Wie es beim BVB so weit kommen konnte

Justin Schroll
·Lesedauer: 5 Min.
Wie es beim BVB so weit kommen konnte
Wie es beim BVB so weit kommen konnte

Borussia Dortmund droht in der kommenden Spielzeit ein Horrorszenario: eine Saison ohne Champions League - und angesichts der fehlenden Einnahmen aus der Königsklasse womöglich ein Ausverkauf seiner Stars.

Die Mannschaft von Trainer Edin Terzic verspielte am Samstag gegen Eintracht Frankfurt die wohl letzte Chance, noch einmal ins Rennen um Platz vier eingreifen zu können. (Tabelle der Bundesliga)

Nach der 1:2-Heimpleite liegt der BVB bereits sieben Punkte hinter den viertplatzierten Hessen – eine gewaltige Hypothek bei nur noch sieben Partien.

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Gemäß eigenem Selbstverständnis gehört der BVB hinter Serienmeister FC Bayern auf Platz zwei, doch in dieser Saison hat nicht nur RB Leipzig den Dortmundern den Rang abgelaufen, sondern auch der VfL Wolfsburg und Frankfurt.

Erstmals seit sechs Jahren könnte der Dauergast in der Champions League auf der großen europäischen Bühne nicht vertreten sein.

Wie konnte es nur so weit kommen? SPORT1 geht auf Ursachenforschung.

Verfehlte Personalpolitik

Völlig zurecht wird der BVB seit Jahren dafür gelobt, immer wieder Toptalente nach Dortmund zu locken. Aktuell sind vor allem Erling Haaland, Jadon Sancho zu nennen. Aber auch Jude Bellingham.

Gepaart mit der Erfahrung von Akteuren wie Mats Hummels, Emre Can oder Marco Reus sollte die Borussia in der Lage sein, oben mitzuspielen. Eigentlich. Aber die Realität sieht anders aus. Das Team besteht aus zu vielen Mitläufern, einzig Tormaschine Haaland sticht derzeit als echter Leader heraus. Doch auch Haaland blieb nach dem Wirbel um seinen Berater Mino Raiola gegen Frankfurt blass.

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Der BVB hinkt in der Liga seinen eigenen hohen Ansprüchen weit hinterher - völlig zurecht, findet kicker-Chefredakteur Carlo Wild, der im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1 ein vernichtendes Urteil über die Kaderzusammenstellung bei den Dortmundern fällte.

"Ich bin mir nicht sicher, dass die sportliche Qualität ausreicht", sagte Wild. "Wenn ich höre, da werden einige Stars gehen, frage ich mich, welche Stars? Haaland. Sancho. Hummels ist in die Jahre gekommen und der Rest darf froh sein, dass sie in Dortmund spielen dürfen."

Auch die Torhüterposition in einer offenkundig überschätzten Mannschaft ist seit geraumer Zeit eine Baustelle. Weder Marwin Hitz noch Roman Bürki genügen höchsten Ansprüchen – mehrere Patzer beider Torleute sprechen eine eindeutige Sprache.

Verletzungen und Formverlust

Mit Sancho, der sich vor seiner Verletzung in bestechender Form befand, und Axel Witsel muss der BVB seit einiger Zeit auf zwei ungemein wichtige Spieler verzichten, die dem Dortmunder Spiel Kreativität und Stabilität verleihen.

Eklatant ist zudem der Formabfall eigentlicher Leistungsträger: Julian Brandt ist nur noch ein Schatten seiner selbst, Reus reicht schon länger nicht mehr an seine Topform heran.

Den vermeintlichen Stars unterlaufen immer wieder gravierende Fehler, unnötige Ballverluste sind an der Tagesordnung, ein geordneter Spielaufbau ist kaum vorhanden und die Abwehr präsentiert sich alles andere als sattelfest.

Fehlende Mentalität

Bereits seit Jahren wird dem BVB immer wieder fehlende Mentalität nachgesagt. Häufig beschleicht einen das Gefühl, dieses Ensemble hochbegabter Fußballer holt nicht alles aus sich raus und lässt vor allem gegen auf dem Papier deutlich schwächere Teams die nötige Einstellung vermissen.

Erst vor zwei Wochen beim glücklichen Last-Minute-Remis beim Abstiegskandidaten 1. FC Köln platzte Haaland mehrmals der Kragen angesichts der Nicht-Leistung einiger seiner Mitspieler, während sich der Norweger als einer der wenigen gegen die drohende Niederlage stemmte.

"Erling hatte fünf Abschlüsse und macht wieder zwei Tore, trotzdem sieht man seine Enttäuschung heute, weil er den Platz mit drei Punkten verlassen wollte. Dieser Siegeswille zeichnet ihn aus", sagte Terzic nach dem Spiel in Köln über Haalands Ausraster. "Wir sind sehr froh drüber, dass er bei uns ist." (Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Theater um Haaland

Auch die Gerüchte um den 20 Jahre alten Superstar, er könnte Dortmund nach dieser Saison den Rücken kehren, sollte der BVB die Champions League verpassen, waren vor dem Duell mit Frankfurt alles andere als hilfreich.

"Jeder Spieler liest die Zeitung, jeder Spieler interessiert sich dafür", sagte Trainer Achim Beierlorzer im CHECK24 Doppelpass. "Das sind die kleinen Aspekte, die letztendlich so ein Spitzenspiel eventuell auf die Seite von Frankfurt bringen, weil die fokussiert sind."

Fehlende Fans

Dass die Fans in der Coronakrise fehlen, ist nicht gerade hilfreich.

Von 13 Heimspielen in dieser Saison hat Dortmund in der Bundesliga gerade mal sieben gewonnen, vier Partien gingen bereits verloren.

Die fehlenden Anhänger sind für einen Klub wie Dortmund, der wie kaum ein anderer von der Unterstützung der schwarz-gelben Wand lebt, Gift.

Keine Weiterentwicklung nach Trainerwechsel

Im Dezember musste Lucien Favre nach zweieinhalb (durchaus erfolgreichen) Jahren nach einer 1:5-Heimpleite gegen den VfB Stuttgart die Koffer packen.

"Wir sind der Meinung, dass das Erreichen unserer Saisonziele aufgrund der zuletzt negativen Entwicklung in der gegenwärtigen Konstellation stark gefährdet ist und wir deshalb handeln müssen", erklärte damals Sportdirektor Michael Zorc.

Der BVB stand zu diesem Zeitpunkt auf Platz fünf, zwei Punkte hinter Wolfsburg – nun hat Frankfurt als Tabellenvierter sieben Punkte Vorsprung auf die Dortmunder. Rein tabellarisch hat der Trainerwechsel nichts gebracht.

Der CHECK24 Doppelpass am Sonntag ab 11 Uhr im TV auf SPORT1

Favre wurde nachgesagt, er sei zu ruhig, könne die Mannschaft nicht motivieren und ihr ein Siegergen einimpfen. Zudem hatte Favre Teile der Mannschaft verloren.

Zweifel sind aber angebracht, ob Terzic als ehemaliger Assistent von Favre die richtige Wahl als Nachfolger war. Die Mannschaft ist zwar voll des Lobes für den Übungsleiter, doch auch Terzic schafft es nicht dauerhaft, in der Liga den Rückfall in alte Muster abzustellen.

Einzig in den Pokalwettbewerben ist der BVB auf Kurs, doch angesichts der Viertelfinal-Duelle in der Champions League gegen Manchester City ist es realistisch, dass die Show auf der großen europäischen Bühne schon bald für einige Zeit ohne Dortmund stattfinden wird.