Wie die "Mörder GmbH" Gladbach zum Meister machte

Udo Muras
Sport1

Erst neulich wieder hat Horst Köppel ein Foto von sich gesehen, das ihn zeigt als er noch ein ganz junger Mann war. Er inmitten anderer fröhlicher junger Männer in einem offenen Wagen, am Straßenrand jubelnde Menschen. Ein Fan von Borussia Mönchengladbach hat es geschossen, vor 50 Jahren. Dessen Sohn bat nun darum, dass Köppel es signiere. Es hat besonderen Wert, es war ja der erste Meisterkorso, den die damals kleinste Bundesligastadt je gesehen hat.

Binnen acht Jahren wurden es dann fünf und alle Welt kannte "die Fohlen", die vielleicht beliebteste deutsche Fußballmannschaft aller Zeiten. Die Siebziger waren ihr Jahrzehnt, trotz der damals ebenfalls durchstartenden Bayern. Sie kamen aus der Kleinstadt, sie hatten bescheidene Typen und spielten den schöneren Fußball.


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Borussia war der Gegenentwurf zu den effizienten, oft großmäuligen und teils arroganten Bayern. Und plötzlich liefen sie ihnen den Rang ab. Größere Tage hat sie nie mehr erlebt und als die Ära vorbei war, hieß der Bundeskanzler Helmut Schmidt, die jungen Leute trugen Schlaghosen und lange Haare und das Land zitterte vor der RAF.

So lange ist das nun schon her. Aber sie ist noch immer präsent, die glorreiche Zeit, die aus dem unbedeutenden Provinzverein Borussia Mönchengladbach eine Weltmarke machte. Heute vor 50 Jahren begann eines der romantischsten Kapitel der Bundesligageschichte. Horst Köppel war dabei. SPORT1 hat ihn nach dem Geheimnis des ersten Gladbacher Meistertitels befragt.


Netzer: "Spielen den schönsten Fußball"

Der vorletzte Bundesligaspieltag 1969/70 fand wegen der vielen Nachholpartien jener Saison komplett an einem Donnerstagabend statt. Das allein war ein Novum, ein anderes sollte hinzukommen: Eine ganze Stadt fieberte der ersten Meisterschaft der 1965 aufgestiegenen Borussia entgegen, die Spieler um Kapitän Günter Netzer hatten eine Prämie von 10.000 DM ausgehandelt. 

Der schillernde Star war einer der Ehrgeizigsten im Team. Schon vor Ablauf der Vorsaison war er zu Trainer Hennes Weisweiler gegangen und hatte ihn dringend gebeten, etwas für die Abwehr zu tun, denn "wir spielen den schönsten Fußball, aber die blöden Bayern holen Titel".

Beide waren 1965 zusammen aufgestiegen, seitdem war Bayern einmal Meister, dreimal Pokalsieger und einmal Europacupsieger geworden. Borussias Vitrine dagegen stand weiterhin leer. Weisweiler, der bedingungslosen Offensivfußball predigte, ließ sich weichklopfen und verpflichtete mit Vorstopper Luggi Müller von Absteiger Nürnberg und Libero Klaus-Dieter Sieloff (Stuttgart) zwei Topverteidiger.


Wobei der Ex-Stuttgarter Köppel betont: "Bei Sieloff war ich mitbeteiligt, ich kannte ihn ja und habe ihn dem Hennes empfohlen." Es klappte und da war sie nun, "die Mörder GmbH", wie Netzer das knallharte Duo anerkennend frotzelte. Diese Transfers, das bestätigt auch Köppel noch in 2020, waren wesentlich für den Titelgewinn.

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Weisweiler verlängert nie existierenden Vertrag 

Insgesamt kassierte Borussia im Meisterjahr 29 Gegentore, endlich war sie hinten dicht. Auch der dänische Linksaußen Ulrik Le Fevre schlug auf Anhieb ein. Die Personalpolitik beeindruckte auch die Experten so und deshalb "sind wir als Mitfavorit gestartet" (Köppel).

