Spaßvogel, Showtalent, Super-Keeper

Ben Redelings
·Lesedauer: 5 Min.
Spaßvogel, Showtalent, Super-Keeper
Spaßvogel, Showtalent, Super-Keeper

"Mit Wolfgang Kleff hattest du immer was zu lachen."

Frank Mill, der ehemalige Mitspieler des unvergesslichen Torhüters bei Borussia Mönchengladbach, erinnert sich gerne an die gemeinsame Zeit zurück: "Eines Mittags ist er noch kurz in der Boutique seiner Frau vorbeigefahren und hat sein Jackett ausgetauscht. Irgendwie meinte er, am Nachmittag müsste er etwas schicker aussehen. Nur hatte Kleff vergessen, dass er am Morgen noch auf der Geschäftsstelle seinen Gehaltsscheck abgeholt und in die Innentasche gesteckt hatte. Als er am nächsten Tag früh morgens nervös den Laden betrat, strahlte ihn die Verkäuferin schon von Weitem an: 'Herr Kleff, Sie werden es nicht glauben, aber das Jackett, das Sie gestern zurückgebracht haben, habe ich noch am gleichen Nachmittag verkauft.'"

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Mit Schecks hatte es der Gladbacher Torhüter offensichtlich ohnehin nicht so, wie Frank Mill in einer anderen Geschichte einmal schmunzelnd erzählte: "Der Kleff hat seine ganze Autogrammpost von der Geschäftsstelle immer hinten in den Kofferraum seines Autos geladen. Und eines Tages war die Kiste so dicht, dass er voller Verzweiflung zur nächsten Müllkippe gefahren ist, um die ganzen Briefe auf einen Streich zu entsorgen. Dummerweise hatte ihm die Dame von der Geschäftsstelle nicht gesagt, dass sie oben drauf einen Umschlag mit dem Gehaltsscheck gepackt hatte. Aber Kleff war es natürlich zu peinlich zu erzählen, wie der Brief weggekommen war."

Das verband Kleff mit Otto Waalkes

Vielen älteren Fußballanhängern ist Wolfgang Kleff bis heute wegen seines Äußeren im Gedächtnis geblieben - denn der stets zu Späßen aufgelegte Torhüter wurde nicht umsonst von seinen Fans "Otto" gerufen. Die Ähnlichkeit mit dem beliebten Komiker aus Ostfriesland war zeitweise so frappierend, dass es sich Otto Waalkes nicht nehmen ließ, den bekannten Bundesligastar für einen Film zu verpflichten.

Und so sahen fast 15 Millionen Deutsche 1985 Wolfgang Kleff als Friseur Herr Astrid in Waalkes erstem Kinostreifen "Otto - der Film". Damals sagte Kleff den legendären Satz "Haar will atmen". Später meinte der Keeper einmal verträumt: "Ich möchte einmal erleben, dass nicht nur die Besucher im Stadion 'Otto, Otto' rufen, wenn ich einlaufe, sondern die Besucher einer Otto-Show 'Wolfgang, Wolfgang', wenn er die Bühne betritt."

Das schauspielerische Talent Kleffs animierte die gegnerischen Schlachtenbummler in diesen Jahren auch stets zu einem bestimmten Gesang. Und wenn dann das halbe Stadion im Chor "Kleff, du bist nervös" anstimmte, wusste der Otto-Doppelgänger genau, wie er sein Publikum begeistern konnte. Mit einem irren Grinsen im Gesicht zitterte Wolfgang Kleff dann zur Belustigung seiner Fans wie von Sinnen mit Armen und Beinen.

Große Erfolge mit Gladbach

Doch der gebürtige Schwerter war nicht nur ein Showtalent auf dem Platz - er war auch ein überragender Keeper. Mit seinem Klub Borussia Mönchengladbach gewann er fünfmal die deutsche Meisterschaft, einmal den DFB-Pokal und zweimal holte er sich mit der Fohlenelf den UEFA-Pokal. Und wäre da nicht in München zu seinen Glanzzeiten ein anderer überragender Torhüter gewesen, Wolfgang Kleff hätte ganz bestimmt mehr als nur sechs Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft bestritten.

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Das wusste auch Sepp Maier selbst. Und da die "Katze von Anzing" ebenfalls den Schalk im Nacken sitzen hatte, verstanden sich die beiden kongenialen Showpartner abseits des grünen Rasens prächtig. Da ist es kein Wunder, dass sich Wolfgang Kleff über den legendären Scherz seines Kollegen gut amüsieren konnte - obwohl dieser auf den ersten Blick eigentlich recht böse schien.

So übel spielte Sepp Maier Wolfgang Kleff mit

Denn eines Tages hatte sich der Bayern-Keeper während eines laufenden Spiels, bei dem er mal wieder nicht allzu viel zu tun hatte, einigen Fans zugewandt, die hinter dem Zaun jede Regung ihres Idols aufmerksam verfolgten, und sie mit todernster Miene gefragt: "Wisst ihr eigentlich, warum ich meinen Hund einschläfern lassen musste? Nein? Ich will es euch sagen: Der hat immer, wenn ich ihn fragte, wer die Nummer eins in Deutschland ist, 'Kleff, Kleff' gemeint."

Doch die Realität war anders. Am Nationalmannschaftstorhüter Maier kam Wolfgang Kleff damals einfach nicht vorbei. Aber der Gladbacher nahm die Sache sportlich - und, wie sollte es anders sein, mit Humor. Nach der WM 1974 sagte er mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht: "Mir hat es Deutschland zu verdanken, dass wir Weltmeister geworden sind. Mein Anteil bestand darin, dass ich nicht gespielt habe."

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Die Fans haben den sympathischen Torhüter auf und abseits des Platzes geliebt - denn bei allem nötigen Ehrgeiz wusste Wolfgang Kleff stets, für wen er spielte.

Und so hat er einmal gesagt: "Es waren immer die kleinen Gesten, die meinen Kontakt zu den Leuten ausmachten. Sich 90 Minuten zu konzentrieren, da tränen einem ja die Augen."

Was für ein Typ!

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Das Buch zur SPORT1-Serie ist ein gern gelesener Bestseller: "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs". Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".

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