180.000 Menschen unterzeichnen Petition für "Durchschnittsabitur"

Johannes GieslerFreier Autor
Yahoo Nachrichten Deutschland

Zentralabitur, Wahlabitur, Durchschnittsabitur, kein Abitur: Die Coronavirus-Pandemie stellt die Kulturministerien der Bundesländer vor eine große Herausforderung. Den Druck erhöht derweil zusätzlich eine Petition, die mittlerweile 180.000 Menschen unterzeichnet haben, die sich für ein Durchschnittsabitur und gegen Abschlussprüfungen einsetzt.

So nah dürften Schülerinnen und Schüler im Falle einer baldigen Abiturprüfung nicht nebeneinander sitzen. Foto: Symbolbild / gettyimages / kali9
So nah dürften Schülerinnen und Schüler im Falle einer baldigen Abiturprüfung nicht nebeneinander sitzen. Foto: Symbolbild / gettyimages / kali9

Abi 2020 Umdenken: So heißt die Petition zweier Hamburger Schüler, die sich derzeit für das sogenannte „Durchschnittsabitur“ stark macht. Auf der zugehörigen change.org-Seite steht: „Schwierige Zeiten erfordern moderne Problemlösungen“. Die beiden Abiturienten Paul Gringel und Filippa Steffens schlagen deshalb modernerweise vor, dieses Jahr aufgrund der Coronavirus-Pandemie die Abitur-Klausuren ausfallen zu lassen.

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Stattdessen erhält jede Schülerin und jeder Schüler deutschlandweit ein Durchschnittsabitur. Das berechnet sich aus den bereits erbrachten Leistungen im Abitur-relevanten Zeitraum: Für das Bundesland Hamburg würde das bedeuten, dass der Durchschnitt aus den vergangenen beiden Jahren – das sind zwischen 32 und 40 Noten – als Abiturnote gilt. Das war’s. Keine Prüfung. Außer, eine Schülerin oder ein Schüler wünscht, die Note zu verbessern. Dann schlagen die beiden Petitions-Initiatoren eine mündliche Prüfung in einem der vier bereits gewählten Prüfungsfächer, etwa per Online-Videocall, vor.

Gründe gegen das Abitur: gesundheitlich, psychologisch, gesellschaftlich

Als Gründe, das Abitur abzusagen, nennen Gringel und Steffens gleich drei: Sie finden es, erstens, unverantwortlich, mehrere Leute mit Bus und Bahn anreisen zu lassen, sie für „fünf Stunden in einen Raum zu packen“ und gleichzeitig zu hoffen, dass sich das Coronavirus nicht weiter ausbreitet.

Zweitens, schreiben sie, hätten viele Schülerinnen und Schüler momentan einfach Angst: „Unsere Familien geraten in Existenznot und wir sind mit unseren Prüfungsvorbereitungen mittendrin. Nichts ist wie zuvor.“

Drittens seien sie gerade auch einfach mit wichtigeren Aufgaben betraut: „Viele von uns leisten gerade zuhause einen Beitrag. Wir beschäftigen kleinere Geschwister, facetimen mit den Großeltern, gehen einkaufen, organisieren Dinge und unterstützen unsere Eltern und Nachbarschaften.“

Die Petition gilt mittlerweile für sämtliche Schulabschlüsse

Unterzeichnet haben die Online-Petition in der vergangenen Woche knapp 118.000 Menschen, ein Großteil kam dabei erst in den vergangenen drei Tagen dazu. Der diesjährige Abitursjahrgang umfasst rund 350.000 Schülerinnen und Schüler. Ihr Vorschlag könne aber auch, so schreiben es Steffens und Gringel auf der Petitions-Seite in einem Update, auch für den „Ersten allgemeinbildenden Schulabschluss“ und den „Mittleren Schulabschluss“ angewendet werden. Sie kämpfen deshalb mittlerweile dafür, dass überhaupt keine Abschlussprüfungen dieses Jahr stattfinden.

Einen Dämpfer bekam die Petition am Mittwoch, als die Kultusministerien der Bundesländer entschieden haben, sämtliche Prüfungen trotz Coronavirus-Pandemie durchzuführen. In dem Beschluss heißt es:

„Zum heutigen Zeitpunkt stellen die Länder fest, dass eine Absage von Prüfungen nicht notwendig ist. Die Prüfungen, insbesondere die schriftlichen Abiturprüfungen, finden zum geplanten, beziehungsweise zu einem Nachholtermin bis Ende des Schuljahres statt. Soweit dies aus Infektionsschutzgründen zulässig ist.“

Über das weitere Vorgehen würden sich die Bundesländer eng in der Kultusministerkonferenz abstimmen. Die Entscheidung sei zudem einstimmig gefallen, obwohl das Bundesland Schleswig-Holstein kurz zuvor noch verlauten ließ, alle Prüfungen dieses Jahr abzusagen.

Kompromiss: kein Zentralabitur?

Auf die Entscheidung folgten gemischte Reaktionen. Einerseits zeigt sich laut news4techers die „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ skeptisch. Sie kritisiert, dass die Regelung nicht die Gesundheit der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler schütze. Der „Verband Bildung und Erziehung“ ist über die Geschlossenheit der Bundesländer froh, denn es müsse zwingend gewährleistet sein, dass kein A-, B- oder C-Abitur geschaffen werde.

Genau diese Geschlossenheit kritisiert wiederum die „Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen“, sie fordert angesichts des Unterrichtsausfalls, dass alle Schülerinnen und Schüler die Wahl haben müssten zwischen Prüfungen und dem Durchschnittsabitur. Zudem stellen sie das Zentralabitur zur Diskussion – stattdessen sollten Lehrerinnen und Lehrer individuell über die Prüfungsaufgaben für ihre Jahrgänge entscheiden.

Kommt die Einsicht doch noch?

Zur gleichen Zeit, das gehört auch ins Bild, wird in Hessen und Rheinland-Pfalz das Abitur bereits geschrieben – was eine bundesweite Absage mittlerweile unmöglich macht. Dazu sagt Paul Gringel, der mit seiner Petition die aktuelle Diskussion erst angestoßen hat, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

„Was da passiert, ist absurd. Ich höre, dass Lehrer mit Mundschutz Aufsicht führen. Jetzt kam sogar die Meldung, dass in Hessen an einer Schule sieben Abiturienten die Prüfung unterbrechen mussten, weil eine Schülerin wohl typische Symptome hatte. Das ist keine Prüfungssituation, die man jemandem zumuten will.“

Deshalb wolle er auch nicht aufgeben und stehe weiter hinter seiner Petition. Den Beschluss der Kultusministerien kann er zudem nicht nachvollziehen. Wieder einmal sei nicht auf sie, hunderttausende Schüler und Schülerinnen aus ganz Deutschland, gehört worden: „Dabei sagt sogar der Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt: Zur Not geht auch ein Abitur ohne Prüfung. Ich hoffe, dass diese Einsicht doch noch irgendwann bei den Kultusministern ankommt.“

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