Beispielloser Börsenboom: Apple verdoppelte 2019 den Börsenwert, aber was passiert 2020?

Nils JacobsenWirtschaftsjournalist und Techblogger
Yahoo Finanzen
Ikonischer Apfel: Apple ist so wertvoll wie nie (Foto: © Apple Inc.)
Ikonischer Apfel: Apple ist so wertvoll wie nie (Foto: © Apple Inc.)

Es sind Superlative, die selbst für den erfolgsverwöhnten Tech-Giganten aus Cupertino wundersam anmuten: Binnen eines Jahres hat Apple seine Marktkapitalisierung mehr als verdoppelt und dabei mehr als 700 Milliarden Dollar an Wert gewonnen. Allein: Wie lang kann die Endlos-Rally noch weitergehen? 

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, als Tim Cook in den Abgrund seiner bis dahin siebenjährigen Amtszeit zu blicken schien. Erstmals seit 17 Jahren musste der stolze Tech-Pionier aus Cupertino eine Umsatzwarnung aussprechen – und damit eingestehen, dass sich das Management unter Cook krachend verkalkuliert hatte. 

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„Die Bombe der Umsatzwarnung wird für Cook & Co. für Jahre der entscheidende Moment sein“, watschte Analyst Daniel Ives den angeschlagenen Apple-CEO ab. „Es ist Apples schwärzester Moment in der modernen iPhone-Ära“, entwarf der Wedbush-Analyst in einer Research-Note ein fast apokalyptisches Szenario. 

Die Folge: Nach einem schier endlosen Kurssturz war Apple Anfang 2019 auf ein Niveau von 142 Dollar zurückgefallen und hatte binnen drei Monaten enorme 41 Prozent an Wert verloren.

Historische Wertsteigerung: 700 Milliarden Dollar Börsenwert-Zuwachs in einem Jahr

Zwölf Monate später ist klar: Es waren Kaufkurse. Tatsächlich war Anfang 2019, als der Himmel einzustürzen schien, der perfekte Einstiegszeitpunkt in die vielgescholtene Apple-Aktie.

Vorlauf zum Januar 2020: Am vergangenen Freitag schloss der Tech-Pionier aus Cupertino tatsächlich auf einem Allzeithoch bei 319 Dollar. Binnen eines Jahres hatte der iPhone-Hersteller seinen Wert damit mehr als verdoppelt und die Marktkapitalisierung um mehr als 700 Milliarden Dollar gesteigert. Eine größere Wertsteigerung binnen eines Jahres hat es noch nie in der Geschichte der Wall Street gegeben.

Paradoxon: Apple verbucht 2019 bestes Börsenjahr, obwohl die Geschäfte schrumpfen   

Allein: Was war und ist für die historische Wertsteigerung eigentlich verantwortlich? Die Antwort ist so verblüffend wie die Mega-Rallye selbst: Nicht durch ein neues Kultprodukt oder eine Großübernahme kam Apples bestes Börsenjahr in der vergangenen Dekade zustande, sondern tatsächlich durch Negativwachstum.

Ganz recht: Erstmals seit 17 Jahren schrumpfte Apple 2019 wieder beim Umsatz und Gewinn – die Erlöse gaben um 5,4 Milliarden Dollar nach, während die Profite um 4,3 Milliarden Dollar zurückgingen. Und trotzdem haussiert die Apple-Aktie, als gäbe es kein Morgen? Die Erklärung dafür erinnert an bestes shakespearsches Drama in drei Akten: Zunächst drohte der Weltuntergang aus, der dann ausfiel, neue Fantasie wurde entfacht, die dann schließlich in neuer Euphorie gipfelte.

Apples Gipfelsturm: Angst schlägt in Euphorie um

Über weite Strecken des ersten Halbjahres profitierte Apple in einem positiven Marktumfeld von der Stabilisierung der Geschäfte, die zwar weiter zurückgingen, jedoch nicht so schlimm wie zunächst erwartet – noch im Juni notierte die Apple-Aktie gerade mal zehn Prozent im Plus. Mit Anbruch des zweiten Halbjahres vollzog sich dann ein bemerkenswerter Stimmungsumschwung: Die Wachstumssorgen schienen mit dem Ausblick auf die neuen iPhones im Frühherbst abgehakt – Käufer begannen sich zu positionieren.

