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Alonsos späte Abrechnung: "Zu sehr an das Gute geglaubt"

·Lesedauer: 7 Min.
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Alonsos späte Abrechnung: "Zu sehr an das Gute geglaubt"
Alonsos späte Abrechnung: "Zu sehr an das Gute geglaubt"

Er gewann „nur“ zwei WM-Titel, aber er entthronte Michael Schumacher - nicht nur deshalb sehen ihn Motorsport-Experten als einen der besten Fahrer aller Zeiten

Fernando Alonso wird oft in einem Atemzug mit Juan-Manuel Fangio, Jim Clark, Ayrton Senna, Schumacher und Lewis Hamilton genannt. Er hätte den Titel viel öfter gewinnen können, hätte er nicht so viel Pech gehabt mit unterlegenen Autos und anderen Faktoren wie dem internen Zoff mit Lewis Hamilton bei McLaren 2007. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Formel 1)

Alonso auf den Spuren von F1-Legende Fangio

Was Alonso dennoch heraushebt: Der Spanier errang seine 32 GP-Siege mit drei verschiedenen Marken (Renault, McLaren und Ferrari) und drei verschiedenen Motoren (Mercedes, Renault und Ferrari). Das gelang außer ihm nur Ikone Fangio.

Und: Alonso gewann die 24 Stunden von Le Mans und hätte auch fast bei den legendären 500 Meilen von Indianapolis triumphiert - nur ein Motorschaden kurz vor Schluss konnte den in aussichtsreicher Position liegenden Spanier stoppen. Auch bei der Rallye Paris-Dakar holte das Multi-Talent einen zweiten Etappenrang. (DATEN: Die Fahrerwertung der Formel 1)

SPORT1 unterhielt sich exklusiv mit dem Spanier, der mit inzwischen 40 Jahren in der Königsklasse mit seinem Alpine-Renault immer noch Weltklasseleistungen bringt, wie er im Qualifying in der Türkei einmal mehr unter Beweis stellte. Er spricht über die Unterschiede zwischen jungen und älteren Fahrern, Michael Schumacher, den Fluch des frühen Ruhms und was er im berühmt-berüchtigten WM-Jahr 2007 anders gemacht hätte.

SPORT1: Fernando Alonso, Max Verstappen hat sich als großer Fan von Ihnen geoutet. Macht es sie stolz, dass junge Supertalente wie Verstappen, die gerade um den Titel fahren, von Ihrem Fahrstil schwärmen?

Fernando Alonso: Ja, das ist nett zu hören. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Ich habe schon im letzten Jahr gesagt, als Max noch nicht um den Titel gefahren ist und ich gerade eine Formel-1-Pause machte: Ich schaue mir nur wegen zwei Fahrern die Rennen an: wegen Max und wegen George Russell. Weil das die beiden Fahrer sind, die speziell sind, die den Unterschied machen. Die mehr aus der eigentlichen Leistungsfähigkeit ihrer Autos herausholen. Der Rest der Piloten fuhr nur die Resultate ein, die der Performance ihrer Autos entsprachen.

SPORT1: Russell und Verstappen sind wesentlich jünger als Sie. Trotzdem bringen Sie auch mit 40 Jahren noch Weltklasseleistungen. Wie machen Sie das?

Alonso: Das hat mit der Eigenart der Formel 1 und des Motorsports zu tun. Wir reden nicht von Fußball, Tennis oder Basketball. Da wäre das so kaum möglich. Motorsport ist nicht so sehr altersabhängig. Beispiel: Ein Mercedes-Pilot ist 36, einer von Haas knapp über 20. Der Mercedes-Pilot gewinnt, der andere wird Letzter. Das hat aber hauptsächlich mit der Leistungsfähigkeit ihrer Autos zu tun. Was wichtig ist: Du musst fit sein, du musst motiviert sein. Beides bin ich. Nach den zwei Jahren Pause kommt bei mir nochmal eine frische Energie dazu. Ende 2018 waren meine Batterien ziemlich leer, ich fühlte mich ausgelaugt. Ich hörte auch auf, weil ich keine richtige Freude mehr spürte. Im Gegensatz zu heute.

„Ich wäre heute egoistischer“

SPORT1: Was wäre möglich, wenn Sie in einem Mercedes oder Red Bull fahren würden?

Alonso: Das ist schwierig zu beantworten. Aber, ja, ich würde mir zutrauen um den Titel zu fahren. Aber Lewis und Max machen einen super Job in ihren Teams. Deshalb gibt es keine klare Antwort darauf.

SPORT1: Warum glauben Sie, sind Sie heute sogar besser als 2005 und 2006, als Sie im engen Kampf gegen Michael Schumacher ihre beiden WM-Titel gewonnen haben?

