24h Spa 2020: Irrer Zittersieg für Rowe-Porsche

Heiko Stritzke
·Lesedauer: 8 Min.

Nick Tandy, Earl Bamber und Laurens Vanthoor heißen die Sieger des 24-Stunden-Rennens von Spa-Francorchamps 2020. Das Trio gewann das Rennen im Rowe-Porsche #98 in einem nassen Finale. Doch im Siegestaumel musste erst einmal ein Beinahe-Herzinfarkt verarbeitet werden.

Denn eine sportliche Tragödie im Stile von Le Mans 2016 war zum Greifen nahe: Der Porsche 911 GT3 R gab schreckliche Geräusche auf der letzten Runde von sich, die vom Getriebe kamen. Irgendwie schaffte es Tandy, den angeschlagenen GT3-Boliden über die Ziellinie zu schleppen.

"Da ist überall Öl aus dem Auto gekommen, eineinhalb Runden vor Schluss! Ich weiß gar nicht, was passiert ist. Das war der verrückteste Schlussstint, den ich je gefahren bin", sagt der Le-Mans-Sieger von 2015, der sich sogleich bei allen Mitstreitern dafür entschuldigte, dass er in der letzten Runde die Strecke mit einem riesigen Schmierfilm versah.

"Mir fehlen die Worte", ergänzt Teamkollege Laurens Vanthoor. "2020 ist bereits ein hartes Jahr für uns gewesen. Ich habe im Funk gehört, was los war. Das ist einfach nur irre." Bamber beschreibt das Finale als "nervenaufreibend". Rowe Racing landete damit den zweiten großen Triumph nach dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.

Platz zwei ging an Attempto Racing #66 beim ersten Einsatz als werksunterstütztes Audi-Team mit den Fahrern Mattia Drudi, Patric Niederhauser und Frederic Vervisch. Rang drei holte sich ein weiterer Porsche: Matteo Cairoli schnappte sich sich zehn Minuten vor Schluss den dritten Platz und fuhr im Dinamic-Porsche #54 Rang drei für sich, Christian Engelhart und Sven Müller ein.

Tandy hält Niederhauser in Schach

Das Rennen, wegen des schweren Unfalls im Rahmenprogramm mit 30 Minuten Verspätung gestartet, entschied sich in einem 38-minütigen Sprint nach der letzten Safety-Car-Phase auf nasser Strecke. Tandy, der die Führung zu diesem Zeitpunkt bereits innehatte, nutzte die Traktionsvorteile des Porsche 911 GT3 R mit Heckmotor konsequent aus und wurde wieder einmal seinem Ruf als Regenspezialist gerecht. Dabei überstand er auch einen "Code Braun"-Moment in der Eau Rouge in der vorletzten Stunde.

Niederhauser strecke sich nach Leibeskräften, doch gegen die Kombination aus dem Porsche 911 GT3 R und dem Le-Mans-Sieger von 2015 kam er nicht heran. Am Ende betrug sein Rückstand 4,687 Sekunden.

"Wir wussten, dass Nick der richtige Mann für diesen Job war. Das war in den letzten drei Stunden ein hervorragender Job von ihm", lobt Bamber. Dass man Tandy für den Schlussstint aufsparen würde, lag angesichts der Wettervorhersage auf der Hand.

Patric Niederhauser ist zwiegespalten: "Wenn jemand mich in der Startaufstellung gefragt hätte, ob ich Endrang zwei nehme, hätte ich es angenommen. Aber wenn man so dicht dran ist, will man gewinnen. Ich weiß gerade gar nicht, ob ich mich über Platz zwei freuen oder über den verlorenen Sieg ärgern soll."

Wieder kein GT3-Podium für Ferrari

Der überwiegende Teil des Rennens war von Nieselregen gekennzeichnet, doch die Strecke war bis auf einen Regenschauer gegen Ende der Nacht auf der Ideallinie trocken. Das sorgte für schwierige Verhältnisse, weil es neben der Ideallinie meist leicht feucht war. "Die Strecke hat sich ständig verändert", bestätigt der zweitplatzierte Drudi.

Das änderte sich vier Stunden vor Schluss, als der Regen endgültig einsetzte. Für manche Fahrer dürfte das sogar eine Erleichterung gewesen sein, denn wenigstens war es nun vorhersehbar. Attempto Racing ging eine mutigen Entscheidung ein, als man bei noch trockener Ideallinie den Regen korrekt antizipierte und auf Regenreifen wechselte.

