Meine Karriere war ganz ordentlich

Stephen Hendry
Stephen Hendry

„Ich glaube, meine Karriere war ganz ordentlich." Die lapidaren Worte, mit denen Stephen Hendry die Pressekonferenz beendete, auf der er seinen Rücktritt bekanntgegeben hat, waren typisch für den Schotten. Bemerkenswert war aber, was dann folgte: Alle anwesenden Medienvertreter erhoben sich und applaudierten dem King des Crucible. So etwas habe ich noch nie erlebt. Eine Geste, die verdeutlicht, welche Rolle Stephen Hendry im Snooker gespielt hat und was für ein einschneidender Moment sein Rücktritt ist.
Ich brauche hier nicht alle Erfolge und Leistungen von Hendry aufzuzählen. Die Frage, wer der größte Snookerspieler aller Zeiten ist, lässt sich sowieso nicht beantworten und ist sinnlos. Dass seine Leistungen im modernen Snooker einzigartig sind und er Snooker ganz entscheidend geprägt hat steht aber außer Frage. Er ist ein ganz Großer des Sportes. Er war immer ein Musterprofi. Er war und ist immer ein vorbildlicher Botschafter für diesen Sport. Viele im Snooker, auch viele Fans, sind im Snooker groß geworden in einer Zeit, in der Stephen Hendry diesen Sport dominiert hat. Ich gehöre auch dazu. Da ist das Gefühl, dass eine Ära nun zu Ende gegangen ist, besonders ausgeprägt.
Stephen Hendry hat sich den Schritt genau überlegt. Das war keine spontane Reaktion nach einer enttäuschenden und vernichtenden Niederlage. Schon vor drei Monaten habe er die Entscheidung gefällt, so sagt er. Drei Gründe hat er angeführt: Der enge Terminkalender, die Tatsache, dass sein Spiel seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt, und dass er sich der regelmäßigen Trainingsfron nicht mehr unterziehen will. Sein Schritt ist konsequent. Vor einem Jahr schon hat er über das Thema nachgedacht und sich damals entschlossen, es noch einmal zu probieren — „dann aber auch konsequent", wie er damals sagte. Er ist zwar noch immer besser als die meisten Profis, aber er musste erkennen, dass es für die absolute Spitze nicht mehr reicht. Und nur mitzuspielen reicht für Stephen Hendry nicht aus. Es ist der Sieg, der ihn antreibt, und er wollte den Sieg immer ein bisschen mehr als andere. Wenn er akzeptiert, dass es zum Gewinnen nicht mehr reicht, dann ist sein Schritt nur konsequent.
Man mag darüber diskutieren, ob er nicht eher hätte zurücktreten sollen. Aber der Rücktritt ist zunächst einmal seine ganz persönliche Entscheidung. Zwar hat er jetzt in seinem letzten Match als Profi eine bittere und herbe Niederlage eingesteckt, aber das wird in einigen Wochen vergessen sein. In Erinnerung aber bleiben die großen Momente in seiner Karriere, in Erinnerung bleibt aber auch, dass er bei seinem letzten Auftritt im Crucible Theatre als Spieler ein Maximum-Break gespielt hat, dass er den Titelverteidiger ausgeschaltet hat und dass er das Viertelfinale erreicht hat (wie viele Spieler würden alles dafür geben, ein WM-Viertelfinale zu erreichen). So schlecht ist der Zeitpunkt also nicht gewählt.
Stephen Hendry wird dem Snooker verbunden bleiben. Es ist also zu früh, um good bye zu sagen. Also: Danke Stephen, und alles Gute für den neuen Lebensabschnitt!
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.