Ab August vergangenen Jahres schaltete die Apple-Aktie dann den in den totalen Rallye-Modus: In gerade einmal fünf Monaten zog der wertvollste Techkonzern der Welt von weniger als 200 auf mehr als 300 Dollar an und könnte die enorme Wertsteigerung von einer halben Billionen Dollar verbuchen.   

Neue iPhones verkaufen sich besser als erwartet

Maßgeblichen Anteil hat daran weiter die Lebensversicherung des Erfolgskonzerns aus Cupertino – das iPhone. Nachdem Apple Käufer mit den hochpreisigen Vorgängermodellen iPhone XS / max noch verschreckt hatte, scheint sich die genauso teure iPhone-11-Serie wieder besser zu verkaufen, wie Indikationen aus der Zulieferkette andeuten. 

Vor allem in China scheint Apple ein furioses Comeback zu feiern. Nach Erhebungen des Finanzinformationsdienstes CNBC dürfte der iKonzern allein im Dezember 18 Prozent mehr Einheiten seines Kultsmartphones im Reich der Mitte verkauft haben.    

Superhit AirPods: 2020 bereits Absatz von 90 Millionen Einheiten?

Für zusätzliche Furore sorgt unterdessen ein neues Produkt, das zunächst für kaum mehr als Spott sorgte: die Drahtlos-Kopfhörer AirPods. Was wollte der Tech-Pionier, der zwei Jahre zuvor erst den Kopfhörerhersteller Beats übernommen hatte, nun noch mit einem eigenen Produkt in einem bereits überlaufenen Marktsegment?

Die Antwort war schon bald klar: mit einem neuen Kassenschlager Milliarden Dollar einfahren. Nach nur zwei Jahren setzte Apple bereits mehr als 30 Millionen Einheiten AirPods ab – 2019 sollen gar über 60 Millionen AirPods über die Ladentische gegangen sein. Nach Einschätzung des nun wieder äußerst optimistischen Wedbush-Analysten Dan Ives könnte Apple 2020 gar bis zu 90 Millionen seiner Drahtlos-Kopfhörer absetzen und damit bereits zweistellige Milliardenerlöse erzielen.   


Traumstart in 2020

Der immer größere Optimismus hat seinen Niederschlag in immer höheren Kurszielen von an der Wall Street – Morgan Stanley gab vergangene Woche die Zielmarke von 368 Dollar aus – und entsprechend in Apples steigender Bewertung gefunden. In den gerade mal zwei Wochen seit Jahresbeginn hat der 43 Jahre alte Techpionier aus Cupertino schon wieder knapp 9 Prozent an Wert gewonnen.

Bei 319 Dollar wird Apple nunmehr mit einem historisch hohen Kursgewinn-Verhältnis (KGV) von 27 und einer enormen Marktkapitalisierung von 1,4 Billionen Dollar bewertet. (Nach dem Börsengang des saudischen Ölmultis Saudi Aramco im vergangenen Dezember ist Apple dennoch nun “nur” noch das zweitwertvollste Unternehmen der Welt.)

Apple-Bulle James Cramer wird skeptisch

Viel Fantasie für ein starkes Geschäftsjahr – inklusive des Launchs der 5G-fähigen iPhones – scheint aktuell also bereits eingepreist. Selbst der omnipräsente CNBC-Marktkommentator James Cramer, der die Aktie seit über einem Jahrzehnt empfiehlt, äußerte sich nach dem jüngsten Höhenrausch verhaltener.


”Ich würde Apple aktuell nicht kaufen” erklärte der frühere Hedgefondsmanager vorvergangene Woche bei Kursen um 310 Dollar. Seitdem haben die Anteilsscheine weitere drei Prozent an Wert gewonnen, doch ein echter Härtetest steht unmittelbar bevor. In der kommenden Woche legt Apple seine neuste Quartalsbilanz für das abgelaufene Weihnachtsgeschäft vor, die mutmaßlich die Märkte bewegen dürfte...

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