Alonso: Hauptsächlich, weil ich erfahrener bin. Ich weiß besser, was ein Auto im Rennen braucht, um schnell zu sein. Ich kann heute besser mit Druck umgehen. Ich weiß auch heute viel besser, wie man sich optimal auf ein Rennwochenende einstellt und vorbereitet. Nicht nur am Rennwochenende selbst, sondern auch in der Zeit davor. Wichtig ist auch, wie man 100 Prozent aus dem Auto und dem Team herausholt. Das hat viel mit Erfahrung zu tun. Dabei lerne ich in meinem Comeback-Jahr jedes Wochenende dazu. Zum Beispiel bin ich noch nicht perfekt im Qualifying, wenn es darum geht, den optimalen Grip der Reifen zu spüren. Da bin ich vielleicht im Moment bei 80 Prozent. Im nächsten Jahr sollte es dann nahezu perfekt sein. (DATEN: Der Rennkalender der Formel 1)

„Mein Leben änderte sich auf einen Schlag“

SPORT1: Sie sagen, Sie sind heute besser als früher. Was würden Sie heute anders machen als beispielsweise 2007, als Sie bei McLaren nur deshalb nicht Weltmeister wurden, weil Sie das Team nicht unterstützt hat?

Alonso: Ich wäre heute egoistischer. Ich war zu blauäugig. Ich glaubte zu sehr an Gerechtigkeit, zu sehr an Fairness. Zu sehr an das Gute im Menschen. Am Ende stand ich alleine da im Team, weil alle anderen nur an sich dachten.

SPORT1: Kommen wir zurück auf die Jahre 2005 und 2006. Sie waren der erste, der Michael Schumacher mit gleichwertigen Waffen schlagen konnte. Wie wichtig war das für Sie damals und auch heute noch?

Alonso: Das war sehr speziell. Weil wir als Team bei Renault immer stärker wurden. 2003 war schon gut, 2004 war noch besser, 2005 waren wir dann soweit. Ich war damals 24 Jahre alt und konnte DIE Legende unseres Sports besiegen. Das war früher, als ich erwartete und machte mich enorm stolz. Aber es war nicht leicht, damit umzugehen. Mein ganzes Leben änderte sich auf einen Schlag. Damit war nur sehr schwierig umzugehen. In diesem Alter kann man noch nicht mit all den Emotionen umgehen, die auf dich einprasseln. Und das jedes Wochenende.

SPORT1: Trotzdem: Was konnten Sie aus dieser Zeit mitnehmen? Was konnten Sie von Michael Schumacher lernen?

Alonso: Ich lernte vor allen Dingen eins von ihm: Gib niemals auf! Ein Beispiel: Damals kam es öfters vor, dass die Michelin-bereiften Autos wie wir oder die Bridgestone-bereiften wie der Ferrari von Michael große Vorteile auf den verschiedenen Rennstrecken haben konnten. Trotzdem, wenn ich auf Pole stand, war er immer Zweiter oder Dritter. Und nicht Sechster. Er wusste: Wenn er einmal nicht gewinnen konnte, war er mit dem zweiten Platz mit dem Maximum zufrieden und richtete sein Rennen danach aus. Er dachte nur an die WM und das war für mich als junger Kerl damals extrem lehrreich.

„Ich mag Mick sehr“

SPORT1: Was hat er Ihnen gesagt, als Sie ihn zweimal schlagen konnten?

Alonso: Er war immer nett zu mir, wir hatten eine Menge Respekt voreinander. 2006 war er sehr emotional nach dem letzten GP, da es ja sein vorerst letztes Rennen in der Formel 1 war. Aber trotzdem hat er mir immer das Gefühl gegeben, dass er mir meinen Erfolg von ganzem Herzen gönnt und ich den Titel genießen soll. Er sagte immer: „Enjoy and have fun!“

SPORT1: Mit welchem Gefühl fahren Sie heute gegen seinen Sohn Mick? In Imola hat er ganz stolz erzählt, dass er ein tolles Duell mit ihnen hatte und Erinnerungen in ihm hochkamen, weil Sie mit seinem Vater gerade auch in Imola heftige Zweikämpfe hatten...

Alonso: ... es ist in der Tat etwas Besonderes, ihn in der Formel 1 zu haben. Er hat ja auch die gleichen Kürzel wie sein Vater auf dem Zeitenmonitor. Das finde ich sehr bewegend. Ich mag ihn sehr, ich mag sein Art, ich mag sein ganzes Auftreten in der Formel 1. Er erinnert mich sehr an seinen Vater. In der Körpersprache, in der Mimik, mit fast allem. Ich kann ihm nur wünschen, dass er bald ein konkurrenzfähiges Auto haben wird. Dann wird er seinen Weg gehen.

SPORT1: Sie haben eine Sache mit unserem anderen deutschen Fahrer gemein: Obwohl Sie beide hochdekorierte Champions sind, konnten Sie nicht mit Ferrari Weltmeister werden. Haben Sie darüber auch mal mit Sebastian Vettel geredet?

Alonso: Nein. Obwohl wir öfters enge Kämpfe hatten, als ich im Ferrari und er im Red Bull unterwegs war. 2012 hatte er im letzten Rennen ein wenig Glück, mit einem arg lädierten Red Bull noch das Rennen zu beenden und vor mir Weltmeister zu werden. Wir haben es beide mit Ferrari versucht, sind teilweise nah rangekommen an den Titel, haben es aber am Ende nicht geschafft. Vielleicht war Ferrari zu unseren Zeiten noch nicht wieder bereit, einen Weltmeister im Cockpit zu haben. Ich denke, jetzt haben sie ihre Planung umgestellt. Die Erwartungshaltung ist nicht mehr so hoch, sie fahren mit jungen Piloten. Sie denken jetzt eher in längeren Perioden, nicht mehr zu kurzfristig.

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