Analyse: Kriegt die Links-Fraktion mit Mohamed Ali neuen Punch?

Jan RübelReporter
Amira Mohamed Ali ist neue Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag - an der Seite von Dietmar Bartsch (rechts), der wiedergewählt wurde. (Bild: Getty Images)
Amira Mohamed Ali ist neue Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag - an der Seite von Dietmar Bartsch (rechts), der wiedergewählt wurde. (Bild: Getty Images)

Stabwechsel im Bundestag: Sahra Wagenknecht verlässt den Fraktions-Covorsitz, und Amira Mohamed Ali übernimmt. Was bedeutet das für die Partei?

Eine Analyse von Jan Rübel

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Nun muss sie sich erstmal überall vorstellen. Amira Mohamed Ali trägt zwar einen berühmten Namen, ist aber weder verwandt mit dem besten Boxer aller Zeiten noch hat sie nur erträumbar seine Bekanntheit. Amira wer?

Für die Linke ist dieser Wechsel eine Zäsur. Sahra Wagenknecht wird gern als Ikone beschrieben, was etwas religiös daherkommt. Wagenknecht verfügt indes tatsächlich über eine Strahlkraft für die Partei, während ihre Nachfolgerin Mohamed Ali eine Wette auf die Zukunft ist.

Wagenknecht gab auf, es gab gesundheitliche Gründe. Auch schien sie sich ein wenig aufgerieben zu haben, im Dauerclinch mit der Parteivorsitzenden Katja Kipping über den inhaltlichen Kurs der Partei, über Macht. Wagenknecht gehören die Talkshows, die großen Rednertribünen. Kipping dagegen hat ein Netzwerk in die Verästelungen der Partei hinein gespannt. Wagenknecht fielen zwei schwere Gewichte vor die Füße: Zum einen vermochte sie es nicht, die Linke zu ihrem propagierten Schwenk gen einer nationalistischen Politik zu überzeugen. Und zum anderen ist Netzwerken für sie keine Passion und keine Kernkompetenz. Wagenknecht zog nüchtern Bilanz und zieht sich zurück. Die Talkshows bleiben ihr eh.

Sahra Wagenknecht zieht sich zurück. (Bild: Florian Gaertner/Photothek via Getty Images)
Sahra Wagenknecht zieht sich zurück. (Bild: Florian Gaertner/Photothek via Getty Images)

Eine Newcomerin zieht davon

Mohamed Ali setzte sich überraschend gegen die bestens vernetzte Carmen Lay durch. Erstere kennt man so gut wie nicht. Sie stammt aus Hamburg und lebt seit 2005 in Oldenburg, ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater stammt aus Ägypten. Im Nordwesten bewarb sich die Rechtsanwältin 2015 für ein politisches Amt und kandidierte 2016 bei den Kommunalwahlen. 2017 Bundestag. 2019 Fraktionsspitze. Eine Karriere mit Raketenantrieb.

Mohamed Ali kommt zugute, dass in der Fraktion nicht wenige etwas gegenüber ihrer Mitwettbewerberin Lay hatten. Eigentlich verfügt Lay über Verdienste und Erfahrungen, wäre für den Topjob mehr als qualifiziert gewesen. Aber Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch und sie sind nicht gerade ziemlich beste Freunde, und Lay hat ein eindeutiges Profil bei den legendären Grabenkämpfen der Linken: Sie gehört zum undogmatischen mittigen Lager um Kipping. Dieses wurde regelmäßig vom „linken“ oder „radikalen“ Lager rund um Wagenknecht sowie von den „Reformern“ oder „Pragmatikern“ rund um Bartsch eingerahmt. In diesen Zwistereien ging es einigen darum, Lay zu verhindern. Und Mohamed Ali ist die Newcomerin.

Endet nun der nationalistische Kram?

Auch sie gehört einem Lager an, dem um Wagenknecht herum. Aber ob sie zum Beispiel die schrillen nationalen Töne anstimmen wird, ist völlig offen; bisher konzentrierte sie sich auf das Backen nicht allzu großer Brote, beackerte die Themenfelder Verbraucherschutz und Tierschutz.

Die Chance für die Linke besteht in der Person Mohamed Alis darin, nun eine innerlich zerrüttete Fraktion zusammenzuschweißen. Sie könnte Brücken bauen, ihre fehlende Bekanntheit nutzen, um heilsam nach innen zu arbeiten; Wagenknecht wirkte irgendwann von der Fraktion entschwebt. Eine Gefahr für die Linke bestünde hingegen darin, sollte Mohamed Ali kaum Gehör finden, kaum Profil zeigen, kaum den Reformer und allzu selbstbewussten Bartsch in die Schranken weisen und nicht die Außenwirkung erzielen, welche die schwächelnde Partei eigentlich braucht.

Für Mohamed Ali jedenfalls wird es eine spannende Zeit.

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