Das schien sich zunächst als goldrichtiger Kniff zu erweisen und der Audi #66 führte mit großem Vorsprung. Doch mehrere Full Course Yellows plus SCs machten den Vorsprung wieder zunichte, sodass am Ende zwei Audis, zwei Ferraris, ein Mercedes-AMG und drei Porsches für den Sieg in Frage kamen, die noch in der Führungsrunde lagen.

Hinter dem Dinamic-Porsche lief der GPX-Porsche #12 (Campbell/Pilet/Jaminet) auf der vierten Position ein, womit drei Porsches unter den besten vier landeten. Der AF-Corse-Ferrari #51 (Pier Guidi/Nielsen/Calado; 5.) lag lange Zeit auf Rang drei. Alessandro Pier Guidi musste aber in der Schlussphase zwei Plätze abgeben – erst an Cairoli, dann in der letzten Runde an Mathieu Jaminet.

Den sechsten Platz fuhr der Sainteloc-Audi #25 (Winkelhock/Boccolacci/Haase) nach Hause, gefolgt vom HRT-Mercedes #4 (Engel/Stolz/Abril; 7.) und dem Frikadelli-Porsche #22 (Bergmeister/Makowiecki/Olsen; 8.). Der AMG drehte den Porsche zwischenzeitlich um und erhielt dafür eine 10-Sekunden-Boxenstoppstrafe.

Der JAS-Honda #29 (Cameron/Farnbacher/van der Zande; 9.) schlug sich erneut wacker und kam ohne technische Probleme durch. Den sechsten Platz vom Vorjahr konnte das Honda-Werksteam aber nicht wiederholen oder verbessern. Im Regenschauer in den späten Nachtstunden blieb der Honda NSX GT3 zu lange auf Slicks draußen. Das kostete die Führungsrunde.

Danach kämpfte der Honda immer wieder darum, in diese zurückzukommen – wohl wissend, dass im SC-Fall dann alles möglich wäre. Doch man scheiterte immer wieder knapp. Letztlich wurde es Platz neun.

Beide Walkenhorst-BMWs scheiden aus

Natürlich mussten zahlreiche Favoriten ihre Sieghoffnungen vorzeitig begraben. Beide KCMG-Porsches wurden erwischt. Der KCMG-Porsche #21 (Liberati/Burdon/Imperatori) fing sich gleich zu Beginn des Rennens einen Reifenschaden ein. Später gab man wegen Vibrationen auf. Die #47 mit den Vorjahressiegern Christensen/Lietz/Estre erlitt in der Nacht einen Aufhängungsschaden. Es wurde Platz 17.

Ein rabenschwarzes Wochenende erlebte BMW. Nach dem Nürburgring-Triumph, ironischerweise durch das diesmal mit Porsche siegreiche Rowe-Team, schickte die Abordnung aus München nur zwei siegfähige Autos ins Rennen, die von Walkenhorst Motorsport eingesetzt wurden. Die beiden M6 GT3 hatten gerade erst einen klaren Doppelsieg bei den 8 Stunden von Indianapolis Anfang Oktober geholt.

Doch in Spa lief nichts zusammen. Die #34 (Farfus/Catsburg/Eng; DNF) rannte schon zu Beginn nach einer Kollision in das Kühler-Problem, das den M6 GT3 schon auf der Nürburgring-Nordschleife so oft heimgesucht hat. Das war Ausfall Nummer eins.

Die #35 (Tomczyk/Pittard/Yelloly; DNF) fiel schon am späten Abend durch einen Ausrutscher von Nick Yelloly in Les Combes aus der Führungsrunde. Martin Tomczyk erlegte den BMW am Sonntagmorgen dann komplett und schlug ausgangs Blanchimont heftig ein.

FFF Racing wirft möglichen Sieg weg

Den spektakulärsten Unfall eines Favoriten legte jedoch Dennis Lind hin. Der Däne war im FFF-Lamborghini #63 (Lind/Caldarelli/Mapelli; DNF) einer der Stars des Rennens, doch am Sonntagmorgen warf er das Auto in Eau Rouge/Raidillon weg. Der Einschlag war gewaltig. Lind blieb unverletzt, war aber untröstlich.

