Der böse Kommentatoren-Eklat bei WWE

Martin Hoffmann
Sport1

Ein WWE-Kommentator übt bei Twitter öffentliche Kritik an einem eigenen Kollegen - der erklärtermaßen an einer bipolaren Störung und Depressionen leidet.

Ein brisanter Tweet von Corey Graves über Mauro Ranallo hatte am Rande der WWE Survivor Series 2019 am vergangenen Wochenende für großen Wirbel gesorgt. Ranallo, englischsprachiger Hauptkommentator der Shows des Drittkaders NXT, löschte nach der Kritik seinen Twitter-Account, fehlte bei der Traditionsveranstaltung am Sonntag und womöglich noch länger.

Über Graves ergoss sich danach ein Sturm der Kritik in den sozialen Medien, der auch aus Ranallos Umfeld befeuert wurde. Graves äußerte als Reaktion darauf zunächst nur Verteidigung in eigener Sache und Medienkritik, behauptete, Opfer einer Falschdarstellung zu sein. Am Mittwoch hat Graves in seinem Podcast dann doch um Entschuldigung gebeten.

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Corey Graves kritisiert Mauro Ranallo öffentlich

Los ging die Affäre in der Nacht zum Sonntag, während der NXT-Show TakeOver: War Games. Ranallo kommentierte sie - und Graves, der bei der Freitagsshow SmackDown am Pult sitzt, sah sich veranlasst, öffentliche Kollegenschelte zu betreiben.


"Nur fürs Protokoll, Leute: Ich weiß, dass man es nicht merkt, aber am Kommentatorenpult sitzen tatsächlich ein WWE-Hall-of-Fame-Mitglied und ein früherer World Champion von ROH (eine kleinere US-Wrestling-Liga, d. Red.). Ich könnte mir vorstellen, dass die auch was zu sagen hätten", schrieb der 35 Jahre alte Ex-Wrestler, der in der Independent-Szene als Sterling James Keenan aktiv war.

Die offensichtliche Botschaft: Graves attestierte Ranallo, seinen Co-Kommentatoren Beth Phoenix und Nigel McGuinness zu wenig Raum zu geben. In einem weiteren Tweet merkte er noch an, dass der für seine Popkultur-Referenzen bekannte Ranallo "viel zu viele" Anspielungen auf die Rapszene in Chicago fallen ließ.

Graves äußerte damit oft gehörte Kritikpunkte an dem 49 Jahre alten Ranallo, den manche Fans zu quirlig und "nerdig" finden, der von vielen anderen aber genau dafür enorm geschätzt wird.


Ranallo hatte WWE fast verlassen - angeblich wegen JBL

Geschmackssache und an sich Tagesgeschäft, sich mit solcher Kritik auseinanderzusetzen - von einem Kollegen allerdings, in aller Öffentlichkeit geäußert, hat die Angelegenheit aber natürlich eine völlig andere Tragweite.

Hinzu kommt Ranallos persönliche Geschichte: Der bei vielen WWE-Fans sehr beliebte und auch als Box- und MMA-Kommentator profilierte Kampfsport-Experte geht offen damit um, dass er psychisch krank ist - und unsensibler Umgang mit ihm unter WWE-Kollegen war schon einmal größeres Thema.


2017 fehlte Ranallo WWE wochenlang und hatte sich mit WWE bereits auf eine Trennung geeinigt - ehe er dann doch wieder anheuerte und sich fortan auf NXT beschränkte. Der "Bipolar Rock 'n' Roller" hatte einen Depressionsschub bekommen und nach übereinstimmenden Medien- und Kollegenberichten hatte öffentliche Kollegenkritik von John Bradshaw Layfield daran mindestens einen Anteil (wobei der Wrestling Observer ergänzt, dass die Causa JBL nur die Spitze des Eisbergs gewesen wäre, es hätte auch andere Probleme mit den WWE-Verantwortlichen gegeben).

Ranallo wies die Berichte damals zurück und erklärte knapp, die Sache hätte "nichts mit JBL zu tun", die allgemeine Ansicht jedoch ist, dass das eine Schutzbehauptung war, um die Wogen zu glätten. Unter anderem hatte Ranallos guter Freund und MMA-Kommentatorenkollege Bas Rutten mit heftiger öffentlicher Kritik an JBL nahegelegt, dass sehr wohl was an der Sache dran war.

Bei Survivor Series abwesend

Die aktuelle Situation scheint sich nun ähnlich entwickelt zu haben: Ranallo - dem es laut Observer zuletzt ohnehin nicht gut gegangen war - löschte am Wochenende seinen Social-Media-Account und fehlte trotz gegenteiliger Ankündigung bei den Survivor Series, WWE begründete es mit Stimmproblemen, die ihn nach TakeOver ereilt hätten (2017 hatte WWE Ranallos Abwesenheit mehrfach mit später als falsch erwiesenen Angaben erklärt).

Auch nun ergriff ein Kollege Ranallos aus dem MMA-Bereich für ihn Partei. Ranallos Freund und Manager Frank Shamrock (Adoptivbruder des früheren WWE-Stars Ken Shamrock) rieb Graves einen eigenen Tweet unter die Nase, den er zuvor abgesetzt hatte: "Die sozialen Medien haben zu viele von euch daran gewöhnt, dass man andere Menschen herabsetzen kann, ohne dafür aufs Maul zu bekommen", hatte Graves Rapper Ice-T zitiert.


Ranallo und Shamrock verließen die Szenerie am Sonntag verärgert. Graves blieb an Bord, angeblich sehen ihn Verantwortliche hinter den WWE-Kulissen auch nicht als den Schuldigen am Eklat.

Graves sagt sorry, Ranallo fehlt wohl weiter

Graves, dessen Social-Media-Verhalten nicht zum ersten Mal im Fokus steht, meldete sich am Montag zunächst mit diversen neuen, uneinsichtigen Tweets zu Wort, er schrieb auch Shamrock und Observer-Chef Dave Meltzer mit persönlichen Vorwürfen der Falschdarstellung an.


Mit der Veröffentlichung seines Podcasts After the Bell am Mittwoch hat er nun aber doch um Verzeihung gebeten, verknüpft mit einer Erklärung für die Motivation hinter seiner Kollegenkritik.

"Es war eine unpopuläre Meinung, wie ich sie oft äußere, meine Absicht war, etwas Kontroverse zu kreieren, vielleicht etwas Lustiges, um darüber zu reden, hier oder im TV", sagte Graves, ohne Ranallo beim Namen zu nennen: "Es war vielleicht nicht der professionellste Weg, ich habe nie beabsichtigt, jemanden zu beleidigen, zu verunglimpfen oder respektlos zu sein. Das war nie meine Absicht. Wenn es so rübergekommen ist, tut es mir sehr leid." Niemals würde er "jemandem absichtlich unnötigen Stress zufügen, besonders keinem Kollegen".

Abseits der Öffentlichkeit hat Graves laut Observer bei Shamrock auch persönlich um Verzeihung gebeten, bei Ranallo nicht - wobei unklar ist, ob Graves, Ranallo oder alle beide gerade kein Gespräch miteinander führen wollen.

Mauro Ranallo fehlte auch bei der dieswöchigen TV-Show von NXT, WWE nannte diesmal keinen Grund, Kommentatorenkollegin Phoenix stellte den Zuschauern aber in Aussicht, dass Ranallo nächste Woche zurück sein dürfte.

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