'Mr. Perfekt' hebt Dominanz des FC Bayern auf ein neues Level - Eine Ode an Carlo Ancelotti

Oscar Nolte
90Min

Der April ist der richtungsweisende Monat für den FC Bayern München. Im Programm: Der Bundesliga-Kracher gegen Borussia Dortmund, die Champions-League-Viertelfinals gegen Real Madrid und das DFB-Pokal-Halbfinale - erneut gegen den BVB. Pünktlich zum Frühling befindet sich der FC Bayern München in Hochform. Und das ist kein Zufall.


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Wenn man Carlo Ancelotti am Spielfeldrand stehen sieht - lässig Kaugummi kauend, kaum eine Miene verziehend -, dann kann man verstehen, warum die deutsche Medienlandschaft zu Beginn der Saison Kritik auf den Italiener niederprasseln ließ. Carlo Ancelotti wirkt unbekümmert, souverän und nahbar - einfach gestrickt. So einfach, zu einfach, schien auch der Fußball zu sein, den der Übungsleiter an der Säbener Straße praktizierte. Die Bayern präsentierten sich zu Beginn der Saison schläfrig, ausrechenbar und so gar nicht dominant. Ein krasser Kontrast eben zum Pep'schen Power-Fußball. Das Blatt hat sich spätestens nach der Münchner Macht-Demonstration gegen den BVB gewendet. 

Und dennoch kann man verstehen, warum an der Kompetenz und an der Qualität Carlo Ancelottis zunächst gezweifelt wurde. Als der Italiener den FC Bayern München übernahm, wurde Ancelotti schnell als Saubermann, als Verwalter deklariert. Einer, der das Pep'sche System an der Säbener Straße einfach übernehmen und die Münchner Dominanz in der Bundesliga fortführen würde. Dass er es sich nicht so leicht machen würde, war unter anderem am System-Wechsel und der Formkrise Thomas Müllers abzulesen. Doch Carlo Ancelotti, hoch dekoriert, ist keiner, der beim deutschen Rekordmeister unter Welpenschutz steht. Die anfänglich mauen Leistungen und unkompliziert wirkenden Handgriffe des 'Maestro' wurden kritisch beäugt und verfolgt. Und Carlo Ancelotti? Ließ sich nicht in die Karten schauen. Wirkte souverän. Wirkte lässig. Zu lässig, schaute man sich einen leicht entmannten FC Bayern München an.

Ancelottis Master-Plan trägt Früchte


Der FC Bayern München 'rettete' sich in einer schwierigen ersten Hinrunde unter Carlo Ancelotti in die Weihnachtsferien. Als Tabellenführer der Bundesliga und auch in den anderen Wettbewerben als wohl bekannter Souverän. Nur eben nicht als Dominator. Doch Carlo Ancelotti war zufrieden. Der FC Bayern München würde zur richtigen Zeit in Form kommen, versprach Carlo Ancelotti. Und er sollte Recht behalten. Pünktlich zur Crunch-Time der Saison sind die Bayern obenauf. In einer Phase, in der der deutsche Rekordmeister unter Pep Guardiola einbrach, müde wurde, blüht er unter dem 'Maestro' auf. Was man daraus lernen kann: Unterschätze niemals Carlo Ancelotti. 

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Denn der Italiener beweist seine Genialität und seine schier endlose Qualität auf bemerkenswerte Art und Weise. Betrachtete man den FC Bayern München unter Pep Guardiola, so konnte man nur eine Schwäche ausmachen: In der entscheidenden Phase der Saison ging dem 'Stern des Südens' die Puste aus. Carlo Ancelotti verkündete zu Saisonbeginn, dass er nur wenig beim FC Bayern München ändern wolle, nur an einigen Stellschrauben drehen würde. Der 57-Jährige konzentrierte sich auf das einzige zu erkennende Problem beim FC Bayern München und löste es. Einfach. Souverän. Lässig. 


