"Das war Rufmord!" Babbel spricht über sein Sydney-Aus

Reinhard Franke
Sport1

Als Markus Babbel zurückruft, ist es in Deutschland kurz vor Mitternacht.

"Sorry, aber ich konnte heute etwas länger schlafen", sagt der 47-Jährige und lacht. Trotz seiner Beurlaubung als Trainer des australischen A-League-Klubs Western Sydney Wanderers ist Babbel gut gelaunt.


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Im ersten Interview nach seinem Aus in Australien spricht er bei SPORT1 über die Entscheidung des Klubs, eine Rückkehr nach Deutschland und einen Job beim FC Bayern.

SPORT1: Herr Babbel, wie überraschend kam die Entlassung für Sie?

Markus Babbel: Das kam nicht überraschend. Ein großes Kompliment an die Verantwortlichen, dass sie so lange versucht haben, mit mir die Kurve zu kriegen. Aber die Resultate haben einfach gefehlt. Der Weg ging ganz klar in die richtige Richtung. Nur wenn die Punkte nicht eingefahren werden, dann kommt eine solche Entscheidung nicht überraschend. So ist der Fußball.

SPORT1: Klingt nach einer rationalen Trennung...

Babbel: Wir sind alle alt genug und wissen, wie das Geschäft funktioniert und das war’s. Ich habe den Jungs am Anfang erklärt, wie ich funktioniere, nämlich sauber und ehrlich. Die Reaktionen von den Leuten im Klub auf meine Beurlaubung waren absolut positiv, das ist kein Gerede. Ich habe einfach gemerkt, dass alle viel Spaß mit mir hatten. Bei der Verabschiedung habe ich viele Emotionen gespürt. Ich habe gemerkt, dass ich Fußstapfen hinterlassen habe. Das war nicht einfach nur eine Geschäftsbeziehung, das war mehr. Und dann ist es einfach schön, von allen so eine Reaktion zu bekommen. Wir gehen alle gut und sauber aus dieser Geschichte raus.

Babbel: "Ich musste den Vorstand beruhigen"

SPORT1: Sie sind ein emotionaler Typ. Gar nicht traurig?  

Babbel: Ich bin schon traurig, weil ich gerne mit meinem Staff zusammengearbeitet habe und es mir großen Spaß gemacht mit den Jungs zu arbeiten. Wir treffen uns am Samstag alle nochmal, das zeigt ja, wie wir ticken und wie das Verhältnis war. Es wird ein schöner Ausstand, bei dem alle am Start sein werden. Es war eine tolle persönliche Erfahrung. Dem Präsidenten ist es unheimlich schwer gefallen mir die Entscheidung mitzuteilen. Er konnte mir gar nicht richtig in die Augen schauen. Ich musste ihn beruhigen und meinte nur: "John (Vorstandsvorsitzender John Tsatsimas, d. Red.), mach‘ dir keinen Kopf. Ich weiß, wie es funktioniert." Irgendwann muss man die Reißleine ziehen. 

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SPORT1: Was wünschen Sie Ihrem Team?

Babbel: Vielleicht hat mein Assistent Jean Paul de Marigny, der jetzt als Trainer installiert wurde, das Quäntchen Glück, was mir gefehlt hat. Der Verein setzt auf die Jugend, und ich bin diesen Weg mitgegangen. Ich habe es bestmöglich versucht umzusetzen. Aber man muss den australischen Fußball kennen. Da gibt es auch Schwierigkeiten, wenn man sich die anderen Mannschaften anschaut. Andere Klubs wie der letztjährige Meister Perth Glory oder Melbourne Victory spielen nicht mit so vielen Talenten von den Amateuren. Ich hoffe aber, dass in Sydney der Weg mit dieser Philosophie weitergegangen wird.


SPORT1: Was bleibt bei Ihnen persönlich?

Babbel: Ich hatte eine tolle Zeit im Verein. Was ich in den zurückliegenden Wochen nicht mehr hatte, war der Spaß bei unserer Performance am Spieltag. Das wird Marco (der vergangene Woche bei Melbourne Victory entlassene deutsche Trainer Marco Kurz, d. Red.) genauso erlebt haben. Es war fast wie Glücksspiel unter freiem Himmel. Da waren Entscheidungen dabei, die uns den Job gekostet haben. Da waren schon Situationen dabei, bei denen man sich fragt ‚Was sieht der Schiedsrichter da?‘ Das Niveau bei den Spielen ist längst nicht mit der Bundesliga zu vergleichen. Ich hätte es vielleicht noch ein Jahr geschafft, aber die Leistungen der Referees sind schon grenzwertig. Und das fußballerische Niveau ist mau. Jetzt kann ich es sagen, ohne dafür bestraft zu werden.

Babbel erklärt Ausraster

SPORT1: In Ihrer Abschieds-Nachricht via Twitter bedankten Sie sich bei den Medien. Zuletzt rasteten Sie aber bei einer Pressekonferenz aus, weil Ihnen die Medien zu falsch seien. 

