Berlin-Boss Baldi: "Bayern hat eine andere Mentalität"

Robin Wigger
·Lesedauer: 7 Min.

Marco Baldi hat in seiner Basketball-Karriere viel erlebt.

Als Aktiver spielte Baldi in den 1980er-Jahren für Ludwigsburg und Berlin in der Bundesliga. Später baute der mittlerweile 58-Jährige ALBA Berlin von Grund auf mit auf.

Heute ist er Geschäftsführer der Albatrosse und darf sich als aktueller Double-Sieger bezeichnen.

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Vor dem Saisonstart der easycredit BBL am Wochenende spricht Marco Baldi im Interview mit SPORT1 über die Saisonvorbereitung, die Corona-Beschlüsse der Regierung, die eigene Erwartungshaltung, das Double, die Bayern und die EuroLeague.

SPORT1: Herr Baldi, nach den neuesten Corona-Entscheidungen der Regierung gab es unterschiedliche Reaktionen aus dem Sport. Wie haben Sie, wie hat ALBA Berlin die Entschlüsse aufgenommen?

Marco Baldi: Ehrlich gesagt habe ich keine Lust in den vielstimmigen Klagechor einzustimmen. Wir können tausende Dinge kritisieren und bedauern, aber am Ende geht es darum, wie man diese wirklich ernste und schwierige Situation gemeinsam gestaltet und durchsteht. Die Entwicklung ist extrem dynamisch. Eine heute getroffene Entscheidung, die noch große Akzeptanz fand, kann sich morgen als komplett falsch herausstellen. Da darf man keinem der Entscheidungsträger einen Strick draus drehen. Ich könnte mich über vieles ärgern, aber ich habe einfach keine Lust mehr. Ich habe beschlossen, die Energie dahin zu tragen und zu teilen, wo sie auch noch fruchten kann.

SPORT1: Gibt es bei Ihnen unterschiedliche Gedankengänge, da die Regelungen beispielsweise auf das Profi-Team andere Auswirkungen haben als auf den Nachwuchs?

Baldi: Nein, da gibt es keinen Spagat. Wir sind der Klub, der das intensivste Programm hinsichtlich Spitze und Breite betreibt. Ich kann Ihnen sagen: Wir haben 120 Trainerinnen und Trainer, die auch außerhalb des Vereins an unzähligen Schulen, Kitas und Bildungseinrichtungen tätig sind, in denen keiner weiß, was jetzt eigentlich ist. Ich meine das nicht beklagend, aber jede Schule entscheidet am Ende selbst: Findet Sportunterricht überhaupt statt? In welcher Form? Die Anforderungen, die an uns im Profibereich gestellt werden, mit den Hygienemaßnahmen, der Quarantäne, der Flexibilität und dem ständigen Anpassen an die Situation - die stellen sich im sozialen Bereich ebenso. Da geht es nicht um fair oder unfair oder um richtig oder falsch, sondern darum, dass man gemeinsam alles versucht, die Dinge, die sich stellen, mit Kreativität und Improvisationskunst zu bewältigen, um das Qualitätsniveau möglichst hoch zu halten. Das ist das Sinnvollste, das man aktuell tun kann.

ALBA-Boss Baldi: "Die Lage ist insgesamt ernst"

SPORT1: Wie ist die Vorbereitung auf diese Saison im Vergleich zu den vorherigen gelaufen?

Baldi: Wir haben unter Betrachtung der Gesamtsituation, also mit einer gewissen Vorsicht, an unseren Maßstäben, Kriterien und unserer Ausrichtung festgehalten und damit den Kader geplant und umgesetzt. Aber klar, es entstehen ständig neue Anforderungen, mit denen man in keiner Weise rechnen konnte. Die Lage ist super ernst. Man kann sich stundenlang darüber unterhalten, ob mit entsprechenden Hygienekonzepten Zuschauer in die Arenen dürfen oder nicht, und wer welche Nothilfen dazu stellen kann. Aber letztlich müssen wir die Situation, wie sie ist, annehmen und schauen, wie wir damit über die Runden kommen. ALBA Berlin ist, anders als viele andere Profiklubs, nicht nur im Profibereich mit einem entsprechenden Leistungsjugendprogramm aufgestellt. Sondern wir haben ein riesiges, breites Programm aufgebaut, das uns noch mal zusätzlich fordert und vor völlig andere Herausforderungen stellt. Auf der anderen Seite wird uns das aber helfen können, weil wir eine sehr enge Verbindung in die Gesellschaft, in unsere Umgebung haben. Da erwachsen auch Kräfte, die sagen: Das ist mein Klub, da möchte ich meine Hilfe und Zuneigung zur Verfügung stellen. Die Lage ist insgesamt ernst. Da muss jeder erst einmal bei sich schauen, wie sich das in den Griff kriegen lässt. Genauso essenziell ist es aber, und das haben wir als BBL bereits gezeigt, dass es auch eine übergeordnete Idee geben muss. Dann lässt sich das durchstehen.

SPORT1: Heißt?

Baldi: Es ist ein Überlebenskampf. Nicht nur für uns. Man muss auf das vertrauen, was man aufgebaut, was man an Werten, an Substanz hat - nicht nur an wirtschaftlicher. Das gilt es, zu aktivieren und zusammenzubringen. Wie flexibel, wie kreativ, wie solidarisch man von dieser Basis aus agiert, ist dann die nächste Stufe. Das gilt für alle, die davon abhängig sind, dass Menschen zu einem kommen und teilhaben. Das ist in anderen Bereichen der Kultur oder in der Gastronomie genau dasselbe. Diejenigen, die von Publikumszuspruch abhängen, stehen vor existenziellen Herausforderungen.