Wie ihm dieses Kunststück gelang - und ob es ihm tatsächlich gelang, wird sich noch abzeichnen -, ist für einen Laien des Fußballs kaum erkennbar. Einfach formuliert: Carlo Ancelotti hielt seine Spieler an der langen Leine, ließ auch mal den Gegner spielen, hielt den FCB auf Sparflamme. Der Italiener orientierte sich an Ergebnissen, achtete sorgfältig darauf, dass seine Spieler genug Substanz für die entscheidende Phase der Saison sammeln würden. Und Carlo Ancelotti kümmerte sich um das, was er am besten kann: Die Pflege seiner Superstars. Nicht ein schlechtes Wort ließen die Bayern-Profis verlauten, während sich die Medien auf sie einschossen. Nicht ein schlechtes Wort fiel beim FC Bayern München über Carlo Ancelotti, der die Zügel fester in der Hand hielt, als man glauben mochte. 


Macht-Demonstration der Bayern hinterlässt unterwürfigen BVB


Sprung in die Gegenwart. Borussia Dortmund reist in die Allianz Arena. Es ist die Generalprobe für den FC Bayern München, vor den Champions-League-Spielen gegen Ancelottis alte Liebe, Real Madrid. Der BVB reist mit dünner Personaldecke nach München und als ohnehin großer Außenseiter. Beim FC Bayern München gilt es jetzt - der deutsche Rekordmeister muss nun liefern, muss nun seine breite Brust ausfahren. Gegen den BVB gelingt das hervorragend. Kaum zehn Minuten sind gespielt, da führt der deutsche Rekordmeister 2:0. Und dann passiert etwas Bemerkenswertes: Der BVB und Trainer Thomas Tuchel schenken die Partie ab. Man merkt es den Borussen an, dass sie das Spiel im Kopf abhaken, man merkt es Thomas Tuchel an, dass er dieses Spiel aufgegeben hat. Und wer will ihnen einen Vorwurf machen? Nur mit einem Spiel an der äußersten Leistungsgrenze könne man diese Bayern schlagen, formulierte es Thomas Tuchel. Mit dem Resultat - auch in der Höhe - habe er gerechnet.


Gleiches Bild bei Hans-Joachim Watzke. Im Sport1 Doppelpass zeigt sich der BVB-Boss kaum enttäuscht. Stellt die Frage in die Runde: Wie soll man diesen FC Bayern schlagen? Watzke, der viele Partien und viele Siege gegen die Bayern erlebt hat. Der sagt, er habe nie einen stärkeren FC Bayern München gesehen. Der BVB unterwürfig. Carlo Ancelotti hat ein ganz neues Level der Münchner Dominanz geschaffen. Und seine Bayern pünktlich in Top-Form gebracht. 

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Entscheidend für die Stärke der Bayern sind kleine Handgriffe des italienischen 'Maestro'. Einfache Details, für die Carlo Ancelotti zu Beginn der Saison noch gerügt, heute gefeiert wird. Die Auswechslung von Franck Ribery beispielsweise. Der Franzose soll heiß bleiben, für die Partie gegen Real Madrid. Doch auch zufrieden soll der Dribbelkünstler sein. Carlo Ancelotti löst die Zwickmühle elegant. Mit einem kleinen Küsschen auf die Wange, einer Umarmung und der stillen Botschaft, dass er stolz auf seinen Schützling ist. Und Ribery, der in seiner Karriere so ziemlich alles erlebt hat? Lächelt. Ist heiß auf das Spiel gegen Real. Dank Carlo Ancelotti.


Man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Die Bayern befinden sich in bestechender Form und haben ihre Dominanz auf ein neues Level gehoben. Doch der Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Und die Konkurrenz ist groß. Ein Selbstläufer werden die anstehenden Partien gegen Real Madrid und Borussia Dortmund nicht. Scheiden die Bayern in beiden Wettbewerben aus, kann der Haussegen schnell schief hängen. Doch man kann festhalten, dass Carlo Ancelottis Plan bisher voll aufgeht. Kritik am Italiener? Wie Sand im Wind. Man zollt dem Mann Respekt, der so lässig an der Seitenlinie steht, sich einen Kaugummi in den Mund steckt und lächelt - denn Carlo Ancelotti hat alles im Griff.

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