Hopp-Anwalt: "Er braucht kein Lob"

Reinhard Franke
Sport1

Die Coronakrise legt den kompletten Fußball lahm.

Wann und wie es weitergeht, ist noch unsicher. Die Vereine hängen gerade im luftleeren Raum. Eine der wichtigste Fragen: Was wird mit den Profis, deren Vertrag am 30. Juni ausläuft? Wird es wieder Geisterspiele geben?

Im SPORT1-Interview spricht Sportrechtsexperte Christoph Schickhardt über diese Problematik, den Salary Cap und Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp, den er seit rund vier Jahren vertritt.

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Schickhardt: "Die Vernunft muss einkehren"

SPORT1: Herr Schickhardt, wäre der Salary Cap eine Lösung für viele Vereine? Was ist Ihre juristische Auslegung?

Christoph Schickhardt: Ich weiß, dass der Salary Cap viele Befürworter hat und in Amerika hat man damit grundsätzlich gute Erfahrungen gemacht. Ich bin gegen alle Zwänge. Ich habe meistens die Erfahrung gemacht, dass Zwänge umgangen werden. Diese Gehaltsobergrenzen werden dann irgendwie umgangen. Es gab in Amerika während der Zeiten der Prohibition mehr Alkohol denn je. Ich bin grundsätzlich gegen solche Beschränkungen aber als Ultima Ratio wäre es möglich. Aber die Vereine müssen einfach so wirtschaften, dass es eine natürliche Gehaltsobergrenze gibt. Die Gehaltsobergrenze geht einfach immer weiter nach oben. Dieser Salary Cap ist eine gedankliche Obergrenze, die von der Vernunft gezogen werden muss. Die ich von den Einnahmen, abzüglich Ausgaben, Eigenkapital, Rücklagen und der Finanzströme bilden muss, die ein nachhaltiges Wirtschaften für den Verein möglich macht.


SPORT1: Wie könnte der Salary Cap für die Bundesliga oder den europäischen Fußball funktionieren?

Schickhardt: Ganz einfach: Die Vernunft muss einkehren. Im europäischen Fußball muss die UEFA strikte Regeln einhalten und konsequent Überprüfungen vornehmen. Man muss endlich bei den internationalen Vereinen die Regeln anwenden, die wir in Deutschland schon länger einhalten, und wir müssen lernen, nicht jeden Euro, der eingenommen wird, an Spieler und Berater weiterzugeben, sondern mit einem erheblichen Teil nachhaltige, wirtschaftliche Strukturen zu finanzieren wie Rücklagen und Eigenkapital. Das ist sicher eine Lehre der jetzigen Situation, aber jetzt geht es nicht um irgendwelche Belehrungen, sondern es geht uns nackte Überleben für die Klubs. Schwierige Zeiten erfordern kreative Lösungen. In diesen Zeiten erfolgt nicht alles nach akademischen Lösungen.

SPORT1: Ein großes Problem ist die vertragliche Situation zum 30. Juni, wenn die Liga im Juli weitergeht?

Schickhardt: Das ist ein ganz lösbares Problem. Heute laufen die Verträge häufig , zwei, drei, vier Jahre. Und ein kleiner Teil davon endet am 30. Juni. Die meisten sind darüber hinaus datiert. Hinzukommt, dass Vertragsverlängerungen mit den relevanten Spielern zu einem erheblichen Teil schon im Februar erfolgt sind. Ein kleiner Teil Spieler bleibt da übrig, der dann keinen Vertrag hätten. Mit denen kann man dann ganz zwanglos und einverständlich den Vertrag bis zum 30. August verlängern das ist arbeitsrechtlich kein Problem. Also die Befristung wird einfach für eine kurze Zeit verlängert. Wenn die Spieler das nicht mitmachen, dann haben die Beteiligten Pech, dann spielt der Verein ohne diese Profis. Ich sehe dieses Problem sehr begrenzt.

Geisterspiele: früher schlimmste Szenarien, jetzt best case

SPORT1: Kann die Saison mit Geisterspielen zu Ende gespielt werden?