Es ging zwar mit einem 0:2 auf Schalke los, aber im neunten Versuch glückte anschließend der erste Sieg über die Bayern (2:1). Ein gutes Omen.

Die Saison lief hervorragend und in der Hinrunde gelang fast alles. Sogar ein haargenau gezirkeltes 5:0 gegen Hannover, das die Mannschaft Hennes Weisweiler zum 50. Geburtstag schenken wollte. Das Kunststück glückte und als der Präsident am Abend eine rührende Lobrede auf den Trainer hielt, verlängerte der sogar seinen physisch nie existierenden Vertrag vor aller Ohren. "Ja, ich bleibe!" So ging das damals noch.

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Vogts und Wimmer sorgen für Hygiene im Team

Es harmonierte einfach am Bökelberg "und das war das Geheimnis. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, auch wenn der Günter sich immer ein Stück abseits hielt. Aber keiner hat sich in den Vordergrund gestellt." Der Kicker schrieb: "In der Mönchengladbacher Mannschaft gibt es eine Menge 'Stars', doch Weisweiler erzog sie zum Miteinander. Keiner ist sich zu schade, dem Nebenmann zur Seite zu springen."

Sieloff, für Köppel "damals der beste Libero in Deutschland nach Beckenbauer", und Müller waren voll akzeptiert und integriert, auch an aufmüpfige Reservisten kann sich Köppel nicht erinnern. Einer wie Winfried Schäfer hätte vielleicht Anlass gehabt, "aber er hat es hingenommen, wenn er mal auf der Bank saß." Für die Hygiene im Team sorgten Männer wie Berti Vogts, schon in jungen Jahren Nationalspieler, und Herbert "Hacki" Wimmer, obwohl beides keine Lautsprecher. Aber was sie sagten, das hatte Gewicht. Netzers Wort sowieso.


Sie hatten Rituale und Marotten, die heute Sonderseiten im Boulevard rechtfertigen würden. So gingen sie vor Heimspielen immer den gleichen Weg an den Waldrand der Gemeinde Süchteln, bildeten einen Kreis und fassten alle einen dort versteckten Glücksstock an. Und Socken, in denen gewonnen wurde, wurden nicht gewaschen. Mit Hokuspokus zum ersten Titel. Alles nur, weil die Sportwissenschaft noch in den Kinderschuhen steckte und von Mentaltrainern keine Rede war.

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Gladbach mit Problemen aus der Winterpause 

Mit einem 6:1 gegen Oberhausen und drei Punkten Vorsprung vor Bayern ging die Borussia als Herbstmeister in die Pause. Und da begannen die ersten daran zu glauben, dass die Meisterschale an den Bökelberg gehen könnte.

Aber dann trafen sie auf ungeahnte Schwierigkeiten. Ein starker Winter führte in der Rückrunde, die wegen der WM in Mexiko zeitlich besonders kurz war, zu 42 Nachholspielen. Gleich vier davon hatte Borussia und sie geriet prompt ins Trudeln. Nach dem 29. Spieltag, einem 2:0 gegen Verfolger 1. FC Köln, hatte Weisweiler noch posaunt: "Die letzten fehlenden Punkte holen wir noch", doch im April schafften sie einen Hattrick der besonderen Art und verloren binnen sieben Tagen drei Auswärtsspiele mit 0:1.

Was das bedeutete, wussten die Spieler – dicke Luft. "Weisweiler konnte gar nicht verlieren. Dann waren wir zwei Tage Luft für ihn. Wenn wir gewonnen hatten, begrüßte er uns mit Handschlag. Nach Niederlagen blieb er in seinem Trainerzimmer und kam nicht zu uns rein, ehe es auf den Platz ging. Zum Glück haben wir öfter gewonnen", erinnert sich Köppel an den 1983 verstorbenen Meistertrainer "bei dem man immer wusste, woran man war."

