Als Bayern den BVB killte

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Als Bayern den BVB killte
Als Bayern den BVB killte

Vor 50 Jahren stand das höchste Fußballergebnis aller Zeiten an der Anzeigetafel des Grünwalder Stadions.

Wer ganz genau hinschaute, konnte es sehen: Bayern 71, Dortmund 1. Nun, zu solch einem Kantersieg waren selbst die Bayern in ihrer Torrekordsaison nicht in der Lage, aber auch das 11:1 überforderte die Stadionregie. 1971 war noch weit vor dem digitalen Zeitalter, in das das Grünwalder Stadion bis heute nicht eingetreten ist, und die Anzeige wurde per Hand mit Zifferntäfelchen betrieben. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Von allen Ziffern hatten sie zwei vorrätig, wie Dr. Markus Drees vom Verein „Freunde des Sechz‘ger Stadions“ noch 2014 bestätigte, als die Geschichte vom 11:1 wieder einmal aufgewärmt wurde. Wer hätte auch ahnen können, dass man für ein Bundesligaspiel drei Einser würde brauchen müssen?

Schließlich war es der erste und bis heute einzige zweistellige Sieg der Bayern, in einer Zeit weit bevor man vom deutschen Klassiker oder vom Germanico sprach. Die Bayern und die Dortmunder, in den Sechzigern Deutschlands erste Europapokalsieger, trennten in den Siebzigern Welten. Nie war die Kluft größer als am 16. Spieltag 1971/72.

BVB-Trainer wünschte sich eine „knappe Niederlage“

An diesem Tag ist Bayern gegen Dortmund alles andere als ein Gipfeltreffen, der Zweite empfängt den Fünfzehnten. Im kicker ist zu lesen: „Die Borussen werden am Freitag nur mit der Hoffnung nach München fliegen, nicht zu arg unter die Räder zu kommen.“ (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

BVB-Trainer Horst Witzler wünscht sich „eine knappe Niederlage“. Schließlich hat er auch noch arge Personalsorgen. Die Bayern nicht, ihre Sorge gilt der noch möglichen Herbstmeisterschaft, dazu darf der Rückstand zu Tabellenführer Schalke vor dem Gipfeltreffen am letzten Tag der Hinrunde nicht abreißen. Sie haben also nichts zu verschenken, jedes Tor zählt. Davon wird es viele geben. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Sie spielen 1971/72 die beste Bundesliga-Saison jener ersten goldenen Ära, am Ende werden 101 Tore gezählt – bis heute einmalig! Mehr als ein Zehntel davon fallen an jenem trüben November-Samstag, womit natürlich niemand rechnet.

18.000 Besucher finden sich ein im Stadion an der Grünwalder Straße, es ist die letzte Bayern-Saison vor dem Umzug ins Olympia-Stadion. Mehr als doppelt so viele gehen hinein, aber es ist nicht die Zeit der vollen Stadien.

Beckenbauer, Hoeneß, Müller vs. BVB

Eine Folge des Bundesliga-Skandals, in den beide Klubs allerdings nicht verwickelt sind. Der FC Bayern vermeldet mit dieser Kulisse sogar noch den zweitbesten Tagesbesuch – aber die mit Abstand höchste Torfrequenz. Trainer Udo Lattek beantwortet am Spieltag die letzte offene Frage; auf Rechtsaußen stürmt Franz Krauthausen statt Edgar Schneider, alle sechs Nationalspieler sind an Bord.

Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeneß, Müller – die Namen der kommenden Europa- und Weltmeister kennt schon 1971 jedes Kind, das einem Fußball nachläuft. Der BVB hat so etwas nicht zu bieten. Torwart Jürgen Rynio sagt noch Jahrzehnte später entschuldigend: „Ein 1:11 ist immer blamabel und darf in der Bundesliga eigentlich nicht vorkommen. Ein bis zwei Jahre vorher wäre das nicht passiert, da hatten wir noch einige ältere Spieler in unseren Reihen gehabt. Wir waren eine junge Mannschaft, die im Neuaufbau stand.“

„Es hätte noch schlimmer kommen können“

Und die an diesem Tag von den Bayern nach allen Regeln der Kunst deklassiert wird. „Es hätte noch schlimmer kommen können“, schrieb der Münchner Merkur angesichts einer Flut ungenutzter Torchancen, darunter allein drei Pfostenschüsse.

Das Grünwalder erlebte den regelrechten Zusammenbruch einer Fußballmannschaft, wie sich Rynio erinnert: „Die hatten Chancen ohne Ende. Wir haben es einfach laufen lassen. Ich habe noch versucht, das Mittelfeld zu organisieren und die Abwehr zu kommandieren, aber irgendwann hat keiner mehr reagiert.“

Heraus kam ein Schützenfest.

