Drei Thesen, sechs Antworten: "Kloppo wäre nichts ohne seinen Co"

Länderspielpause? Nicht mit uns! Während sich das DFB-Team auf die Weltmannschaft San Marino vorbereitet, setzen sich die Yahoo-Redakteure Thomas Gaber und Johannes Kallenbach mit den wichtigsten Fragen des Vereinsfußballs auseinander. Drei steile Thesen, sechs steile Reaktionen. Mit dabei: Der unterirdische Müller, der überirdische Özil – und Kloppo.

These 1: Wir erleben den schlechtesten Thomas Müller aller Zeiten!

Tommy: “507 Minuten – keine Müller-Bude. Genug gesagt, oder?”

Wenn man sich die nackten Zahlen ansieht, ist hier Widerstand zwecklos. Müller wartet noch immer auf sein erstes Bundesligator in dieser Saison. 507 Minuten – keine Müller-Bude. Genug gesagt, oder? Zudem nur drei Torvorlagen, alle im ersten Spiel gegen Bremen.

Normalerweise ist es mir zu billig, Spieler und insbesondere Stürmer nur nach ihren statistischen Werten zu beurteilen. In diesem Fall muss ich eine Ausnahme machen. Müller hatte in den letzten Jahren immer wieder Spiele drin, in denen 60 Minuten gar nichts ging. Falsche Laufwege, schlechte Zweikampfbilanz, miese Passquote und Probleme bei der Ballverarbeitung. Doch dann stand er im entscheidenden Moment richtig und hat den Ball über die Linie gedrückt. In dieser Hinsicht ist sein Wert für den FC Bayern unschätzbar.

Frust bei Thomas Müller

Müller ist der unberechenbarste Spieler im europäischen Spitzenfußball. Man sieht ihn als Gegenspieler eine Stunde lang nicht, um dann völlig machtlos zusehen zu müssen, wie er mit einem gehörigen Schuss Genialität plötzlich die richtigen Entscheidungen trifft.

Doch genau diese Gabe geht ihm derzeit ab. Sein Fehlschuss gegen Hoffenheim in der letzten Minute steht exemplarisch für seine bisherige Saison. Diese Dinger macht er normalerweise im Schlaf. Der “schlechteste Thomas Müller aller Zeiten” klingt verdammt hart. Aber an der These ist etwas dran.

Joh: “Die ganze Mannschaft funktioniert nicht”

Ah, heute sind wir also mal richtig plakativ unterwegs, stumpf ist Trumpf und so. Aber gut, dann mal los! Gleich mal vorweg: Selbst der schlechteste Thomas Müller aller Zeiten wäre noch ein verdammt guter Fußballer. Ich sage absichtlich schon “wäre”, weil die Debatte sich gerade doch ziemlich einseitig auf seine Torlosigkeit einschießt und Müller im Moment mit Sicherheit besser ist als sein Ruf.

Er ackert weiterhin, schafft Räume für seine Mitspieler, die sonst nie da wären, und geht trotz seiner Scoring-Krise weiterhin als Führungsspieler voran. Nackte Zahlen sind nicht immer das entscheidende Kriterium für die Qualität eines Spielers.

Klar ist aber auch, dass Thomas Müller aktuell symptomatisch für einen FC Bayern steht, bei dem der Motor immer noch ordentlich stottert. Die ganze Mannschaft funktioniert nach dem Amtsantritt von Ancelotti einfach noch nicht richtig und hat oft mehr mit sich selber als mit dem Gegner zu kämpfen. Müller leidet darunter natürlich mehr als viele Kollegen. Als intelligenter Stürmer mit außergewöhnlichen Laufwegen ist er auf die Ideen und die Gedankenschnelle seiner Mitspieler angewiesen. Daran haperts gerade. Aber das wird, davon bin ich überzeugt.

These 2: Mesut Özil wird überschätzt!

Tommy: “Özil auf einer Stufe mit Bergkamp? Sorry, das ist lächerlich!”

Es gibt einen ehemaligen Spieler, der diese These noch etwas schärfer formuliert hat. Jason Cundy. Wer kennt ihn nicht?! Hat vor vielen Jahren mal 40 Premier-League-Spiele für Chelsea absolviert und noch ein paar für Tottenham Hotspur. Heute ist der gute Mann Radiomoderator und muss sich offenbar wichtig machen. „Özil ist der am meisten überschätzte Spieler der Premier League. Er ist nicht Weltklasse und nicht mal der beste Spieler bei Arsenal. Das ist Alexis Sanchez“, sagte Cundy. Özil die Weltklasse abzusprechen ist einfach nur unanständig. Aber ich finde es auch reichlich überzogen, wenn Arsene Wenger sagt, Özil könnte eine echte Gunners-Legende werden. Özil auf einer Stufe mit Thierry Henry oder Dennis Bergkamp? Sorry, das ist lächerlich.

