Aogos ambitioniertes Ziel: "Der Erste ist immer historisch"

Florian Plettenberg
·Lesedauer: 7 Min.

Im August vergangenen Jahres hatte Dennis Aogo seine Karriere beendet. Damals sagte der 33-Jährige, dass für ihn die Zeit für den "nächsten Schritt" gekommen sei und er eine "berufliche Herausforderung" brauche.

Der deutsche Ex-Nationalspieler (12 Länderspiele) und langjährige Bundesliga-Profi (257 Einsätze) ist derzeit unter anderem als Sky-Experte tätig, kann sich aber mit einem ambitionierten Ziel mehr als nur anfreunden.

Im SPORT1-Interview spricht Aogo erstmals über die Herausforderung, Deutschlands erster dunkelhäutiger Sportdirektor zu werden.

SPORT1: Herr Aogo, Sie weilen derzeit im Urlaub und machen sich Gedanken über Ihre Zukunft. Sie sollen ein ambitioniertes Ziel haben.

Dennis Aogo: Es gibt ein paar Optionen für die Zukunft. Das ist ein Grund, warum ich mir gerade eine Auszeit gönne und in mich gehe. Ich hatte eine sechzehnjährige Karriere und arbeite immer noch mit Sky zusammen. Das macht mir Spaß. Aber ich könnte mir vorstellen, der erste dunkelhäutige deutsche Sportdirektor zu werden. Das könnte ich gut. So selbstbewusst bin ich.

SPORT1: Sie erwähnten dieses Ziel zuletzt und fast unbemerkt in einer Q&A-Runde bei Instagram.

Aogo: Ja, daraufhin ging es bei mir rund. Sowohl in die positive als auch in die negative Richtung. Dabei habe ich nur gesagt, dass ich gerne der erste dunkelhäutige Sportdirektor in Deutschland wäre. Denn mich hat gewundert, dass es bislang noch keinen gab. Es ist doch immer cool, einer der Ersten zu sein. Der Erste wird historisch immer in Erinnerung bleiben. Warum sollte ich das nicht anstreben? Noch habe ich mich aber nicht final entschieden, ob ich in diese Richtung gehen will.

Aogo: "Wollte meinen Wunsch nicht auf meine Hautfarbe reduzieren"

SPORT1: Dennoch, wie fielen die negativen Reaktionen aus?

Aogo: Ich wurde gefragt, warum man die Hautfarbe in den Vordergrund stellen muss? Ich wollte meinen Wunsch aber nicht auf meine Hautfarbe reduzieren oder mich in die Opferrolle begeben. In allererster Linie sollte die Qualität entscheiden.

SPORT1: Warum gab es bisher keinen dunkelhäutigen Sportdirektor in der Bundesliga?

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Aogo: Es gibt einfach weniger potenzielle dunkelhäutige Sportdirektoren oder Trainer als weiße. Das ist ein Fakt. Vielleicht gibt es auch viele, die glauben, dass sie diesen Weg aufgrund ihrer Hautfarbe nicht gehen können. Damit komme ich zu meiner wichtigsten Botschaft: Rassismus ist nicht zuletzt durch Black Lives Matter mehr denn je ein Thema. Daher bin ich davon überzeugt, dass man Rassismus von unten heraus bekämpfen muss, indem man Perspektiven, Leitbilder und Vorbilder schafft. Denn das führt dazu, dass die nächste Generationen vor Augen hat, dass es Menschen gibt, die es aus ihrer Schicht heraus zu etwas gebracht haben, nicht nur durch den Sport. Als Person mit Migrationshintergrund, vor allem in Europa, kommt man allerdings nur schwer aus seiner Rolle heraus. Es sei denn, man ist ein herausragender Sportler oder ein genialer Musiker. Daher muss man in leitenden Funktionen, nicht nur im Fußball, auch in Unternehmen dafür sorgen, Vorbilder zu schaffen. Aber nochmal: Es bedarf dazu Qualität und keine Bevorzugung.

Aogo: Alle sind gleich? So ist es nicht!

SPORT1: Umso wichtiger, dass Kamala Harris die erste schwarze Vizepräsidentin der USA geworden ist?

Aogo: Hundertprozentig. Das sind genau die Schritte, die es braucht. Klar, man kann sagen: Alle sind gleich. Aber ich kann sagen: So ist es nicht! In der Fußball-Bubble bekommt man das nicht so mit, weil man als Fußballer immer bevorzugt behandelt wird. Egal, wo man hinkommt. Aber in meiner Familie und in meinem Freundeskreis habe ich viele Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Wurzeln. Sie berichten mir ganz klar, dass vor allem im Berufsleben noch immer große Unterschiede gemacht werden. Umso wichtiger sind Leitbilder auf Führungspositionen.

SPORT1: Wurden Sie in Ihrem Leben rassistisch beleidigt?