Die Tor-Chronologie:

12. Minute: 1:0 Gerd Müller, auf Flanke von Uli Hoeneß.

20. Minute: 2:0 Hoeneß, im Nachsetzen per Kopf.

39. Minute: 3:0 Willi Hoffmann, Schlenzer nach Solo. BVB-Verteidiger Werner Lorant, 22 Jahre später in diesem Stadion gefeierter Aufstiegstrainer der Löwen, wird ausgewechselt.

44. Minute: 4:0 Müller, Volleyschuss.

Bayerns Ex-Trainer Tschik Cajkovski sagt auf der Tribüne: „Die Dortmunder Jungen nicht so schlecht, müssen nur viel, viel offensiver spielen.“

Wiederanpfiff: Sepp Maier hat sich eine lange Hose angezogen, es friert ihn zu sehr. Der BVB tauscht erneut aus und erschöpft damit bereits sein Wechselkontingent: Verteidiger Theodor Rieländer für Libero Branco Rasovic. Witzler denkt nicht an Offensive.

49. Minute: 5:0 Hoeneß mit scharfem Flachschuss von halbrechts.

54. Minute: 6:0 Beckenbauer nach Solo

57. Minute: 6:1 Weinkauff nach Koppenhöfers Fehlpass.

59. Minute: 7:1 Breitner trifft aus der zweiten Reihe, Rynio ist die Sicht versperrt. Der Torwart fragt sich nun, „ob die eigentlich zweistellige Ergebnisse zeigen können an der Anzeigetafel. An so was denkt man als Torwart, wenn die Dinge so laufen.“ Als hätte er die Probleme geahnt, die da kommen würden.

64. Minute: 8:1 Roth-Hammer nach Hoeneß-Vorlage.

83. Minute: 9:1 Müller, typischer Drehschuss.

88. Minute: 10:1 Roth trifft aus 20 Metern.

90. Minute: 11:1 Müller per Abstauber mit links, weil Rynio Beckenbauers Schuss nicht festhalten kann.

Bayern schimpfen trotz Kantersieg

Fertig ist Bayerns Rekordsieg in der Bundesliga und Borussias damalige Rekordpleite, ehe sie 1978 von Gladbach gar mit 12:0 überrollt werden wird. In der Bundesliga-Historie hat es überhaupt nur zwei höhere Siege gegeben, beide durch Borussia Mönchengladbach, die 1967 schon 11:0 gegen Schalke hingelegt hat. Nun gehört auch Bayern zum Klub der Zweistelligen, Trainer Udo Lattek merkt an: „Heute haben wir gezeigt dass wir einen Gegner auch killen können.“

Kurios: In den Katakomben hört man schimpfende Bayern und witzelnde Dortmunder. Uli Hoeneß etwa ist selbstkritisch: „Wenn wir so hoch führen, fehlt mir einfach der richtige Ehrgeiz. Fünf Tore hätte ich schießen können.“

Borusse Dieter Weinkauff, der Torschütze, spottet derweil fatalistisch: „Ein Weinkauff ist eben nicht genug“, weshalb Rynio ihm hätte „an die Gurgel gehen können.“ Noch einen Konjunktiv bringt der Torwart ins Spiel: „Wir hätten ein Time-out wie beim Handball gebraucht.“

Lattek hatte Mitleid mit Dortmund

Er hat am meisten unter dem Debakel zu leiden. „Ich weiß noch dass die Bild-Zeitung am Montag eine ganze Seite gemacht und alle Tore gezeigt hat. Und dann kamen die Leute mit der Zeitung in der Hand zu mir und sagten: ‚Na den hättste doch haben können‘. Als wenn das noch eine Rolle gespielt hätte. Eigentlich habe ich ja sogar ganz gut gespielt an dem Tag.“, beteuerte er 2012 bei dfb.de.

Auf der Pressekonferenz werden 1971 gemäßigte Töne angeschlagen. Lattek hat sogar Mitleid mit dem BVB: „Wenn ein Spiel so läuft, dann versucht sich jeder Einzelne so gut freizuschwimmen, wie es geht. Von Taktik kann man da nicht mehr reden.“

BVB verabschiedet sich in die Zweitklassigkeit

Kollege Horst Witzler bekennt wenig überraschend, es sei „die katastrophalste Niederlage, die ich in meiner 13-jährigen Trainer-Laufbahn habe erdulden müssen“, gewesen. Er gibt den Schwarzen Peter dem Vorstand, der ihm eine dermaßen unerfahrene Mannschaft überlassen habe („Sie wurden ja regelrecht vom Lande geholt“), „und nun stehe ich da und muss den Scherbenhaufen kitten“.

Eine Woche später fliegt Witzler und ein halbes Jahr später steigt die Borussia ab – mit den meisten Gegentoren ihrer Historie. Vier Jahre verbringt sie in der Zweitklassigkeit, ehe sie den langen Weg zum Bayern-Rivalen antreten konnte.

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