Özil ist ein brutal guter Kicker und er hat sein außergewöhnliches Talent in den letzten Jahren auch mehrfach unter Beweis gestellt. Mich hat er allerdings nie richtig vom Hocker gehauen, weil er in großen Spielen zu oft abtaucht. Diesen Makel hat er noch immer nicht abgelegt. Wenn’s drauf ankommt, schwimmt er nur mit, anstatt anzupacken. Große Spieler entscheiden große Spiele. Dieser Satz klingt abgedroschen, aber er beinhaltet so viel Wahrheit. Özil muss den letzten Schritt machen, um ein großer Spieler zu werden. Er muss mit Arsenal einen großen Titel gewinnen, der FA Cup reicht nicht aus. Und er muss entscheidenden Anteil daran haben. Dann kommt er vielleicht mal in die Nähe von Henry und Bergkamp.


Joh: “Özil überschätzt? Der Junge zerstört gerade Premier und Champions League!”

Hahahaha, das ist echt die absurdeste These heute. Özil überschätzt? Der Junge zerstört gerade die Premier und Champions League, ist die mit Abstand dominanteste Figur in einem Verein abseits von Lionel Messi und hat jetzt sogar das Toreschießen am Fließband erlernt. Özil gehört momentan zu den komplettesten Fußballern der Welt, da gibt es kein Wenn und Aber.

Ihn überschätzen hieße in dem Fall zu sagen, dass er Messi als besten Fußballer der Welt abgelöst hat. So weit würde ich auch nicht unbedingt gehen, aber zu den drei besten Offensivspielern der Welt gehört er aktuell mit Sicherheit.

Trotzdem bin ich bei einer Sache ganz bei dir, Tommy: Für ganz oben muss er seinen Club zu Titeln schießen. Wird schwierig, weil Arsenals Kader einfach nur europäisches Mittelmaß ist – außer Özil. Aber wenn es einer schafft, dann unser Mesut in dieser Form.

These 3: Mourinho, Guardiola, Conte, Wenger, Pochettino? Der beste PL-Coach ist Jürgen Klopp!

Joh: “Klopp und PL, das passt wie Gin und Tonic”

Ich bin kein großer Fan von solchen Schwarz-Weiß-Aussagen. Nach welchen Kriterien will man diese These denn beurteilen? Und sollte man nicht noch ein paar Monate mit einem Urteil warten?

Was man aber schon sagen kann: Klopp ist vielleicht nicht der beste Trainer der Premier League, aber er ist einer der besten Trainer FÜR die Premier League. Soll heißen: Klopp und PL, das passt wie Gin und Tonic. Der Mann reißt sein Umfeld mit, kann mit der Presse, ist ein Typ. Die Engländer lieben ihn.

Letztlich kommt es aber natürlich auf das Fußballerische an – und auch das passt. Klopps Stil ist Premier League-Fußball im besten Sinne des Wortes: Rasant, physisch, ohne Kompromisse. Sein Team hat die Kloppschen Tugenden in der zweiten Saison komplett verinnerlicht und steht durch harte Arbeit und das nötige Quäntchen Glück momentan verdient an der Spitze der Liga. Ob Kloppo deswegen der beste Trainer der PL ist? Keine Ahnung, aber wen interessiert das, wenn er am Ende den Titel holt?

Tommy: “Ohne seinen Co hätte Klopp nichts erreicht!”

 

Joh, wenn es nicht interessieren würde, wer der beste Trainer, Spieler etc. ist, dann könnten wir uns auch dieses ganze Ballon d’Or-Zeug sparen. Ich bin kein Fan davon, aber ohne derartige Diskussionen wäre der Fußball ein großes Stück ärmer. Keinen Vergleich mehr zwischen Ronaldo und Messi? Come on, das muss sein! Deshalb steige ich da auch voll mit ein.

Über Klopps Qualitäten als Trainer brauchen wir nicht zu reden. Er hat Mainz groß gemacht, er hat Dortmund (wieder) groß gemacht und er ist auf dem besten Weg, auch Liverpool (wieder) groß zu machen. Seine größte Qualität hat meiner Meinung nach aber nichts mit Taktik oder Ansprache zu tun. Klopp versteht es wie kein Zweiter, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, damit die Leute im Hintergrund ihre Arbeit möglichst perfekt machen können. Jürgen Klopp hätte ohne seine kongenialen Co-Trainer Zeljko Buvac nichts erreicht als Coach.

Jose Mourinho ist auch so ein Ego-Shooter, der viel auf sich zieht. Das Problem beim “Special One”: Er ist mittlerweile nur noch ein schlechtes Abziehbild früherer Tage.In dieser Hinsicht ist Klopp einzigartig gut. Ihn aber insgesamt über Guardiola und Pochettino zu stellen, halte ich für sehr gewagt und falsch.

Zudem profitiert Klopp in dieser Saison von der spielfreien Zeit unter der Woche für die Reds. Die Manchester- und London-Klubs brauchen einen verdammt langen Atem, wenn sie am 38. Spieltag der Premier League-Saison 2016/17 vor dem FC Liverpool stehen wollen.

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