Analyse: Corona sorgt in Amerika für Wildweststimmung

Jan RübelReporter
Yahoo Nachrichten Deutschland
Pralinenschachteln? Nein, Munition für Waffen in einem Geschäft in den USA (Bild: REUTERS/Jim Urquhart)
Pralinenschachteln? Nein, Munition für Waffen in einem Geschäft in den USA (Bild: REUTERS/Jim Urquhart)

Die USA vermelden viele Waffenkäufe. Damit wollen die Amerikaner nicht das Virus bekämpfen, aber dessen Folgen. Was dagegen wirklich hilft, ist Vertrauen in den Staat.

Eine Analyse von Jan Rübel

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Waffen sind in den USA derzeit ein Renner: Ob Pistolen oder kleine Gewehre, die Geschäfte vermelden seit drei Wochen vervierfachte Umsätze. Vor allem Erstkunden bilanzieren die Händler, heißt: Wer in Amerika bisher keine Waffe im Haushalt hatte, besorgt sich nun etwas.

In Deutschland gab es den Run auf Klopapier, in Frankreich auf Rotwein, und in den USA geht es um andere Kaliber. Jedem Land seine Wahl – aber was bedeutet das?

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Schnell ist über Amerika gelästert. Tatsächlich ist die dortige Waffenkultur uns fremd, wir haben sie schlicht nicht – von ein paar Freaks abgesehen, die es in jedem Land gibt. Die spinnen, die Amerikaner!, wird es nun wieder heißen. Aber eine Kultur verschwindet nicht von heute auf morgen. Sie ist wirkmächtig, weil sie sich über Generationen hinweg herausbildet. Und dann erstmal bleibt.

Wer kauft also nun verstärkt Waffen, und warum?

Zuerst waren es nach einigen Berichten chinesischstämmige Amerikaner. Vermutlich wollen sie sich schützen, wenn eine Wut losbricht, weil sie angeblich das Virus ins Land gebracht hätten. Das stimmt natürlich nicht, ist absoluter Humbug, und Corona gäbe es in Amerika auch, wenn der Kontinent ausschließlich von Abkömmlingen ostfriesischer Siedler bewohnt wäre. Aber US-Präsident Donald Trump kann nicht anders, alles ihm Unangenehme als fremd zu bezeichnen. Dies ist eine kindische Reaktion, aber hey: Wer behauptete, Trump agiere wie ein Erwachsener?

Jedenfalls gibt sich Trump erdenkliche Mühe, das Corona-Virus als “chinesisch” zu erzählen, wo es doch längst global ist; er streicht selbst Redezettel entsprechend um. Was Rassisten eben so machen.

Warum aber gibt es Misstrauen in einer Minderheit (der chinesischstämmigen Amerikaner) gegenüber der Mehrheit in Zeiten einer Pandemie?

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Die Leute haben Angst, dass die Zustände zu einer Katastrophe anwachsen. Dass der Staat dann nicht schützt, eben auch die einen Bürger vor der vermeintlichen Wut der anderen.

Andere Käufer von Waffen gaben an, dass sie sich vor Einbrüchen schützen wollen, vor Banden, wenn es darum geht, gehortete Lebensmittel zu verteidigen. Sie fürchten einen Zusammenbruch des Versorgungssystems. Sie haben Angst davor, was das Virus mit Menschen anstellt.

Ich kenne mich in Amerika überhaupt nicht aus. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es keine funktionierenden Sicherheitskräfte in dem Land geben könnte – selbst in Katastrophenlagen. Welche Filme haben die Leute voller Angst im Kopf? Zombie-Filme, oder jene nach einer Katastrophe mit von Menschen getilgten Landschaften und ein paar marodierenden Überlebenden? Warum dominieren im Kopf nicht Filme wie “Copland” von und mit Sylvester Stallone? Wo Recht und Ordnung natürlich aufrechterhalten werden?

Irgendwann ist auch gut mit der Vergangenheit

Diese Urangst vor Kontrollverlust kann ich mir nur mit der Geschichte des Landes erklären. Damals, als Siedler gen Westen aufbrachen und Dörfer und Städte gründeten, ritt ja nicht ständig die Kavallerie nebenher. Da mussten Besitz und Leben durchaus selbst verteidigt werden. Diese Zeiten sind vorbei, wirken aber noch immer nach.

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An diesem Phänomen wird klar: Nicht jede Tradition ist an sich gut. Für Waffen in privaten Händen gibt es auch in den USA keinen Bedarf. Der wird sich mit Corona auch nicht einstellen. Die Waffenkäufe beruhigen nur symbolhaft, werden aber neue Probleme schaffen. Denn wer von den vielen Erstkäufern kann mit einer Waffe umgehen? Wie viele Menschen werden nun durch Unachtsamkeit sterben?

Aus Gewohnheit kann sich eine Gefahr entwickeln. Waffen sind Alltag in Amerika. Nun wird es mehr von ihnen geben, das wird mehr Schüsse bedeuten und damit mehr Opfer. Mehr Sicherheit wird sich nicht einstellen, und das Virus läuft auch nicht vor den Kugeln davon. Was die USA nun brauchen, sind Vorsicht und Umsicht. Und ein Vertrauen in den Staat, der nämlich nicht weg ist und zur Not zur Stelle sein wird.

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