Fußball-WM: Was sagen Amnesty und Co. zur aktuellen Menschenrechtslage in Katar?

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Menschenrechtsorganisationen haben seit Vergabe der Fußball-WM der Männer nach Katar das Land verstärkt im Blick. Sie wollen die Aufmerksamkeit während der Veranstaltung nutzen, um eine Verbesserung der Situation vor Ort herbeizuführen.

das al-Bayt-Stadion in al-Chaur
Austragungsort des Eröffnungsspiels der Männer-Fußball-WM: das al-Bayt-Stadion in al-Chaur. Foto: Xinhua / gettyimages

Ende November startet die umstrittene Fußball-WM der Männer in Katar. Während zuletzt mit der kurzfristigen Änderung des Spielplans ein eher kleiner Umstand für Ärger sorgte – das Eröffnungsspiel wurde um einen Tag vorverlegt, damit es wie üblich das Gastgeberland austrägt – ist die Menschenrechtssituation in Katar schon lange im Fokus.

WM ohne Arbeitsmigrant*innen nicht möglich

Amnesty International dokumentiert und veröffentlicht seit Vergabe der Weltmeisterschaft nach Katar verstärkt Verstöße gegen Menschenrechte – vor allem gegen Arbeitsmigrant*innen. So soll mit der internationalen Aufmerksamkeit während der Großveranstaltung Druck aufgebaut werden, um eine Verbesserung der Situation vor Ort herbeizuführen.

Die Menschenrechtsorganisation schreibt beispielsweise, dass die WM ohne Arbeitsmigrant*innen gar nicht erst möglich gewesen wäre, sie aber trotzdem weiterhin schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt seien. Mittlerweile machten Arbeitsmigrant*innen in Katar rund 90 Prozent der Bevölkerung aus, sie kommen laut Amnesty „beim Bau der Infrastruktur des Sportevents, im Sicherheitssektor sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe rund um das Turnier zum Einsatz“. Und das oftmals „unter ausbeuterischen und missbräuchlichen Arbeitsbedingungen“.

Gewerkschaften sind verboten

Diese kommen laut Amnesty in einigen Fällen Zwangsarbeit gleich, was an folgenden Gründen liege: Laut Untersuchungen und Befragungen durch Amnesty und Kooperationspartnern vor Ort würden Todesfälle unter Arbeitsmigrant*innen bei der Arbeit nicht immer untersucht. Außerdem erfolge die Auszahlung des Mindestlohns von umgerechnet 247 Euro im Monat oft nur „unregelmäßig, verspätet oder gar nicht“. Um die Arbeiter*innen zum Aufenthalt im Land zu zwingen, würden ihre Reisepässe von den Arbeitgeber*innen einbehalten. Es wird Arbeitsmigrant*innen zudem unmöglich gemacht, auf die Durchsetzung ihrer Rechte zu pochen, da es per Gesetz untersagt ist, Gewerkschaften zu gründen.

Katja Müller-Fahlbusch, Expertin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International in Deutschland, sieht auch den Fußballweltverband FIFA in der Verantwortung: „Die FIFA hat die Augen vor vorhersehbaren Menschenrechtsverletzungen verschlossen und diese nicht gestoppt. Sie hat unbestreitbar zu weit verbreiteten Menschenrechtsverstößen gegen Arbeitsmigrant*innen beigetragen.“

Hartes Vorgehen gegen Kritik

Human Rights Watch beobachtet die Situation in Katar ebenfalls ganz genau und hat kürzlich einen Übersichtsartikel veröffentlicht. Darin wird berichtet, wie die Regierung mit Kritiker*innen umgeht. Demnach wurde ein kenianischer Gastarbeiter, der öffentlich Vorwürfe der Arbeitsrechtsverletzung erhob, durch die Staatssicherheit gewaltsam verschleppt und in Einzelhaft gesteckt.

Human Rights Watch schreibt ebenfalls von Arbeiter*innen, „die unter ungeklärten Umständen zu Tode kamen, Verletzungen erlitten und deren Löhne gestohlen wurden“. Aus diesen Gründen fordern aktuell zahlreiche Menschenrechtsorganisationen in einer gemeinsamen Stellungnahme, darunter auch Human Rights Watch und Amnesty International, dass die FIFA und Katar Entschädigungen für schwere Menschenrechtsverletzungen an Arbeitsmigrant*innen und deren Hinterbliebene zahlen sollen.

Doch es gibt weitere bestehende Probleme: Frauen würden etwa noch immer „männlichen Vormündern unterstellt“, die damit Entscheidungsgewalt über sie besäßen. Weiterhin seien laut Human Rights Watch „LGBT-Kataris aus Angst vor Verfolgung gezwungen, ihre sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität zu verbergen.“

Medien: Verstöße gegen Menschenrechte werden ignoriert

Verstöße gegen Menschenrechte können oft nur geahndet werden, wenn sie Öffentlichkeit erhalten, indem darüber berichtet wird. Dafür sind die Voraussetzungen in Katar eigentlich gut, denn mit al-Dschasira verfügt das Land über einen der einflussreichsten Nachrichtensender der arabischen Welt. Laut Reporter ohne Grenzen sah sich der Sender auch lange „als Sprachrohr für Minderheiten“. Allerdings nur nach außen. Im Land selbst „ignoriert er die Lage der Menschenrechte weitgehend“.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit, die Reporter ohne Grenzen jedes Jahr erneut aufstellt, landet Katar auf Platz 119 von 180. Das liegt vor allem daran: „Katarischen Medienschaffenden bleibt angesichts der repressiven juristischen Rahmenbedingungen nur sehr wenig Spielraum.“ Denn das Pressegesetz von 1979 erlaube die Vorabzensur durch die Regierung. Was dazu führt, dass „Medienberichte über die Regierungspolitik, die Königsfamilie und den Islam“ auch weiterhin nur in engen Grenzen möglich sind.

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