Avdijaj verrät: Hatte Mega-Angebote von Liverpool und Real

Reinhard Franke
Sport1

"Donis Avdijaj ist ein spezieller Typ, dem man seine Freiheiten geben und den auch mal in den Arm nehmen muss", sagte unlängst Daniel Stendel, sein ehemaliger Trainer beim schottischen Verein Heart of Midlothian, im Gespräch mit SPORT1.

Der Mittelfeldspieler, der in der Schalker Jugend mit Leroy Sané und Thilo Kehrer zusammenspielte und bei den Königsblauen einst eine Ausstiegsklausel in Höhe von rund 47 Millionen Euro in seinem Vertrag verankert hatte, stand zuletzt bei den Hearts unter Vertrag. Aktuell ist der 23-Jährige ohne Verein. "Es gibt aber Gespräche mit Erstliga-Vereinen aus vier Ländern, Tendenz offen", sagte sein Berater SPORT1. Anfragen aus der Bundesliga seien nicht dabei. 

"Jeder weiß nur, dass Donis bei Schalke eine hohe Ablöse gekostet hat", erklärt Stendel. "Jeder kennt dieses kuriose Interview (während Avdijajs Zeit in Graz, Anm. d. Red.). Aber dazwischen gibt es noch viele andere Facetten von Donis."

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Im SPORT1-Interview erzählt Avdijaj seine Geschichte.

SPORT1: Herr Avdijaj, Ihre Zeit bei Heart of Midlothian ist schon nach wenigen Monaten wieder vorbei. Ihr Vertrag bei Trabzonspor wurde vorher schon aufgelöst. Wie geht es Ihnen?

Donis Avdijaj: Es hätte bei mir natürlich besser laufen können. Ich bin jetzt aber nicht unglücklich, doch ich weiß, dass es gerade nicht so cool ist. Ich hätte bei Trabzonspor bleiben können, der Verein wollte das auch, nur wollte ich noch mehr spielen, obwohl ich in der Türkei schon regelmäßig meine Einsätze bekam. Aber ich wusste, dass ich noch mehr aus mir rausholen kann und deswegen habe ich den Schritt nach Schottland gewagt. Für den Moment habe ich es einfach für richtig empfunden und mit Daniel Stendel sah ich mich auf dem richtigen Weg.

Sicherlich war Schottland ein ganz neues Umfeld für mich, aber es war eine Erfahrung wert. Ich bin selbstbewusst genug zu sagen, dass ich immer wieder etwas finden werde, was mich zufrieden stellt. Es gibt aktuell Gespräche mit anderen Klubs. Wenn es wieder möglich ist, regelmäßig zu spielen, kann ich mich wieder in den Fokus spielen.

SPORT1: Heart of Midlothian war der vierte Klub in zwei Jahren. Beginnen Sie nicht doch auch, etwas an sich zu zweifeln?

Avdijaj: Gezweifelt habe ich noch nie. Ich bin weiter von mir überzeugt. Bei den meisten meiner zurückliegenden Stationen spricht das Sportliche für mich. Ich habe in den Niederlanden sportlich überzeugt. Nach einer langen Pause ohne Fußball habe ich dann bei Trabzonspor 20 Spiele gemacht und in der Europa League fast durchgespielt. Bei den Hearts habe ich auch zehn oder zwölf Spiele gehabt und man weiß nicht, wie es weiter gelaufen wäre, wenn nicht Corona dazwischen gekommen wäre.


SPORT1: Lag es nur daran?

Avdijaj: In Schottland hätte ich auch etwas mehr Glück haben können. Aber wenn ich weiter an mich glaube, hart trainiere und im nächsten Verein gut spiele, hole ich mir das Quäntchen Glück zurück, das mir zuletzt vielleicht fehlte. Ich weiß, dass ich allein es in der Hand habe, wie meine sportliche Zukunft aussieht. Es kommt sicher nicht darauf an, ob ich fünf Jahre in einem Verein gespielt habe oder zehn Klubs in fünf Jahren habe. Am Ende zählt für mich nur eins, nämlich, dass ich Fußball spielen und zeigen kann, was ich kann. 

Avdijaj: "Ich war etwas jünger und unerfahren"

SPORT1: Viele verbinden Ihren Namen mit einem ungewöhnlichen Video-Interview aus Ihrer Zeit bei Sturm Graz, in dem Sie ein "Geldschwimmbad" mit Pferden, die Ihnen beim Schwimmen zuschauen, als größten Wunsch genannt haben. Wundert es Sie wirklich, dass man Sie immer noch damit in Verbindung bringt?

Avdijaj: Zum jetzigen Zeitpunkt wundert mich das nicht mehr, damals schon. Ich war etwas jünger und unerfahren. Heute weiß ich, dass in der Gesellschaft so etwas viel lieber gesehen wird und dass man lieber auf jemanden herabschaut, als Verständnis zu zeigen. Und ich weiß auch, dass ich das Interview damals im Trainingslager aus Jux und Tollerei gemacht habe, einfach aus humoristischer Sicht. Es hat mich damals einfach traurig gemacht, dass es so unfassbar viele Menschen gibt, die glauben, ich hätte das mit ernstem Hintergrund gemacht.