Schickhardt: Das hoffe ich. Geisterspiele waren früher die schlimmsten Szenarien, jetzt sind sie plötzlich der best case. Ich hoffe, dass wir ab Mai wieder Geisterspiele durchführen können, dann meinetwegen jeden Tag eins. Jeden Tag ist dann Saison, das ist die bestmögliche Chance. Ich kann Christian Seifert (Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, d. Red.) nur ein Riesenlob aussprechen, was er da gemacht hat. Er erweist sich als echter Leader, war viel entschlossener und realistischer als der IOC. Die Vorgabe ist zwingend notwendig. Bis zum 30. April die Füße still halten und dann hoffen, dass sich die Lage beruhigt und wir dann wieder über Geisterspiele sprechen können.

SPORT1: Was ist mit den Profis, die schon bei neuen Vereinen unterschrieben habe. Sie sagten es sei kein Problem - wirklich nicht? Ein Alexander Nübel hat schon beim FC Bayern unterschrieben.

Schickhardt: Alexander Nübel ist nicht das größte Problem des deutschen Fußballs. Er spielt ja momentan weder auf Schalke noch beim FC Bayern. Das sind Kleinigkeiten, die können die Interessengemeinschaft der Profifußballer lösen. Schalke verlängert einfach den Vertrag mit Nübel bis zum 30. August und die Bayern einigen sich auf irgendeine Lösung. An Herrn Nübel wird das nicht scheitern.


SPORT1: Könnten Profis mit auslaufenden Verträgen mit einer Sondervereinbarung gehalten werden?

Schickhardt: Nur einverständlich zwischen Verein und Spieler. Aber die Liga könnte zum Beispiel das Transferfenster ändern. Das kann die Liga als Selbstverwaltung jederzeit unter Beachtung staatlicher Gesetze und übergeordneter rechtlicher Gesichtspunkte machen. Die Liga kann jederzeit vereinbaren, dass die Transferfenster verändert werden.

SPORT1: Die Spieler müssen einer Sondervereinbarung zustimmen, was den Klubs sicher den Druck des Handelns etwas nehmen würde. Richtig?

Schickhardt: Eindeutig. Es ist ein ganz wichtiger Gesichtspunkt, dass diese Regelung zwischen Klub und Spieler rechtssicher und verbindlich getroffen wird. Und zwar endgültig. Und nicht nur von einer Seite, denn dann würde die Gefahr bestehen, dass die Arbeitsgerichte das überprüfen. Wenn die Spieler das nicht mitmachen, ist der Verein gezwungen auch einseitig zu handeln. Aber das ist dann Ultima Ratio. Bevorzugt werden einverständliche Verzichte und Regelungen, die dann auch sofort bilanziell berücksichtigt werden.

SPORT1: Kann ein Spieler arbeitsrechtlich überhaupt gehalten werden?

Schickhardt: Nein. Wenn der Vertrag ausläuft, kann man den Spieler nicht halten, wenn er das nicht will. Allerdings wird ihn dann auch kein anderer Verein nehmen. Denn die Spieler müssen ja wissen, dass sie im nächsten Jahr einen Klub brauchen oder einen anderen Verein, gegen den ich spielen kann. Wie das früher mal war in schwierigen Situationen, dass man dann nach Italien oder Spanien ging, ist keine Alternative da ist die Situation viel schlechter als in Deutschland.


SPORT1: Verträge haben manchmal das Saisonende drinstehen, aber oft auch den 30.6. als Datum. Welche Schwierigkeit birgt das?

Schickhardt: Ich kenne keinen Spieler, in dessen Kontrakt als Vertragsende das Wort Saisonende drinsteht.

SPORT1: Ist es möglich, dass die Vereine Verträge auch nur zwei Monate verlängern?

Schickhardt: Nicht einseitig. Nur im Zusammenhang mit einer Vereinbarung mit dem Spieler. Das ist unproblematisch möglich, das auf Vorlage und Ratschlag der DFL die wenigen auslaufenden Verträge für zwei Monate verlängert werden. Die Spieler, die das nicht mitmachen, sind außen vor und werden aber auch keinen anderen Verein finden. Die sägen dann an ihrem eigenen Ast, auf dem sie sitzen.

