Analyse: Was wurde aus Merkels "Wir schaffen das"?

Jan RübelReporter
Yahoo Nachrichten Deutschland
Was wurde aus Merkels „Wir schaffen das“? (Bild: Felix Zahn/Photothek via Getty Images)
Was wurde aus Merkels „Wir schaffen das“? (Bild: Felix Zahn/Photothek via Getty Images)

Die Kanzlerin wiederholte diesen Satz 2015 wie ein Mantra. Heute heißt es, 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Was ist genau damit gemeint?

Eine Analyse von Jan Rübel

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Klar, viele denken jetzt an das Jahr 2015. Heute wie damals machen sich vor Krieg fliehende Menschen auf gen Nordwest. 2015 und kurz danach kamen 1,8 Millionen von ihnen nach Deutschland, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte die Grenzen offengelassen. Heute hören wir von der Regierungsbank die Beschwörungsformel, 2015 dürfe „sich nicht wiederholen“.

Was war eigentlich genau passiert?

Fehler wurden gemacht. Bei der Bewältigung der massenhaften Aufnahmen wurde nicht genau kontrolliert und vor allem protokolliert, somit konnten Menschen mit gefälschten Identitäten ins Land, was manchem Sicherheitsexperten Schweißperlen auf die Stirn trieb. Auch überließ der Bund vor allem den Kommunen die Mammutarbeit der Integration, und manchmal schlich sich der Eindruck ein, die optimistischen Reden der Regierung kämen besonders leicht von der Zunge, weil sie oft gar nicht zuständig war – und dann flossen versprochene Gelder verzögert und verringert.

Es gab auch Szenen, die von schlechter Organisation zeugten. Manche Landesämter zeigten sich schlicht überfordert, man denke an das Berliner „Lageso“, vor dessen Gebäude die Menschen wochenlang campieren mussten, weil die Behörde nicht funktionierte. Anderswo dauerte es viele Monate, bis Geflohene die Sporthalle räumen konnten und Sportvereine diese wieder nutzen konnten. Auch sind die so genannten „Zentralunterkünfte“ für jeden, der sie nur für fünf Minuten betritt, eine Fehlkonstruktion, die demütigt.

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Wenn wir an all jenes denken, wenn wir an 2015 denken, dann gibt es tatsächlich einiges, welches sich nicht wiederholen sollte.

Doch in nüchterner Gesamtschau erweisen sich all diese Dinge, die nicht gut gelangen, als weit weniger gewichtig. Denn die herausragende Erkenntnis lautet: Alles in allem hat es mit der Aufnahme der Leute gut geklappt. Das Mantra des „Wir schaffen das“ war die Prélude zu einer tatsächlichen Erfolgsstory.

Zahlen lügen nicht

Die ist ausgiebig dokumentiert. Fast jeder zweite Geflüchtete, der zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland kam, hat heute einen Job, zahlt Steuern. 90 Prozent aller Kinder gehen in die Schule, und immerhin 85 Prozent der erwachsenen Geflohenen haben einen Deutsch-Sprachkurs besucht, von denen zwei Drittel diesen erfolgreich abschlossen. Wir vergessen das manchmal, aber Deutsch ist keine supereinfache Sprache. Allein diese Zahl drückt eine starke Leistung aus. Und es macht sich bemerkbar, dass 40 Prozent von ihnen vor ihrer Flucht in ihren Herkunftsländern eine weiterführende Schule besucht haben. Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn in Deutschland Krieg ausbräche, und mancher Niedersachse oder Sachse müsste versuchen, sich in Syrien eine neue Existenz aufzubauen, mit einem Sprachkurs in Damaskus. Ist alles möglich. Aber kein Kinderspiel.

Eine Frau mit ihrem Kind im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. (Bild: REUTERS/Elias Marcou)
Eine Frau mit ihrem Kind im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. (Bild: REUTERS/Elias Marcou)

2015, als die Leute ankamen, waren es nur wenige, die eine Ausbildung begannen – erst einmal musste ja Deutsch gelernt werden. 2018 waren nun 43.000 in einer Ausbildung, verglichen mit knapp 7000 im Jahr 2015. Auch die Zahlen der Studierenden geht steil nach oben. Diese Zahlen sind erfolgreicher als zum Beispiel bei den Geflohenen aus den Balkankriegen der Neunziger.

Allerdings ist jeder zweite Arbeitnehmer unter den Geflohenen in einem so genannten Helferjob, der eher schlecht bezahlt ist. Und 30 Prozent der Geflohenen beziehen zusätzliche staatliche Leistungen – das ist mehr als bei Einheimischen. Aber es sind keine Werte, die durch die Decke gehen.

Oft wird angemahnt, die Geflohenen würden anderen die Arbeit wegnehmen. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Seit 2015 ist die Arbeitslosigkeit zurückgegangen, und die Durchschnittslöhne haben sich erhöht. Und der Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte hat sich nicht verkleinert: Mit der Digitalisierung nimmt der Bedarf an Dienstleistungen zu, und auch die Geflohenen haben selbst für einen Schub gesorgt – denn ihre eigenen Einkommen geben sie selbst zum Großteil für diese Dienstleistungen aus, schaffen also Jobs.

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In den Kriminalitätsstatistiken hat es keine Ausbrüche nach oben gegeben. Die allgemeinen Straftaten sind weniger seit 2015. Allerdings gab es mehr körperliche Gewalt, mehr sexuelle Straftaten und mehr Mord und Totschlag. Bei all diesen Delikten sind Geflohene und Migranten überdurchschnittlich „verbucht“. Doch bei genauer Ansicht zeigt sich: Der Anteil geht zum einen auf Straftaten von Geflohenen gegen Geflohene (zum Teil wegen der Enge in den Turnhallenunterkünften) zurück, was übrigens nicht weniger schlimm ist. Und zum anderen sind die meist jungen und männlichen Täter vor allem nicht aus den klassischen Fluchtländern von 2015, also Syrien, Irak und Afghanistan, sondern aus Ländern wie dem Maghreb, was ihnen in Deutschland keine sichere Bleibechance bietet. Rechnet man dann auch noch heraus, dass strafbare Handlungen auch bei „biodeutschen“ jungen Männern häufiger auftreten als bei anderen Alters- und Geschlechtsgruppen, pulverisieren sich die Ängste vor den „kriminellen Horden“.

Wir schafften das

Eine Herausforderung bildet die Wohnungsnot. Hier sollte der Bund genau auf jene Kommunen hören, die sich heute bereiterklären, Geflohene von der türkisch-griechischen Grenze aufzunehmen. Denn die haben Platz, wissen, wohin mit den Menschen.

Rein faktisch gesehen wird 2020 allein deswegen nicht 2015, weil viel weniger Menschen das Ziel Europa oder eben Deutschland haben. Aus dem „Wir schaffen das“ ist also eine Leistung geworden, die ihren Platz in den Geschichtsbüchern gefunden hat. Historiker werden 2015 als positives Jahr vermerken.

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