SPORT1: Daniel Stendel sagte, Sie seien ein spezieller Typ. Wie ist Donis Avdijaj wirklich?

Avdijaj: Ich mache natürlich auch Fehler. Aber ich glaube, dass nur wenige Fußballer so ehrlich sind wie ich. Ich halte generell nichts davon, vorne rum zu sagen 'Du bist cool' und gehe dann zu einer anderen Person und sage 'Der ist scheiße'. Ich mag keine Spielchen. Und wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, dann suche ich auch das Gespräch, anstatt nur wegzuschauen. Das macht aber oft wenig Freunde, wie im Fußball so auch im richtigen Leben.

Schwimmbad-Interview "ist ein Teil von mir

SPORT1: War das verrückte Schwimmbad-Interview einer Ihrer größten Fehler?

Avdijaj: Es ist ein Teil von mir und gehört einfach zu meinem Leben dazu. Ich schäme mich dafür nicht, weil jeder der Kollegen wusste, wie das Interview zustande kam und wie es gemeint war. Jeder, der es nicht versteht oder anders sieht, dem kann ich nur sagen, dass er falsch liegt. Es gibt immer Menschen, die mich nicht kennen und dennoch über mich urteilen. Dieses Interview war als Geburtstagsgeschenk, als Lachnummer gedacht, es wurde auf Facebook gepostet und es kam ja auch sehr gut an in Österreich. Zu Beginn wurde es nicht falsch verstanden.

SPORT1: Sie sprachen in dem Interview damals über Geld und Luxus. Wie wichtig ist Ihnen beides? 

Avdijaj: Meine Familie und ich sind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und hatten fast gar nichts. Ich schäme mich aber auch nicht dafür. Früher bin ich in Caritas-Klamotten rumgelaufen und das hat mich nicht gestört, weil ich eine schöne Kindheit hatte. Klar braucht jeder Geld, weil man sich damit Dinge leisten kann. Geld ist natürlich nichts Schlechtes. Aber es ist jetzt auch nicht etwas, das mir so viel bedeutet, dass ich sage: 'Geld ist alles!' Es ist nicht alles.


SPORT1: Sie wurden damals nach einer Crash-Fahrt von Schalke abgemahnt. Rückblickend auch ein Fehler?

Avdijaj: Auf jeden Fall. Dass man in jungen Jahren Fehler macht, ist doch klar. Es wurde reißerisch von vielen Zeitungen aufgegriffen, aber so dramatisch war es dann auch wieder nicht. Die Polizei hat von dem Mercedes (Avdijaj war in einem Mercedes SUV unterwegs, Anm. d. Red.) die Auswertung der GPS-Daten angefordert. Ich hatte beim Unfall eine Geschwindigkeit von lediglich 36 km/h. Die gesamte Stunde davor war ich nie schneller als 70 km/h unterwegs. Letztlich musste ich lediglich eine Geldbuße von 35 Euro zahlen, da keinerlei Personenschäden und überschaubare Sachschäden entstanden sind. Aber es wird von den Medien immer wieder gerne mal rausgekramt.

47-Millionen-Euro Klausel "hat mich belastet"

SPORT1: Sind nur die Medien schuld?

Avdijaj: Sowohl damals als auch heute passieren jungen Fußballern im Straßenverkehr Unfälle. Das ist nicht schön. Natürlich haben wir Fußballer eine gewisse Vorbildfunktion und verdienen viel Geld, aber wir sind auch nur ganz normale Menschen. Entscheidend ist für mich, dass ich noch nie an Unfällen mit Personenschäden beteiligt war. Eigentlich habe ich mir immer nur selbst geschadet.

SPORT1: 2014 hatten Sie in Ihrem Vertrag bei Schalke eine unfassbare 47-Millionen-Euro-Ausstiegsklausel verankert. 

Avdijaj: Damals hat mich das glücklich gemacht, da kannte ich mich noch nicht so aus. Ich glaube immer noch, dass mir zu dieser Zeit die nötige Unterstützung von Schalke gefehlt hat, sonst hätte vieles anders laufen können. Aber es gab immer diese Momente, da musste ich mich selbst durchkämpfen, und das habe ich Gott sei Dank bis zum heutigen Tag geschafft. Aber damals war ich nicht der Spieler, der bei den Profis mittrainiert und gespielt hat, sondern nur noch der Junge mit der 47-Millionen-Klausel. Das hat mich schon belastet.

SPORT1: In der Jugend auf Schalke haben Sie mit Leroy Sané oder Thilo Kehrer zusammengespielt und Tore am Fließband erzielt. Die beiden spielen heute bei internationalen Topklubs, Sie sind aktuell ohne Verein. Macht Sie das traurig?

Avdijaj: Ganz und gar nicht. Ich gönne den Jungs ihren Erfolg von ganzem Herzen. Ich bin mir aber auch sicher, dass ich von den Anlagen her eine vergleichbare Qualität vorweisen kann. Es gibt Karrieren so wie meine, da fährt man Achterbahn, und andere laufen glatt nach oben durch.  Leroy und Thilo sind prima Jungs und ich wünsche ihnen auch, dass sie noch mehr erreichen.


