Alexander Wurz: Corona-App soll F1-Saisonauftakt möglich machen

Christian Nimmervoll
motorsport.com

In Österreich sind die Pläne, am 5. und 12. Juli mit zwei Rennen in Spielberg die Formel-1-Saison 2020 beginnen zu lassen, weit fortgeschritten. GPDA-Direktor Alexander Wurz, selbst Österreicher, hat nun erklärt, welche Vorkehrungen getroffen werden könnten, um eine sichere Durchführung des Events von Seiten des Veranstalters Red Bull und der Formel 1 zu gewährleisten.

Eine solche Maßnahme könnte zum Beispiel eine verpflichtende Handy-App sein, ganz ähnlich jener, die das Rote Kreuz in Österreich jetzt schon zum Download anbietet, um die Ausbreitung der Krankheit besser nachvollziehen zu können.

"Wir werden uns vielleicht mit einer App am Telefon komplett verfolgen lassen, damit, falls etwas passiert, sofort die Nachverfolgung begonnen werden kann", erklärt Wurz in einem Interview auf der Instagram-Seite von ORF-Formel-1-Kommentator Ernst Hausleitner.

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Eine solche Maßnahme wäre für normale Bürger aus datenschutzrechtlicher Sicht zumindest fragwürdig. Wenn sich die Mitglieder des Formel-1-Zirkus allerdings freiwillig zu einer solchen Überwachungsmaßnahme bereiterklären, kann das für die Chancen auf einen Grand Prix in Österreich nur positiv sein.

Wurz: Überwachungs-App auch nicht anders als WADA-Monitoring

Wurz vergleicht die angedachte Corona-App mit den strengen Auflagen der Anti-Doping-Organisation WADA: "Jeder Profisportler, auch jeder Formel-1-Fahrer, muss jeden Tag bekanntgeben, wo er ist. Auch das könnte für Ingenieure, für Mechaniker gelten. Damit wir sofort wissen: 'Okay, der ist positiv, der hat mit 17 Leuten Kontakt.' Die kontaktiert man dann sofort und setzt sie unter Quarantäne."

Eine weitere Maßnahme könnte sein, vor Ort in Österreich "Hotels ohne Service" zu mieten, schlägt Wurz vor: "Müssen wir uns das Bett halt selber machen, um den Kontakt zu minimieren. Vielleicht ist die Zulieferung der Lebensmittel nur von zertifizierten Zulieferern erlaubt, wo wir alles reinigen, sicherstellen, dass weder rein noch raus irgendein Virus importiert wird."

Grundsätzlich sei der Motorsport dafür "prädestiniert, dass es die ersten Schritte gibt in unserer Sportart. Warum? Es ist keine Kontaktsportart. Zwar ein Teamsport, der aber nicht gemeinsam Kontakt hat. Wir haben einen Fahrer, der ist vermummt. Wir haben beim Boxenstopp Mechaniker, die auch vermummt sind."

"Die Meetings", sagt Wurz, "finden ohnehin schon in Distanz mit Kopfhörern statt. Wir praktizieren dieses 'Social Distancing' in einem Ein- bis Zwei-Meter-Abstand ohnehin schon sehr gut." Klar sei aber auch: "Natürlich müssen wir uns an die lokalen Situationen anpassen. Und da ist ganz, ganz wichtig, dass die Formel 1 festlegt: Aus wie vielen Nationen kommen die Teilnehmer des Grand Prix her?"

Noch zu klären: Was ist mit Ein- und Ausreise?

"Nicht nur die Fahrer, auch die Mechaniker, die Ingenieure, die Zulieferer. Und können diese Nationen ungehindert nach Österreich reisen, oder unter welchen Auflagen?" Eine reibungslose Ein- und Ausreise nach und aus Österreich gehöre zu den Dingen, "die man halt noch lösen muss in den nächsten eineinhalb bis zwei Monaten".

