Austin 2018: Als es Kimi Räikkönen seinen Kritikern zeigte

Luke Smith
motorsport.com

Als Kimi Räikkönen beim Großen Preis der USA 2018 die Zielflagge überquerte, konnte auch er nicht verbergen, wie lange er auf diesen Moment gewartet hatte. "Fucking finally" (auf Deutsch ungefähr "Es wurde verdammt nochmal Zeit"), sagte er am Funk, nachdem er sich bei seinem Ferrari-Team bedankt hatte. Nach 113 Rennen hatte der Weltmeister von 2007 wieder einen Grand Prix gewinnen.

Lange hatte er auf diesen Sieg warten müssen. Und letztendlich kam er zu spät, um sein Ferrari-Cockpit zu retten. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Scuderia Charles Leclerc bereits für 2019 verpflichtet. Doch zumindest erinnerte seine Vorstellung die Formel-1-Welt noch einmal daran, dass er es noch immer mit den Besten aufnehmen konnte - und das einige Tage nach seinem 39. Geburtstag.

Räikkönens zweites Gastspiel bei Ferrari war insgesamt ein schwieriges. 2012 war er nach einer zweijährigen Formel-1-Pause zunächst mit Lotus zurückgekehrt, wo er in einem Team mit deutlich geringerem Budget für einige Glanzmomente sorgen konnte. 2014 kehrte er anschließend als Ersatz für Felipe Masse zur Scuderia zurück und wurde neuer Teamkollege von Fernando Alonso.

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Seit Belgien 2009 hatte Räikkönen kein Rennen für Ferrari mehr gewonnen

Seit Belgien 2009 hatte Räikkönen kein Rennen für Ferrari mehr gewonnen <span class="copyright">LAT</span>
Seit Belgien 2009 hatte Räikkönen kein Rennen für Ferrari mehr gewonnen LAT

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Doch weil Ferrari im ersten Jahr der neuen Hybridära große Probleme hatte, konnte der Finne nicht an seine Erfolge der Jahre 2007 bis 2009 anknüpfen, als er erstmals für die Scuderia gefahren war. Die Saison 2014 beendete er auf einem katastrophalen zwölften WM-Platz, und obwohl er sich ab 2015 steigerte, sprangen bis Ende 2016 gerade einmal sieben Podestplätze heraus.

Obwohl immer wieder Zweifel an seiner Motivation aufkamen, wurde sein Vertrag Jahr für Jahr stets um eine Saison verlängert. Mit den neuen Regeln 2017 zeigte seine Formkurve dann auch wieder etwas nach oben. In Monaco holte er sich sogar seine erste Pole-Position seit fast neun Jahren. Doch der Sieg ging am Ende - dank der besseren Strategie - an seinen Teamkollegen Sebastian Vettel.

In Monza bereits große Chance verpasst

Für Räikkönen wäre es der erste Sieg seit Australien 2013 und sogar sein erster Ferrari-Triumph seit Belgien 2009 gewesen. Zumindest war der Finne mittlerweile wieder ein regelmäßiger Podiumskandidat. In den ersten zwölf Rennen der Saison 2018 stand er achtmal auf dem Treppchen - allerdings nie ganz oben. In Monza bot sich seine nächste große Chance.

Räikkönen stand überraschend auf Pole, und nachdem sich Vettel früh im Rennen drehte, führte der Finne das Ferrari-Heimspiel lange an. Letztendlich verlor er hinter Mercedes-Pilot Valtteri Bottas, der einen langen ersten Stint fuhr, allerdings viel Zeit, sodass Lewis Hamilton aufschließen und zehn Runden vor Schluss überholen und schließlich vor Räikkönen gewinnen konnte.

Es war jenes Monza-Wochenende, an dem der Finne erfuhr, dass er 2019 nicht mehr für Ferrari fahren wird. Nach Monza hatte er noch sieben Rennen Zeit, seine Laufbahn bei der Scuderia zumindest mit einem letzten Highlight abzuschließen. Diese Möglichkeit sollte er in Austin bekommen, wo Sebastian Vettel nach einer frühen Berührung mit Daniel Ricciardo erneut weit zurückfiel.

Die Voraussetzung war damit wie in Monza: Räikkönen musste für Ferrari alleine an der Spitze kämpfe. Der Finne ging von Platz zwei ins Rennen und zog sofort beim Start an Pole-Setter Hamilton vorbei. Als das virtuelle Safety-Car in Runde elf zum Einsatz kam, wechselte Mercedes bei Hamilton von einer Ein- auf eine Zweistoppstrategie, während Spitzenreiter Räikkönen auf der Strecke blieb.