Babbel: Ich hatte eine gute Zusammenarbeit mit den TV-Journalisten. Sie haben das Ganze fair und kritisch bewertet und analysiert. Und das mit viel Respekt, damit habe ich auch gar kein Problem. Ich weiß, wie mein Job funktioniert und dass ich da kritisiert werde, ist völlig normal. Nur war da ein Printjournalist, der versucht hat, extrem böse auf den Verein draufzuhauen, und meinen Co-Trainer attackiert hat. Das war Rufmord. Das ging gar nicht. Entweder ich habe Informationen und die sind hieb- und stichfest oder eben nicht. Aber wenn er sie nur vom Hörensagen hat,  tu ich mich schwer, seriös mit einem Journalisten zu reden. Und wenn einer von meinen Leuten angegangen wird, dann verteidige ich ihn. Das ist wie meine Familie. Darüber hinaus war der Journalist auch noch Mitglied beim Stadtrivalen FC Sydney. Er versuchte einfach, polemisch zu berichten. 

SPORT1: Und da war für Sie eine Grenze erreicht...

Babbel: Man muss als australischer Journalist aufpassen. Man hat einen Stift, aber dieser ist für viele wie eine Waffe. Wie In Australien gibt es nicht viele Vereine wie in Deutschland, wo ein Journalist auch mal zu einem anderen Klub gehen kann. In der A-League ist es mit elf Vereinen sehr limitiert. Danach kommt kein professioneller Fußball mehr. Und wenn Du versuchst, so einen Journalisten kaputtzumachen, dann hat der dann riesige Probleme, wieder einen Job zu finden. Und das habe ich diesem Mann versucht klarzumachen, dass das so nicht geht.


SPORT1: Waren Sie überrascht über Ihren Ausraster?

Babbel: Ich war nicht überrascht über mich. Wenn meine Familie, in dem Fall mein Assistent, mit dem ich sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, ohne Fakten attackiert wird, kann ich auch ganz anders sein. Ich versuche immer sehr höflich, freundlich und respektvoll mit den Leuten umzugehen, aber wenn ich keinen Respekt zurückbekomme, dann flippe ich auch mal aus.

SPORT1: Welche Fehler haben Sie gemacht?

Babbel: Ich werfe den ersten Stein, wenn ich keine Fehler gemacht habe. Ich habe mit Sicherheit Fehler gemacht, aber ich bitte nach einem Tag um Verständnis, dass ich nicht gleich die große Bilanz ziehe. Nur brauche ich jetzt etwas Zeit, um über alles nachzudenken. Der Fußball ist ganz anders. Es gibt den Salary-Cap, man hat andere Möglichkeiten, Ausländer zu holen, und ich konnte mithelfen diesen noch jungen Verein nach vorne zu bringen. Da entsteht noch viel. Ich möchte so viele Erfahrungswerte nicht missen. 


SPORT1: Kritiker sagen, Markus Babbel war nie dauerhaft erfolgreich. Wie groß ist der Kratzer jetzt? 

Babbel: Ich bin sehr dankbar für diesen Abschnitt. Ich konnte viele tolle Menschen kennenlernen. Ich wurde mit viel Respekt behandelt und konnte hoffentlich etwas zurückgeben. Man kann über die Verweildauer eines Trainers diskutieren. Die ist normalerweise ein Jahr. Ich war jetzt anderthalb Jahre in Sydney, davor dreieinhalb Jahre in Luzern. Bei Hertha BSC wollte man unbedingt mit mir verlängern, das wollte ich nicht, und zu Beginn meiner Trainerkarriere beim VfB Stuttgart fehlte mir die Lizenz. Nur bei Hoffenheim hat es nicht gepasst. Das ist mir zu billig, wenn sich die Kritiker nur meine Stationen anschauen ohne den Hintergrund zu kennen.

Babbel schließt Co-Trainer-Job bei Bayern nicht aus

SPORT1: Ist die Bundesliga jetzt wieder eine Option für Sie?

Babbel: Die Bundesliga ist natürlich ein Anreiz, vor allem, wenn du das hier in Australien gesehen hast. In Deutschland gibt es so viele tolle Vereine mit einer großen Historie. Aber es muss auch passen. Es ist nicht ganz einfach, da reinzukommen. Australien hat aber auch meinen Horizont für andere Dinge geöffnet. 

SPORT1: Marco Kurz will einige Monate in Melbourne bleiben, dann zurück nach München. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Babbel: Wir werden erstmal bis Mai erstmal hier bleiben, weil ich auf das Schmuddelwetter zur Zeit in Deutschland keine Lust habe. Das brauche ich gerade nicht. Im Mai werden wir dann wohl zurück nach Deutschland kommen, in Weinheim habe ich ja meine Zelte aufgeschlagen. Es war von Anfang an klar, dass wir wieder zurück nach Deutschland gehen werden. Ich brauche auch wieder besseren Fußball.

SPORT1: Wenn man jahrelang Cheftrainer war, wird man nicht mehr Assistenzcoach. Außer beim FC Bayern? 

Babbel: (lacht) Co-Trainer bei den Bayern? Das kann ich gerade nicht beantworten. Es käme auf die Situation an. Wer wird da ab Sommer Cheftrainer und wie sind die Rahmenbedingungen unter ihm? Ausschließen würde ich es natürlich nicht.

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