Alarmstufe Reds!

Maximilian Schwoch
·Lesedauer: 4 Min.

Jürgen Klopp hatte die Katastrophe kommen sehen.

Schon vor der Coronakrise hatte der Trainer des FC Liverpool die seiner Meinung nach zu hohe Belastung seiner Profis kritisiert. Nach dem 1:1 im Topspiel der Premier League bei Manchester City appellierte er erneut an die Liga, fünf Auswechslungen im Spiel zuzulassen. In allen anderen europäischen Top-Ligen sind fünf Wechsel pro Partie erlaubt, in der Premier League nur drei.

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Auch den aufgrund der Coronapandemie zu dicht getakteten Spielplan kritisierte er. Anlass war die Verletzung von Rechtsverteidiger Trent Alexander-Arnold. Er erlitt ohne Fremdeinwirkung eine Wadenverletzung und fällt wohl bis Anfang Dezember aus.

Nach van Djik fehlt auch Gomez lange

Sein Teamkollege Joe Gomez reiste hingegen mit zur englischen Nationalmannschaft - und verletzte sich dort im Training. Der 23-Jährige musste sich einer Knie-Operation unterziehen und wird "signifikante Teile" der Saison verpassen, wie die Reds mitteilten.

Dem englischen Meister steht daher von der FIFA eine Entschädigung zu, die laut englischen Medien bei bis zu zwei Millionen Euro liegen soll. Die Zahlung wird fällig, da sich Gomez im Kreise der Three Lions verletzte. Dennoch wäre Klopp ein fitter Gomez lieber. Denn nun hat er ein ernstes Problem.

Gomez ist Innenverteidiger. Und dort herrscht nach der Verletzung des englischen Nationalspielers ein riesiges Vakuum. Denn auch Abwehrchef Virgil van Djik fehlt aufgrund einer Kreuzbandverletzung noch monatelang. Routinier Dejan Lovren war zudem im vergangenen Sommer an Zenit St. Petersburg abgegeben worden. Auf einen Ersatz hatte Klopp verzichtet.

Matip der einzige erfahrene Innenverteidiger

So steht dem deutschen Trainer plötzlich nur noch ein Innenverteidiger, der sich bereits auf höchstem Niveau profiliert hat, zur Verfügung - Joel Matip. Doch der Ex-Schalker bestritt in der vergangenen Saison auch verletzungsbedingt nur 13 Partien. Auch in der aktuellen Spielzeit bekam er kaum Spielpraxis, absolvierte bisher nur rund 180 Pflichtspielminuten, gegen City stand er bereits in der Startelf.

Kein Wunder also, dass sich bereits Gerüchte um mögliche Wintertransfers ranken. Dayot Upamecano von RB Leipzig und Kalidou Koulibaly vom SSC Neapel werden des Öfteren genannt. Aber die Reds planen trotz der Verletzungsmisere offenbar ohne Transfers. Das berichtet The Athletic.

Demnach beschränkten sich die Transferplanungen auf den kommenden Sommer - sofern sich die Situation nicht weiter verschlimmert. Die Situation soll dafür genutzt werden, Spielern die Möglichkeit zu geben, sich in den Vordergrund zu spielen.

In der Champions League sind die Reds mit drei Siegen aus drei Spielen und keinem Gegentor auf Kurs, in der Premier League belegen sie Rang drei, einen Punkt hinter Spitzenreiter Leicester City. Am Sonntag kommt es zum direkten Duell mit Leicester – und das stellt Klopp ohne drei Stammspieler seiner Viererkette vor eine Herkulesaufgabe.

Klopp vor Herkulesaufgabe gegen Leicester

Ohnehin ist die Reds-Defensive in der Premier League alles andere als sattelfest, kassierte in 8 Spielen bereits 16 Gegentore - das ist der drittschlechteste Wert der Liga. Zum Vergleich: In der abgelaufenen Meistersaison waren es 33 Gegentore in 38 Spielen.

Gegen Leicester könnte Fabinho aus dem defensiven Mittelfeld in die Abwehrzentrale rücken, sofern er nach seiner Wadenverletzung rechtzeitig fit wird. Der Brasilianer hat die Position zwar schon des Öfteren bekleidet, wird aber auch im Mittelfeld gebraucht.

Zumal da mit Jordan Henderson auch der Kapitän mit einer Muskelverhärtung auszufallen droht. Zusätzlich fehlt in der Offensive Superstar Mohamed Salah, nachdem er positiv auf COVID-19 getestet wurde.

Philipps, Williams, van den Berg - wer kann überzeugen?

Doch welche Alternativen hat Klopp in der Innenverteidigung neben Matip außer Fabinho? Da wäre zum einen Nathaniel Philipps. Der 23-Jährige war in der vergangenen Spielzeit an den VfB Stuttgart ausgeliehen. Philipps absolvierte beim 2:1 gegen West Ham United Ende Oktober sein erstes Premier-League-Spiel überhaupt - und überzeugte direkt.

"Nat Philipps, wow! Ich könnte nicht zufriedener sein. Er war selbstbewusst, hat geliefert und ein wirklich gutes Spiel hingelegt. Er ist ein brillanter Kerl, klug, intelligent - alles", schwärmte Klopp nach dem Spiel. Sky Sports wählte den Engländer sogar zum "Man of the Match".

Auch Supertalent Rhys Williams dürfte weiter Chancen erhalten. Der 19-Jährige absolvierte bisher noch keine Ligaminute, dafür kam er in allen drei Partien in der Königsklasse zum Einsatz, beim 5:0 gegen Atalanta Bergamo sogar über die volle Distanz. Jedoch kehrte auch Williams angeschlagen aus der Länderspielpause zurück. Er hat sich bei der englischen U21 eine leichte Hüftverletzung zugezogen.

Und dann gibt es ja auch noch Sepp van den Berg. Der 18 Jahre alte Niederländer, der vor seinem Wechsel 2019 zu den Reds auch vom FC Bayern München umworben gewesen sein soll, hat bislang allerdings noch keine Premier-League-Minute absolviert. In der Champions League ist von den drei Youngsters zudem bis zum Winter nur Williams spielberechtigt.

Die kommenden Wochen dürften für Klopps Reds keine einfachen werden. Die Personalsituation ist jetzt schon angespannt wie selten, zudem wartet bis zum Jahresende ein echtes Mammutprogramm auf den englischen Meister. Bis zum 2. Januar 2021 muss Liverpool noch 12 (!) Pflichtspiele absolvieren.

Und auch Matip wird seine Pausen benötigen, schließlich kann sich Klopp eine weitere Verletzung im Abwehrzentrum nicht leisten. Denn dann würde die Liverpooler Abwehrkatastrophe nur noch größer.