Schickhardt: Hopp "brauch kein Lob"

SPORT1: Wie sollten Vereine reagieren, wenn sich Profis unsolidarisch zeigen?

Schickhardt: Unsolidarisch ist kein rechtlicher Gesichtspunkt, sondern einer des Anstands und Zusammenlebens. Wer keine Vernunft zeigt, wer nicht seinem Partner vertraut und denkt ich brauche in Zukunft einen stärkeren Partner, der wendet sich letztlich selber ab und von dem wird sich dann auch die Fußballwelt abwenden. Aber Zwangsmaßnahmen gibt es hier nicht, man kann niemanden in Handschellen zur Vertragsveränderung zwingen. Es ist relativ einfach, die Spieler haben gar keine Alternative. Wer will denn jetzt nach Bergamo wechseln oder zu Inter Mailand oder nach Spanien? Jeder Spieler sollte zunächst mal daran denken, dass er einen Beitrag dazu leisten kann, dass die Bundesliga und Zweite Liga erhalten bleiben und dass sein Verein und der Verein, gegen den er spielen kann, erhalten bleiben.


SPORT1: Wie verhält es sich bei einer verkürzten Saison mit Verlängerungsklauseln, die an eine bestimmte Anzahl von Pflichtspieleinsätzen geknüpft sind?

Schickhardt: Das ist ungeklärt. Diese jetzige Situation konnte nicht vorhergesehen werden. Da muss man sich dann zusammensetzen und versuchen sich zu einigen. Man muss eins bedenken: Wenn man sich nicht einigt, wird ein Arbeitsgericht in zwei oder drei Jahren darüber entscheiden. Das nützt dann niemandem mehr. Und wenn ein Spieler sich dann aufs hohe Ross setzt, dann kann er sich in drei Jahren beim Arbeitsgericht einen Titel holen. Nur, ob das etwas nützt, weiß man nicht. Diese Situation verlangt Anpassungen und wenn die Personen nicht vernünftig handeln, muss es dann irgendwann das Gericht machen. Dann werden Verträge angepasst an die jetzigen Begebenheiten.

SPORT1: Können Vereine die Arbeitsverträge auch im Notfall kündigen?

Schickhardt: Nein, einfach kündigen kann man sie nicht. Es gibt natürlich die Möglichkeit einer so genannten Änderungskündigung und Anpassung. Einfach einen Vertrag kündigen, würde nur bei einem wichtigen Grund funktionieren. Ob diese Situation jetzt ein wichtiger Grund ist, wäre zu klären. Der Spieler kann ja auch nichts dafür. Einfach sich vom Vertrag lösen, wird nicht möglich sein. Wenn der Verein allerdings kein Geld mehr hätte, dann muss er dies mit dem Spieler kommunizieren und muss mit ihm auch die Möglichkeit besprechen, den Vertrag aufzulösen.

SPORT1: Letzte Frage: Herr Hopp wurde vor einigen Wochen noch von den Ultras angefeindet, jetzt sind plötzlich viele Fürsprecher da, weil er sich in der Sache mit dem Impfstoff sehr gut verhalten hat. Wie sehen Sie die Sache und wie sehr freuen Sie sich als sein Anwalt für ihn?

Schickhardt: Dietmar Hopp möchte die Dinge nicht vermischen. Er braucht auch kein Lob, will nur nicht angefeindet werden. Er ist eigentlich der letzte richtige Fußball-Romantiker. Ich glaube, dass nach der Krise alle einfach wieder froh sind Fußball spielen zu dürfen. Auch dann wird es Rivalitäten und Derbys geben. Aber für Feindschaften und Anfeindungen wie bei Herrn Hopp oder anderen sollte dann kein Platz mehr sein. Ich glaube, dass alle Zuschauer dann einfach nur 30 Minuten klatschen, wenn sie im Stadion sind.

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