Ich wusste, dass wir zu zweit gegen eine zehn Mann starke Gruppe im Flachen wenig Chancen haben. Deswegen habe ich alles gegeben, um spätestens an der nächsten Verpflegungsstelle in Calvia bei Kilometer 140 wieder bei den Leuten zu sein. Fortan warteten nur noch ein paar Hügel, bis es flach und das Rennen verdammt schnell wurde.

Unsere harte Zusammenarbeit hat gefruchtet. So haben wir die Spitze kurz vor der dritten Verpflegungsstelle erwischt. Leider wurden sich die Jungs nicht einig und auch mein Versuch die Gruppe zu organisieren blieb erfolglos.

Logische Folge: Wir wurden aufs Neue von hinten aufgefahren. Die Spitzengruppe wuchs auf rund 30 Mann an und heizte mit einem höllischen Tempo zwischen 45 und 50 km/h durch Palma de Mallorca. Anschließend wurde es wieder wellig und so verabschiedete sich bis auf zwölf Mann ein Fahrer nach dem anderen.

Mit von der Partie: Ex-Profi Jörg Ludewig, Teamchef der Jedermann-Truppe "Team Alpcin". "Lude" spielte all seine Erfahrung aus und prägte das Renngeschehen in der Schlussphase maßgeblich. Bei jeder seiner Attacken ging ein Seufzen durch die Gruppe, denn sein Antritt bedeutete brennende Oberschenkel.

Gemeinsam mit mir machte der ehemalige Profi vom Team Telekom aber auch zahlreiche Attacken der anderen Fahrer zunichte. "Du hast aber ganz schön Bums in den Beinen", lobte "Lude" meine Fahrweise und fragte, wo ich herkomme. "Aber nicht so viel Power wie Du", zollte ich meinen Respekt. "Ich habe aber in etwa 300.000 Kilometer Vorsprung, da ich ein paar Jahre vom Radsport gelebt habe", erwiderte Ludewig mit einem Lächeln und meinte weiter: "Es gefällt mir, wie du fährst, schau ein bisschen auf mich!" Seine Attacken haben mir trotzdem gehörig zu schaffen gemacht.

Zwar haben auch andere Fahrer Attacken gestartet, aber weggekommen ist keiner. Da ich die Strecke vom letzten Jahr kannte, und auch in der Vorbereitung mehrmals abschnittsweise abgefahren bin, machte ich mir vor den letzten beiden Steigungen bei Kilometer 300 und 305 ein wenig Sorgen. Hatte ich noch genug Kraft, die Angriffe jener Konkurrenten zu kontern, die sich bislang zurückgehalten hatten? Schließlich hatte ich viel Führungsarbeit geleistet und ein paar Löcher zugefahren. Zu Beginn der ersten Welle habe ich dann selbst mal draufgedrückt und plötzlich wurde es um mich herum still. Entweder konnte oder es wollte keiner mitgehen.

In der zweiter Steigung fünf Kilometer weiter ist der Abstand derartig angewachsen, dass ich dachte, es könnte sich ausgehen. Dann ging es leicht bergab und ich trat noch einmal mächtig in die Pedalen.

Am Ortseingang von Can Picafort nach 308 Kilometern tauchte urplötzlich ein groß gewachsener Spanier neben mir auf. Mit Schaum vor dem Mund rief er mir zu: "Hi man. Where do you want to go?" Sowohl der fiese Blick als auch der Spruch werden mir ein Leben lang im Gedächtnis bleiben.

Er war es, der die Gruppe zu mir geführt hatte und meiner Flucht ein jähes Ende bereitete. Allerdings hatte auch er seine letzten Körner aufgebraucht. Es war nur ein kleiner Trost, dass sich der spanische Hüne im Ziel hinter mir einreihte.

Auf den letzten Kilometern wurde ein Wahnsinns-Tempo gefahren und ständig attackiert. Meine Muskeln schmerzten höllisch, ich bewegte mich ständig an der Krampf-Grenze, und mein Kopf wollte seinen Dienst ebenfalls quittieren.

Bei der entscheidenden Attacke rund 300 Meter vor dem Ziel war ich wie in Trance, meine Beine wurden von starken Krämpfen gebeutelt. Im Zielsprint fehlten mir nach 312 Kilometern ganze 15 Meter zum Sieg.

Doch die Anerkennung meiner Frau Dzenka, die mich gleich nach Überquerung der Ziellinie in den Arm nahm und tröstende Worte fand und das Lob von Protagonisten wie Jörg Ludewig halfen schnell, die drei Sekunden, die mich den Sieg gekostet haben, zu vergessen und mich auf die nächsten Aufgaben zu freuen und vorzubereiten.

Zur Person:

Zdenek (Sam) Weis wurde am 23. Juli 1960 in Karlsbad geboren. Der gebürtige Deutsche war schon immer sportbegeistert. Von 1986-2006 investierte Weis seine ganze Kraft in die Sportkarriere seiner Söhne. Lukas wurde mehrfacher Deutscher Meister im Motocross, Supercross und Freestyle Motocross und verdient inzwischen seinen Unterhalt als Profi.

Der jüngere Sohn Thomas verpasste den deutschen Pokalsieg im Motocross nur um 1,5 Punkte. Aufgrund einer schweren Rückenverletzung nach einem Sturz im Jahr 2005 bekam Thomas als Reha-Maßnahme das Training mit einem Straßenrand verordnet. Sein Vater begleitete ihn dabei und entdeckte seine Liebe zum Radfahren.

Im Winter 2006 kaufte sich Weis sein erstes Rennrad und bestritt schnell die ersten Rennen. Seither absolviert er den 60 Kilometer umfassenden Arbeitsweg so oft wie möglich auf dem Renner. Insgesamt strampelt Weis 23.000 Kilometer jährlich auf dem Rad ab.

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