Gegen Hamilton und Verstappen behauptet

Zunächst schien der Mercedes-Plan aufzugehen, denn Hamilton lag auf frischeren Reifen anschließend nur acht Sekunden hinter Räikkönen und holte schnell auf. Doch der Weltmeister von 2007 konnte Hamilton bis zu seinem eigenen Stopp in Runde 21 erfolgreich hinter sich halten. Das war entscheidend, denn dabei beanspruchte Hamilton seine Reifen zu stark.

Der Weltmeister lag zwar nach Räikkönens Stopp in Führung, doch seien Rundenzeiten brachen schnell ein, während der Ferrari-Pilot seine frischen Reifen auf freier Strecke optimal nutzen konnte. Als Hamilton zum zweiten Mal zur Box kam, lag Räikkönen lediglich noch sieben Sekunden hinter ihm. Zudem fiel der Mercedes-Pilot auch noch hinter Max Verstappen zurück.

Auf dem Podest gab sich der "Iceman" gewohnt cool

Auf dem Podest gab sich der "Iceman" gewohnt cool <span class="copyright">Sutton</span>
Auf dem Podest gab sich der "Iceman" gewohnt cool Sutton

Sutton

Der Red-Bull-Pilot war ebenfalls auf einer Einstoppstrategie unterwegs und nun Räikkönens größter Gegner. In den letzten Runden konnte Hamilton auf das Duo aufschließen und es entbrannte ein Dreikampf, bei dem es um mehr als nur den Rennsieg ging. Denn mit einem Sieg hätte Hamilton gleichzeitig auch seinen fünften WM-Titel vorzeitig perfekt machen können.

Doch letztendlich wehrte Räikkönen alle Angriffe ab und stand so erstmals seit dem Saisonauftakt 2013 wieder ganz oben auf dem Treppchen. Zum ersten Mal seit mehr als neun Jahren hatte er außerdem ein Rennen für Ferrari gewonnen. Auf dem Podest zeigte er - wie man es von ihm kennt - keine große Emotionen. Für die meiste Zeit behielt Räikkönen seine Sonnenbrille auf.

Ein letztes Highlight seiner Ferrari-Laufbahn

Ebenfalls typisch: Räikkönen nahm bereits einen Schluck aus der Champagnerflasche, als Verstappen und Hamilton ihre Flaschen gerade einmal aufgehoben hatten. Bei den folgenden Interviews betonte er, dass seine lange Durststrecke "nicht wirklich eine große Sache" gewesen sei. Trotzdem war er froh, dass er in seiner zweiten Zeit bei Ferrari zumindest noch einen Sieg holen konnte.

"Für die anderen Leute war das ein viel größeres Thema", zuckte er die Schultern im Hinblick auf die mehr als 100 sieglosen Rennen. "[Der Sieg] kommt eben, wenn er kommt. Und wenn er nicht kommt, dann verändert sich für mich auch gar nichts", sagte Räikkönen und erklärte: "Ich bin einfach nur glücklich, weil wir alle hier sind, um zu gewinnen. Der größte Unterschied liegt daran, wie die Leute dich sehen."

Bei der FIA-Gala am Jahresende blickte Räikkönen etwas zu tief ins Glas

Bei der FIA-Gala am Jahresende blickte Räikkönen etwas zu tief ins Glas <span class="copyright">FIA (Facebook)</span>
Bei der FIA-Gala am Jahresende blickte Räikkönen etwas zu tief ins Glas FIA (Facebook)

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"Natürlich bin ich glücklich, dass ich manchen Leuten bewiesen habe, dass sie falschlagen", so Räikkönen. Für Ferrari sollte es der letzte Saisonsieg bleiben. Mit Rang drei holte der Finne sein bestes WM-Endergebnis seit 2012, als er ebenfalls Dritter geworden war. Einziger "Nachteil": Als Dritter musste er an der ungeliebten FIA-Gala am Jahresende teilnehmen. Sein Auftritt dort wurde aber zumindest denkwürdig.

Mit mittlerweile 40 Jahren und bei Alfa Romeo unter Vertrag ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass es Räikkönen vor dem Ende seiner Formel-1-Karriere noch einmal auf die oberste Stufe des Podiums schaffen wird. Das macht seinen Sieg in Austin 2018 umso spezieller. Es war ein letztes großes Highlight und ein gelungener Abschied von Ferrari. Das ist anderen großen Fahrern in der Formel-1-Geschichte verwehrt geblieben.

Mit Bildmaterial von Sutton.

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