Aber Wurz ist davon überzeugt: "Mit strengen Eigenrichtlinien und natürlich auch internationalen Richtlinien ist es, glaube ich, möglich, dass wir den Grand Prix in Österreich haben und somit die Saison eröffnen."

Die Planungen sind inzwischen - auch unter Einbeziehung der zuständigen politischen Entscheider - so weit fortgeschritten, dass es nur noch wenige Stolpersteine aus dem Weg zu räumen gilt. Allerdings bedeutet das noch lange nicht, dass die beiden Grands Prix definitiv stattfinden werden.

Sollten etwa die Coronavirus-Infektionen aufgrund der seit 1. Mai in Österreich geltenden Lockerungen der Maßnahmen in den nächsten Wochen wieder deutlich ansteigen, wäre die Formel 1 im Land für die Regierung von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sicher nicht zu rechtfertigen.

Wurz: Lob für die österreichische Bundesregierung

Wurz ist aber optimistisch: "Wir sind in Österreich gesegnet, weil a) die Regierung und b) die Österreicher, wir alle, sehr gut, sehr clever und sehr gebildet reagiert haben auf die Coronakrise. Deshalb sind unsere Fallzahlen sehr gut. Natürlich immer noch zu hoch, aber im Verhältnis, international."

"Das plus ein extrem tüchtiger Formel-1-Veranstalter, das sind die zwei wichtigsten Dinge, damit wir den Saisonauftakt in Österreich haben können. Was natürlich ein Wahnsinn wäre für die weltweite PR-Wirkung für Österreich." Nicht nur aus sportlicher und touristischer Sicht, sondern auch, weil das ein Beweis dafür wäre, dass Österreich es sehr gut geschafft hat, "das Virus auszubremsen".

Wurz denkt insgeheim schon einen Schritt weiter: "Logisch würde mir erscheinen, wenn wir in Österreich anfangen, dass wir sofort danach nach Ungarn fahren. Dann braucht der ganze Renntross, speziell das Equipment, nicht quer durch Europa geführt werden und wieder nach Hause."

"Die Teams könnten nach den beiden ersten Grands Prix in Österreich das Material aufbereiten, könnten eventuell weiter nach Ungarn reisen. Mit der ungarischen Regierung kann man vielleicht gut reden."

Ungarn: Wenn, dann nur mit Ausnahmeregelung für die Formel 1

Was Wurz noch nicht wissen konnte, als das Interview mit Hausleitner geführt wurde: Die ungarische Regierung hat diese Woche festgelegt, dass Veranstaltungen mit mehr als 500 Teilnehmern bis 15. August verboten bleiben. Und selbst für die Abwicklung eines "Geisterrennens" sind mutmaßlich mindestens 1.500 bis 2.000 Mitarbeiter zwingend notwendig.

Dabei hätte Ungarn als zweiter Austragungsort Vorteile, weil "wir alle mit dem Auto fahren können oder mit dem Reisebus. Somit wäre auch sichergestellt, wenn ein englischer Mechaniker vielleicht positiv ist und der rechtzeitig erkannt wird, könnte er eigentlich mit seinem Auto zumindest nach Hause kommen, ohne mit irgendjemand Kontakt haben zu müssen", erklärt Wurz.

Sein Landsmann Gerhard Berger, als Chef der DTM nach dem Ausstieg von Audi gerade mit einer anderen schweren Krise konfrontiert, würde sich über einen Saisonauftakt 2020 in Österreich jedenfalls freuen: "Der Sport kann ein Stück Normalität zurück in die Wohnzimmer bringen", sagt er in einem Interview mit der 'Tiroler Tageszeitung'.

Und: "Wenn Unternehmen wie Red Bull dahinterstehen, die weltweit und auch außerhalb des Sports tätig sind, wenn die Regierung grünes Licht gibt, wenn sich die Formel-1-Führung an die Vorschriften hält, dann halte ich Rennen in Österreich auch für durchführbar. Dass wir imstande sind, harte Maßnahmen zu setzen, haben wir schließlich in den vergangenen Wochen gezeigt."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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