Streitfall Schickeria - Das sind Bayerns mächtigste Ultras

Maximilian Miguletz, Stefan Kumberger
Sport1

"Zwei Züge, die aufeinander zurasen." So beschrieb Ultra-Experte Christoph Ruf im Gespräch mit SPORT1 die aktuell verhärteten Fronten zwischen Ultras und Klubs.

In München sind diese beiden Loks der FC Bayern und dessen aktive Fanszene - dabei vor allem die Schickeria.

Diese Fangruppierung des deutschen Rekordmeisters war am zurückliegenden Skandalspieltag der Katalysator der Eskalation. Ihr Banner war es, das zur ersten Unterbrechung der Partie TSG Hoffenheim gegen FCB führte. Für das zweite Banner zeichnete die Gruppierung Red Fanatic verantwortlich.

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Obwohl sich mehrere Ultra-Gruppierungen verschiedener Vereine in einige Stadien an der koordinierten Aktion (Ruf: "Die Ultra-Szenen sind wahnsinnig gut vernetzt.") beteiligt haben, steht die Schickeria als bekannteste und meinungsstärkste Fangruppierung des größten deutschen Vereins besonders im Fokus – und mit ihr ihre zwei Gesichter.

Schickeria: Gründung Anfang des Jahrtausends

Ihre Gründung liegt fast 20 Jahre zurück. 2001, im Herbst nach dem Triumph des FCB in der Champions League, taten sich einige Fangruppierungen zusammen, zogen gemeinsam in den unteren Bereich des Fanblocks im Münchner Olympiastadion, die Südkurve. 2002 folgte dann der formale Zusammenschluss in einer Gruppierung, die schließlich den Namen Schickeria erhielt.

Auch in der Allianz Arena – seit 2005 die Heimstätte der Bayern – finden sich die Schickeria-Anhänger in der Südkurve ein, in den Blöcken 112 und 113 direkt hinter dem Tor.

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Obwohl – oder vielleicht auch weil – ihr Verhältnis zum Klub, zu anderen Gruppierungen oder Fans nie reibungslos war, ist sie zu einer Art Meinungsführer geworden. Ihr Leitbild ist von Werten wie Toleranz, Respekt und Solidarität geprägt, ihr politisches Interesse und Engagement sind hoch.

Insbesondere ihre Erinnerungsarbeit um den früheren Vereinspräsidenten Kurt Landauer wurde vielfach gewürdigt und ausgezeichnet.

Landauer-Gedenken für Rummenigge "sehr bewegend"

Mit mehreren imposanten Choreographien erinnerte die Schickeria an Landauer, der als dreimaliger Präsident zwischen 1913 und 1951 viele Jahre des FC Bayern prägte, als Jude von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und zwischenzeitlich ins Exil in der Schweiz flüchtete.


Außerdem veranstaltet die Schickeria seit 2006 ein antirassistisches Fußballturnier um den Kurt-Landauer-Pokal.

Zuletzt beeindruckte Ende Januar eine Choreographie zu Ehren des 1942 von den Nazis ermordeten Vereinsmitglieds Hugo Railing. "Das war schon sehr bewegend, was die Südkurve da gemacht hat und insbesondere die Schickeria", sagte damals Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge im Gespräch mit SPORT1. "Die haben einen großen Beitrag geleistet, dass das Thema Kurt Landauer beim FC Bayern wieder ein wichtiges Thema wurde und er Ehrenpräsident geworden ist." Das könne man "nicht hoch genug bewerten", lobte Rummenigge.


Für "ihr Engagement gegen Antisemitismus und Diskriminierung" erhielt die Schickeria 2014 den Julius-Hirsch-Preis von der DFB-Kulturstiftung. "Die Schickeria engagiert sich kreativ und vorbildlich gegen jede Form von Diskriminierung und hat in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung genommen", sagte der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Auch Ultra-Experte Ruf stellt diesen Einsatz vieler Ultra-Gruppierungen wie der Schickeria heraus: "Gerade beim Thema Rassismus im Stadion haben die Ultra-Szenen einen großen Verdienst dran, dass das weniger geworden ist."