Lamborghini hätte das Rennen nämlich - eine entsprechende Pace im Regen vorausgesetzt - durchaus gewinnen können. Der FFF-Lambo war das vielleicht schnellste Fahrzeug des Rennen und konnte sich aus jeder Situation heraus, wie etwa Boxenstopps "off sequence", über kurz oder lang wieder an der absoluten Spitze melden. Eine Riesenchance, die verpasst wurde.

Danach befand sich immerhin noch der Emil-Frey-Lamborghini #163 (Perera/Altoe/Costa; DNF) in den Top 10, doch Franck Perera schied 90 Minuten Vorschluss mit einem Abflug aus. Trost für die Italiener: Der Barwell-Lamborghini #77 (Ro. Collard/Ri Collard/Mattschiski/Mitchell; 15.) gewann den Pro-Am Cup.

Der FFF-Lamborghini war nicht das einzige Fahrzeug, das nach zwischenzeitlicher Führung das Handtuch werfen musste. Der WRT-Audi #31 (Mies/van der Linde/D. Vanthoor; DNF) blieb bereits nach einem Viertel Renndistanz mit technischem Defekt in einer SC-Phase liegen.

Damit waren beide Gesamtsieganwärter für WRT draußen, denn die #32 (Weerts/Stippler/Mortara; DNF) hatte sich zuvor mit einem Dreher durch Aufhängungsschaden infolge einer Kollision verabschiedet. Edoardo Mortaras Audi-Comeback stand damit unter keinem guten Stern. Der frühere Audi-Werksfahrer wurde von WRT aufgrund guter Beziehungen zum Team aus früheren Zeiten zurück in einen R8 LMS geholt.

Kurz vor Halbzeit erwischte es den Polesetter. Der Akka-ASP-Mercedes #88 (Marciello/Boguslawski/Fraga; DNF) erlitt einen Bremsdefekt. Als mutmaßlich die Bremsscheibe explodierte, ging der linke Vorderreifen verlustig. Das Rennen war beendet.

Bitter war das Ende für den SMP-Ferrari #72 (Molina/Rigon/Sirotkin; DNF). Zwei Stunden und 20 Minuten vor Schluss wurde Ex-Formel-1-Pilot Sergei Sirotkin von Patrick Pilet ins Verderben geschickt. Die Rennleitung entschied auf Rennunfall.

Immerhin ein Bentley in den Top 10

Es bleibt dabei: Die 24 Stunden von Spa und die britischen Automarken finden einfach nicht zusammen. Die Bentley Continental GT3 blieben das ganze Rennen über blass. Am besten zog sich der K-Pax-Bentley #3 (Soulet/Gounon/Pepper; 10.) aus der Affäre, der es mit zwei Runden Rückstand wegen zahlreicher Zwischenfälle bei der Konkurrenz noch in die Top 10 schaffte.

Die Teamkollegen #9 (Parente/Soucek/Baptista; 12.), die sich nach technischen Problemen im Qualifying wieder zurückkämpften, kamen ebenfalls über die Distanz, ohne jemals den Speed für ganz vorne gehabt zu haben. Das CMR-Team kam gar nicht zurecht und landete außerhalb der Top 30.

Auch dem einzigen McLaren aus dem Pro Cup war kein glückliches Rennen vergönnt. Schon in der Anfangsphase zerstörte ein aufgesammeltes Trümmerteil die Servolenkung am Optimum-McLaren #69 (Wilkinson/Bell/Osborne; DNF). Eine stundenlange Reparatur folgte, in der Nacht war endgültig Schluss. Aston Martin schickte kein gesamtsiegfähiges Fahrzeug ins Rennen.

Die 24 Stunden von Spa zählen sowohl zur GT-World-Challenge (GTWC) Europe als auch zur Interkontinentalen GT Challenge (IGTC). Während die Punkte für die IGTC am Ende des Rennens vergeben wurden, gab es in der GTWC bereits halbe Punkte nach sechs und zwölf Stunden (plus noch einmal volle im Ziel). In Führung lagen zu den jeweiligen Zeitpunkten der Akka-ASP-AMG #88 und der AF-Corse-Ferrari #51.

Für beide Meisterschaften war es die vorletzte Saisonstation. Die GTWC Europe geht am 15. November mit dem 1.000-Kilometer-Rennen in Le Castellet zu Ende. Das Finale der IGTC sind die 9 Stunden von Kyalami am 12. Dezember. Alles natürlich vorbehaltlich Reisebeschränkungen infolge der COVID-19-Pandemie.

Mit Bildmaterial von SRO.