Aogo: Jedem ist das schon widerfahren. Auch mir, in Form von Affengeräuschen. Ich habe oft rassistische Rufe von der Tribüne wahrgenommen, wenn ich auf der linken Seite gespielt habe oder einen Einwurf gemacht habe. Als Fußballer eignet man sich aber ein dickes Fell an. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Für mich hat es auf dem Platz übrigens keinen Unterschied gemacht, ob meine Mutter, meine Frau, meine Kinder oder meine Hautfarbe beleidigt wurde. Das ist alles Scheiße!

SPORT1: Was haben solche Beleidigungen in Ihnen ausgelöst?

Aogo: Ich bin immer weiter abgestumpft. Aber in meiner Jugend habe ich mich dagegen gewehrt und bin auf dem Platz in den In-Fight gegangen, um meinem Gegenüber zu zeigen, dass es so nicht geht.

Aogo: "Unsere Kinder sind die größten Vorbilder"

SPORT1: Werden Sie Ihre beiden Kinder für das Thema Rassismus sensibilisieren?

Aogo: Ich möchte, dass sie so frei wie möglich aufwachsen. Ich will ihnen gar nicht erst das Gefühl geben, dass sie anders sind als andere. Kindern ist es ohnehin egal, wie jemand aussieht. Unsere Kinder sind daher die größten Vorbilder, die wir haben können. Vor allem, wenn ich sehe, wie meine Tochter auf Menschen zugeht, sich mit ihnen unterhält oder spielt, obwohl sie eine andere Sprache sprechen.

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SPORT1: Zurück zu Ihrer Ambition, Sportdirektor zu werden. Was tun Sie, um diesen Posten eines Tages zu übernehmen?

Aogo: Ich studiere Sportmanagement und kann damit spätestens diesen Sommer fertig sein. Ich bin jemand, der sich schon immer viel mit dem Unternehmertum beschäftigt hat und unternehmerisches Mindset mitbringt. Was etwa Themen wie Kalkulation oder Budgetierung angeht. Aufgrund meiner Erfahrung habe ich auch ein gutes Gespür für eine Kaderzusammenstellung. Für mich sind Empathie und Sympathie sehr wichtig. Ich habe zudem einen gewissen Weitblick und bin der Auffassung, dass sich der Fußball in den nächsten zehn Jahren rapide verändern muss. Ansonsten wird er nicht mehr die Sportart Nummer eins sein.

SPORT1: Werden Sie gerne konkreter.

Aogo: Es ist heutzutage viel schwieriger, junge Menschen für den Fußball zu begeistern, denn die Konkurrenz nimmt zu. Diese Generation hat eine ganz andere Aufnahmefähigkeit, sie ist viel sensibilisierter für Technik und Input. In meinem Umfeld gibt es viele erfolgreiche Unternehmer, daher bekomme ich viel aus dem Berufsleben mit. Das Thema Home-Office ist riesengroß. In Corona-Zeiten gewöhnt sich der Mensch daran, zu Hause zu sein und Fußball zu schauen. Aber wie holt man ihn nach Corona wieder ins Stadion? Ich bin davon überzeugt, dass sich der Fußball ein Stück weit neu erfinden muss, um attraktiv zu bleiben.

Aogo: Uli Hoeneß hat die perfekte Mischung

SPORT1: Vielleicht sollte man mal anfangen, die Gehälter zu deckeln, um eine Entfremdung zu verhindern. Lionel Messi verdient 210.297 Euro netto – am Tag.

Aogo: Das ist völlig übertrieben, aber wir dürfen nicht immer über die Spitze des Eisbergs reden. Aufgrund solcher Zahlen hat der Fan gar kein Gespür mehr dafür, was in diesem Sport in der Breite bezahlt wird und dadurch entfernt er sich von der Basis. Wir reden immer nur darüber, was Robert Lewandowski und David Alaba verdienen. Es gibt aber nicht nur den FC Bayern und Real Madrid. Es gibt auch Vereine mit ganz anderen Gehaltsgefügen. Und wie viele Messis gab es in der Geschichte des Fußballs? Er ist einer unter Milliarden Menschen mit einem sehr außergewöhnlichen Talent.

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SPORT1: Haben Sie als Spieler mal mit Sportdirektoren am Verhandlungstisch gesessen? Uli Hoeneß hatte erwogen, dass dies zukünftig wieder mehr der Fall sein solle, damit die Spieler merken, "was läuft".

Aogo: Nein, mit einem Sportdirektor habe ich nie verhandelt. Das hat immer mein Berater gemacht. Ich hatte in meiner Karriere übrigens nie den knallharten Sportdirektor. Das passt auch gar nicht zu diesem Beruf. Es geht vielmehr um Menschenkenntnis. Uli Hoeneß bestätigt mich. Er war knallhart, aber jeder, mit dem ich über ihn gesprochen habe, hat mir versichert, dass er unglaublich viel Empathie besitzt und sehr menschlich geblieben ist. Das ist die perfekte Mischung, aber nicht einfach zu finden. Daher gibt es nicht viele, die wie Uli Hoeneß sind.