ALBA fürchtet keine Dominanz des FC Bayern

SPORT1: Dennoch geht es sportlich auch in der BBL weiter. In den vergangenen Jahren galten Sie als erster Herausforderer der Bayern - fühlen Sie sich nun als Gejagter?

Baldi: (lacht) Das ist die andere Seite der Medaille. Wir versuchen immer, das Beste zu erreichen. Für uns wird sehr, sehr wichtig sein, es trotz der widrigen Umstände hinzubekommen, unsere Geschlossenheit herzustellen. Wir sind kein Team, das die Kraft durch Erfahrung oder überragende Individualisten entwickelt. Wir haben sehr gute Spieler, die noch besser werden, wenn sie in einem starken Zusammenhalt stehen. Dafür benötigen wir Zeit, dafür brauchen wir regelmäßiges Training und Spiele. Wenn uns diese Kontinuität gelingt, können wir auch wieder ganz vorne mitspielen. In dieser Saison gibt es aber so viele zusätzliche Variablen und Ungewissheiten, dass man nur schwer voraussagen kann, in welche Richtung das geht.

SPORT1: Wie wichtig war Berlins Double im vergangenen Jahr, um eine befürchtete Bayern-Dominanz zu stoppen?

Baldi: Wir fürchten keine Bayern-Dominanz. Wir haben unser Selbstvertrauen, gebaut über eine jahrzehntelange Geschichte. Wir waren in den Jahren zuvor auch ganz nah dran. Wir haben eine Qualität erreicht, die es uns erlaubt, auf europäischem Spitzenniveau mitzuhalten. Ob das dann für ganz vorne reicht, ist noch mal eine andere Frage. Da kommt es viel auf das Momentum, die Gesundheit, die Form an. Aber klar: Bayern ist mit der Kraft und den vielen Spitzenspielern, die sie haben, ein Team, das es zu schlagen gilt, wenn man ganz vorne sein möchte. In einer sehr unvorhersehbaren Saison kann man eines sagen: Wer am Ende an der Spitze sein möchte, wird sich mit Bayern auseinandersetzen müssen - aber auch mit uns.

Baldi: "Davon wird der Wettbewerb beeinflusst"

SPORT1: ALBA Berlin hat in den vergangenen Jahren betont, dass die Entwicklung des Vereins und des Teams wichtiger sind als nur die Titel. War es aber für diese Überzeugung auch wichtig, dass Sie endlich wieder Pokale gewinnen konnten?

Baldi: Klar, da haben Sie völlig recht. Wir hatten beim Pokal das Glück, das Finale vor 15.000 Menschen in Berlin spielen zu können. Wenn man zu Hause einen Titel gewinnen kann, sind das Glücksmomente, die bei allen Beteiligten ein Leben lang hängen bleiben. Für den emotionalen Part, für die Seele des Klubs, ist das extrem wichtig. Und natürlich macht Erfolg attraktiv. Das trägt dazu bei, auch im Markt eine gute Position einnehmen zu können. Was aber trotzdem sichtbar geworden ist in den letzten Jahren: Man braucht nicht unbedingt Titel, um attraktiv zu sein für Spieler, die schon eine gewisse Qualität und hohe Ambitionen haben. Sie kommen zu uns, weil sie wissen, dass sie hier noch einen Schritt weiterkommen können. Für alle, die unseren Klub mögen und sich mit ihm verbunden fühlen, ist ein Titel ganz, ganz toll, wertvoll und emotional aufladend. Noch mehr, wenn man eine gewisse Zeit darauf warten musste.

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SPORT1: In der EuroLeague werden Spiele verschoben, annulliert, abgesagt, manche Teams wie Khimki treten wegen Corona mit einer Not-Besetzung an. Ist die Durchführung des Wettbewerbs derzeit überhaupt sinnvoll?

Baldi: Das ist ein gutes Beispiel für das, worum es aktuell geht. Natürlich stellen sich viele gerade die Frage: Was soll denn der ganze Blödsinn? Egal, in welchem Lebensbereich. Das kann man sich genauso im Sport fragen. Es geht darum, dass man trotz aller Widrigkeiten soziales und wirtschaftliches Leben weiter organisiert und lebt. Ob da in der Umsetzung alles richtig gemacht wird? Ich will ganz bestimmt kein Schlaumeier sein. Denn da gibt es schon so viele, die aber meistens erst hinterher beurteilen, wenn etwas schon vorbei oder entschieden ist. Solange es irgendwie machbar und möglich ist, unterstütze ich komplett, dass alle Ligen, auch die EuroLeague, versuchen, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Ob es dabei bleiben kann, steht in den Sternen.

Wird der Wettbewerb entwertet? Es gibt Beispiele wie Khimki, die zeitweise mit einer 7er-Rotation spielen mussten. Wir treten am Donnerstag praktisch ohne Vorbereitung gegen Barcelona an, mit Spielern, die teilweise krank und in Quarantäne waren. Natürlich wird der Wettbewerb davon beeinflusst. Ob das am Ende mitentscheidend ist, bei so einer langen Saison, mit so vielen Spielen, mit Playoffs - das wird man sehen. Doch wenn wir alle den Kopf in den Sand stecken, abwarten, den Winterschlaf machen und hoffen, dass alles vorbei ist, wenn wir wieder aufwachen, wird man das nicht managen können. Dann wird man diese Periode nicht gut oder gar nicht überstehen.