SPORT1: Sind Sie ein Skandalprofi?

Avdijaj: Ich habe das schon oft gehört und mir ist bestimmt das eine oder andere komische Ding passiert. Aber wenn ich das alles mal Revue passieren lasse und das vergleiche mit all den anderen Ligen und den Skandalen anderer Profis, dann würde ich einfach mal ganz unverschämt sagen, dass das von mir alles ganz normal ist.

Avdijaj: "Nicht leicht, mit schnellem Ruhm umzugehen"

SPORT1: Sie sagten, der Fußball in Schottland habe Sie robuster gemacht. Wollen Sie kein "Hacke-Spitze-1-2-3"-Fußballer mehr sein?

Avdijaj: Ich war noch nie ein Hacke-Spitze-1-2-3-Fußballer. Mein Spiel war immer geprägt durch Robustheit und Aggressivität und absolute Technik. Meine Qualitäten waren schon immer, dass ich von allem etwas hatte. Aber Schottland war schon eine gute Erfahrung, wegen des schnellen Kick and Rush, das da natürlich sehr ausgeprägt ist. Es war eine coole Erfahrung und hat mich weitergebracht in meiner Entwicklung.

SPORT1: Wird man heutzutage als Fußballer zu schnell in den Himmel gelobt, so dass man schnell auch wieder ins Bodenlose fallen kann?

Avdijaj: Ja. Es ist oft nicht leicht, mit dem schnellen Ruhm nach einigen guten Spielen umzugehen. Und genauso schnell wird man eben auch kritisiert. Und das eben nicht immer auch fair. Gerade Jungs im Alter von 18, 19 brauchen da mehr Unterstützung vom Verein. Heute sind alle Jugendspieler noch besser ausgebildet als früher. Aber es gibt fast gar keine Straßenfußballer mehr. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, ohne mich angreifbar zu machen. Es gibt wenige Spieler mit einer eigenen Meinung. 


SPORT: Was war Ihr größter Fehler als Fußballer?

Avdijaj: Mein größter Fehler, den ich bitter bereue, war, dass ich damals ein anderes Mega-Angebot vom FC Liverpool ausgeschlagen habe, bevor ich bei Schalke den langen Vertrag unterschrieben habe, was für mich eine Herzensangelegenheit war. Ich hatte auch eines von Real Madrid.

SPORT1: Daniel Stendel sagte, Sie hätten Lehrgeld zahlen müssen. Wie sehen Sie es?

Avdijaj: Lehrgeld hätte ich bezahlt, wenn ich irgendwo wäre, wo ich morgens nicht mehr vernünftig aufstehen könnte. Gott sei Dank geht es mir gut, und meine Beine und meine Mentalität haben mich immer wieder aus einer Krise rausgeholt. Mit der Erfahrung bin ich auch reifer geworden, bin inzwischen stärker im Kopf, und physisch und mental natürlich auch noch nicht am Limit. Mit jedem Jahr werde ich stärker und optimistischer. 


SPORT1: Was macht Sie so optimistisch, dass es noch mal richtig nach vorne geht bei Ihnen?

Avdijaj: Schon viele Anfragen von Vereinen, die ich schon habe. Da muss ich erst mal sondieren. Ich muss für mich erst mal einen Plan machen, wohin ich möchte, was das Beste für mich ist, und wie es weitergeht. Momentan laufen viele Gespräche. 

SPORT1: Das Selbstvertrauen haben Sie jedenfalls nicht verloren. Wollen Sie wieder in die Bundesliga oder ins Ausland?

Avdijaj: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Viele Ligen sind noch nicht einmal abgeschlossen. Aber ich bin optimistisch, einen Verein zu finden, dem ich weiterhelfen werde.

Avdijaj: In Schalke steckt alles, was ich besitze

SPORT1: Was sagen Sie zur schlechten Saison Ihres Ex-Klubs?

Avdijaj: Schalke hat eine unfassbar schlechte Rückrunde gespielt. Woran das liegt, weiß ich nicht. Aber es sieht jetzt nach dem gefühlt vierten neuen Anlauf in sechs Jahren aus. Da sich aber die finanziellen Voraussetzungen des Klubs enorm verschlechtert haben, wird es schwierig.

SPORT1: Wäre eine zweite Chance bei S04 ein Traum für Sie?

Avdijaj: Ich habe auf Schalke mehr als mein halbes Leben gelebt, meine ganze Jugend dort verbracht und viele Titel geholt. Ich hatte einen Fünfjahresvertrag auf Schalke, viele Bundesligaspiele absolviert, viele Tore geschossen. Schalke ist für mich weiter eine Herzensangelegenheit. Ich glaube, ich könnte dem Verein sicherlich weiterhelfen. Ich liebe Schalke 04, weil alles, was ich besitze - Liebe, Fleiß, harte Arbeit und Emotionen - in dem Verein steckt.

Lesen Sie auch