Beckmann über Enkes Tod: "Es war ein brutaler Schock"

Rasmus Godau
Sport1

Robert Enkes Todestag jährt sich zum zehnten Mal. Der Nationaltorwart nahm sich am 10. November 2009 das Leben und schockte damit die Fußball-Welt.

Einer, der Enke sehr gut kannte, ist Reinhold Beckmann. Der langjährige ARD-Journalist und heutige SPORT1-Experte moderierte die Trauerfeier, als Enkes Sarg durchs Stadion getragen und aufgebahrt wurde.


Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Für SPORT1 erinnert sich Beckmann zurück an den Weltklasse-Keeper und Familienvater, schildert, wie die Welt sich seitdem verändert hat - und warnt vor den Gefahren innerhalb des Geschäfts sowie durch die sozialen Medien.

SPORT1: Herr Beckmann, der Todestag von Robert Enke liegt zehn Jahre zurück. Er hat damals keinen Ausweg gefunden. Wie wäre das heute?

Reinhold Beckmann: Man muss sich zuerst einmal zurückerinnern. Wir hatten alle überhaupt keine Ahnung, in welchem Zustand er war. Robert Enke war ein unglaublich zugänglicher Mensch. Ich kann mich an viele Spiele bei Hannover 96 noch erinnern. Er kam immer vor dem Spiel, es gab immer eine persönliche Begrüßung. Er hatte immer ein Auge für den anderen. Ein gebildeter und reflektierter Mensch. Das war für mich, wie für viele andere, ein brutaler Schock.

SPORT1: Sie haben damals die Trauerfeier im Stadion moderiert. Haben Sie direkt zugesagt, als Sie gefragt wurden, und wie hat es sich angefühlt?

Beckmann: Als der Anruf von der ARD kam, habe ich lange überlegt, ob ich die Trauerfeier im Stadion moderieren und kommentieren kann. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihm. Wir haben im Hintergrund viel geredet und da dachte ich: Ja, ich mache das. Das werde ich nie vergessen. Ein bewegender Abschied. Ob das mit dem Sarg im Mittelpunkt richtig war, mögen andere beurteilen.


SPORT1: Kommen wir auf die Wirkung von Social Media zu sprechen. Ist der psychologische Druck durch Twitter, Instagram und Co. sogar noch schlimmer geworden?

Beckmann: Man muss sagen, dass es bei dem Druck und der Auseinandersetzung mit den sozialen – und asozialen – Netzen unbedingt eine psychologische Betreuung braucht. Es braucht eine Anlaufstelle, um das Vertrauen zu haben, dass in dem Verein jemand ist, zu dem man gehen kann. Da müssen sich alle Vereine Mühe geben, denn der Druck ist ungleich größer als noch vor zehn Jahren. Wenn heute jemand Mist baut, dann weiß er, dass er am Wochenende dran ist. Ob auf Twitter oder sonst wo. Das ist in der Politik und im Fußball zum Sport geworden. Das von sich wegzuschieben ist eine Herausforderung und die hohe Kunst für die jungen Menschen.

SPORT1: Was genau können die Vereine tun?

SPORT1: Es braucht in den Vereinen eine gute Betreuung und ein Gespür dafür, wer das nicht so wegtragen kann wie ein anderer. Es gibt so viele Idioten, die den ganzen Tag nur zu Hause am Computer sitzen und sich damit beschäftigen, anderen Leuten – die erfolgreich sind – wehzutun. Das trifft natürlich viele Fußballer. Das muss man gut betreuen und das ist auch das, was man aus dem Fall Robert Enke lernen kann.

SPORT1: Damals wurde es als Alarmsignal gesehen, dass es sich um eine Krankheit und nicht um eine Schwäche bei Robert Enke handelt. Glauben Sie, das ist angekommen?

Beckmann: Nehmen wir mal den Fall Bakery Jatta vom HSV. Der musste einiges ertragen. Das Auswärtsspiel in Karlsruhe, die ganze Zeit ausgepfiffen. Oder auch in unserem Jugendprojekt "Nestwerk", in dem wir viele aus Afrika haben: Wenn du jeden Tag erfährst, dass dich Leute wegen deiner Hautfarbe ansprechen ... Jeden Tag bist du mit rassistischen Bemerkungen konfrontiert. Da wissen viele gar nicht, was es bedeutet, das wegzustecken. Das findet im Fußball viel statt. Diese direkte Polemik ist ja immer da. Die sozialen beziehungsweise asozialen Netze kommen hinzu. Rassistische Äußerungen, tiefe Beleidigungen und purer Hass sind inzwischen ganz normal geworden.

SPORT1: Hat sich unsere Gesellschaft verändert - und wenn ja, inwiefern?

Beckmann: Unsere Gesellschaft hat sich sehr verändert. Die sozialen Netzwerke kehren das Unmenschliche im Menschen so nach draußen, dass junge Spieler erst einmal lernen müssen, damit klarzukommen. Deswegen muss das im Verein gut betreut werden. Da muss es Psychologen geben, da muss es eine Abteilung geben, die ein Gespür dafür haben. Die Spieler müssen wissen, da kann ich hingehen, da kann ich mir das erklären lassen, da hab ich meinen Müllplatz des Lebens, wo ich meine Fragen kundtun kann.

Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich selbst von Depressionen und Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in zahlreichen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Lesen Sie auch