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Köppel: "Am Ende hat Weisweiler fast mitgespielt"

Da die Konkurrenz die April-Krise der Borussia nicht voll ausnutzten, hatte sie am 33. Spieltag ihren ersten "Matchball" auf den Titel.

Man schrieb den 30. April 1970, wegen der Terminhatz wurde der komplette Spieltag auf einen Donnerstag gelegt, das Saisonende auf den folgenden Sonntag.

Borussia musste zuhause nur noch den HSV schlagen und der nicht sonderlich ambitionierte Gast leistete wenig Widerstand. Zunächst jedenfalls: Toptorjäger Herbert Laumen, Berti Vogts, Horst Köppel und Hartwig Bleidick hatten nach 47 Minuten eine 4:0-Führung herausgeschossen und auf den Rängen begannen die Feierlichkeiten.


Da zeigten die "Fohlen" ihr zweites Gesicht, stürmten inklusive Abwehrchef Sieloff munter weiter und vernachlässigten die Defensive.

"Plötzlich hüpften da wieder die Fohlen auf der Wiese und Trainer Weisweiler wäre am liebsten mit dem Lasso auf den Platz gelaufen, um die wild gewordenen, leichtsinnigen Burschen wieder einzufangen. Er tat, was er sonst selten tut, er lief quer über den Rasen zu seinem Torhüter Kleff, schrie sich die Lunge aus dem Hals – vergeblich. 4:1, 4:2, 4:3 – wollte man das große Werk gegen eine so kaputte HSV-Mannschaft ohne Seeler und Schulz aufs Spiel setzen?", heißt es in einem Jahrbuch zur Saison 1969/1970.

Die Treffer von Hans-Werner Kremer (54.), Charly Dörfel (69.) und Klaus Fock (85.) machten die vorgezogene Meister-Party noch mal zur Zitter-Partie. Köppel schmunzelnd: "Am Ende hat Weisweiler fast noch mitgespielt, zwei Mal hat ihn der Schiedsrichter wieder vom Feld geschickt." Es war noch nicht die Zeit von Coaching Zonen und vierten Offiziellen, es war noch die gute alte…


Gladbach zehrt von den Erfolgen noch heute 

Als der Schlusspfiff um 21.46 Uhr ertönte, war Weisweiler zu keinem Lächeln fähig, das Ende musste er erstmal verdauen. Ringsum brach sich jedoch der Jubel Bahn um den ersten Gladbacher Meistertitel und im Stadtteil Eicken läuteten die Kirchenglocken. Es war kein perfekter Abend, das bewies auch die Meisterehrung durch den DFB-Präsidenten Hermann Gösmann, der "Borussia Dortmund" gratulierte – aber er hatte sein Happyend.

Nun begannen die Feierlichkeiten im Dorint-Hotel, die nach Köppels Erinnerung "sehr hart für uns alle" gewesen seien und Weisweiler "war auch beim Trinken der Vorreiter." Am nächsten Tag war trotzdem Training, aber da die letzten Feiernden heim kamen "als es schon hell war", wurde es um ein Stündchen verschoben.

Sie absolvierten noch ihr letztes Spiel in Oberhausen, wieder wurde mit 4:3 gewonnen, dann startete der Autokorso durch Mönchengladbach. "Normal braucht man drei Minuten vom Bahnhof zum Alten Markt, wir damals zwei Stunden", erinnert sich Köppel an den 3. Mai 1970.

Die Stadt, von der so viele Deutsche noch nie etwas gehört hatten, kam nun öfter in den Nachrichten. Deutscher Meister 1971, 1975, 1976, 1977, Deutscher Pokalsieger 1973, UEFA-Pokalsieger 1975 und 1979, dazu zwei verlorene Europacupfinals – von dieser Erfolgsserie, ab 1975 mit Trainer Udo Lattek zehrt der Verein bis heute. Dass die 50-Jahr-Feier wegen Corona ausfallen musste, ändert nichts daran. Man muss nur ins Vereinsmuseum gehen um zu wissen: Die Legende lebt.

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