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Reibereien, Protest, Gewalt

Und doch ist das Image der Schickeria nicht einzig und allein durch diese gelobten Aktionen geprägt.

Im Kleinen sorgte die Gruppierung schon im Olympiastadion für Reibereien, als sich Zuschauer im Stehblock beschwerten, durch die neuen Schickeria-Fahnen das Spielfeld nicht mehr sehen zu können.

Im April 2011 übte die Gruppierung massiven Widerstand gegen eine Spielerverpflichtung. "Koan Neuer"-Plakate fluteten die Südkurve der Allianz Arena, was nicht nur den Vereinsbossen übel aufstieß, sondern auch anderen Teilen der Fanschaft.


Ein besonders dunkles Kapitel in der Schickeria-Historie nimmt allerdings eine verheerende Gewalttat im Jahr 2007 ein. Mitglieder attackierten damals an einer Autobahnraststätte bei Würzburg einen Fanbus des 1. FC Nürnberg. Eine Frau wurde dabei so schwer mit einer Bierflasche verletzt, dass sie ihre Sehkraft auf einem Auge verlor.

Die Schickeria wurde daraufhin kurzzeitig aus dem Stadion verbannt. Die Gruppe distanzierte sich damals von dieser Attacke "weniger Leute", die ihre "Ideale verraten" habe.

Ein Einzelfall blieb es dennoch nicht. Im November 2015 wurde Schalke-Fans brutal angegriffen, auch Schickeria-Mitglieder sollen beteiligt gewesen sein.

Rummenigge: "Ich schäme mich zutiefst"

Die Schickeria und ihre zwei Gesichter. Sie sorgen für ein zwiegespaltenes Verhältnis zum Klub – der dieses nach den Vorkommnissen in Sinsheim auf den Prüfstand stellt.

Selbst der Club Nr. 12, der Dachverband der aktiven Fans, distanzierte sich von den Bannern von Schickeria und Red Fanatic, stellte sich in der Sache allerdings auf Seiten der Ultras.

Die Schickeria argumentierte in einer Erklärung, die Hopp-Schmähungen seien "normalerweise nicht unser Sprachgebrauch", nannte sie aber alternativlos und kritisierte die Reaktion: "Die Unterbrechung heute war einfach nur überzogen und absurd", hieß es in einer Erklärung, die unter anderem mit "Fußball bleibt dreckig" schloss.


Eine Haltung, die der Vorstandsvorsitzende ihres Klubs nicht teilt. "Ich schäme mich zutiefst aus Sicht des FC Bayern für die Chaoten. Jetzt ist der Moment gekommen, wo der DFB und alle Verantwortlichen gegen diese Chaoten vorgehen müssen", sagte Rummenigge noch am Spieltag und sprach vom "ganz hässlichen Gesicht des FC Bayern München".

Verhärtete Fronten - kommende Strafen?

Nach einer Vorstandssitzung am Montag erneuerte er, dass man gegen die Schuldigen vorgehen wolle. "Wir haben beschlossen, dass wir eine Kommission gründen werden, weil wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können", sagte Rummenigge der Bild.

Inwieweit und wie intensiv der Klub nun gegen seine eigene aktive Fanszene, die eben auch viel Positives leistet und gelobt wird, vorgehen wird, bleibt abzuwarten. Doch das Tischtuch scheint zerschnitten.

"Wir haben ja immer viel geredet und ich bin ein Freund des Dialogs. Aber man muss auch festhalten, dass der Dialog nichts gebracht hat", stellte Rummenigge klar. Die Störenfriede im Bayern-Block in Sinsheim "müssen damit rechnen, von Bayern bestraft zu werden".

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