Besser ohne Superstar - wie Boston die NBA auf den Kopf stellt

Raphael Weber
Sport1

Beste Bilanz der Liga, acht Siege in Serie - die Boston Celtics sind das heißeste Team der NBA.


Jene Celtics, die nach den Abgängen von Superstar Kyrie Irving und Al Horford als einer der Verlierer des Sommers galten. Die es über Jahre nicht geschafft hatten, trotz prall gefüllter (Draftpick-)Schatztruhe die erhofften Topstars zu holen. Die vor der Saison klar hinter den Milwaukee Bucks und Philadelphia 76ers maximal noch als dritte Kraft im Osten gesehen wurden. Wenn überhaupt. (DATENCENTER: Tabellen der NBA)

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Doch gerade die - speziell im Fall von Irving - nicht eben geräuschlosen Personalwechsel im Sommer sind nun, so zeigt sich, ein Schlüssel zum Erfolg. Denn ohne den eigenwilligen Point Guard und dessen Ego besinnt sich Boston wieder auf das Erfolgsgeheimnis vergangener Tage: Teamplay statt Hero-Ball und eine Mannschaft, in die sich Stars harmonisch einfügen, statt auf die eigenen Ansprüche zu pochen.

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Walker passt besser als Irving

Abgesehen von der Stimmung im Team, die nicht nur Berichten zufolge um Welten besser ist als vergangene Saison, sprechen auch die Zahlen eine eindeutige Sprache.

Nach drei gespielten Wochen weisen die Celtics das höchste Net-Rating auf, besiegen ihre Gegner im Schnitt mit 9,4 Punkten Unterschied, und stehen als einziges Team der Liga unter den Top 5 beim Offensiv-Rating (Platz 4) und Defensiv-Rating (Platz 5) - solche Statistiken beschreiben Meisterschafts-Favoriten. Kein Team leistet sich zudem weniger Ballverluste.

Natürlich ist die Saison noch jung, doch auch individuell zeigt sich aktuell in Boston, dass das Team ohne den balldominanten Irving sowie den ebenfalls zuletzt schwierigen Terry Rozier (jetzt Charlotte Hornets) besser aufgestellt ist.


Top-Neuzugang Kemba Walker "ersetzt" Irving herausragend und tritt den Beweis für die Offseason-Vermutung an, dass er als Spielertyp und auch charakterlich deutlich besser ins Team passt. Mit 25 Punkten pro Spiel ist er sogar besser als Irving (23,8 letztes Jahr), fügt sich aber viel geräuschloser in die Mannschaft ein. Zudem ist er aktuell der beste Dreierschütze der Liga (4,2 Treffer pro Spiel).

Tatum, Brown und Hayward blühen auf

Auch Jayson Tatum wirkt ohne Irving befreit, legt im Schnitt 19,4 Punkte auf (so viele wie noch nie) und scheint noch einmal einen Sprung zu machen - wie auch Jaylen Brown (19,8 Punkte im Schnitt - 6,8 mehr als letztes Jahr), der wohl am meisten unter der kleineren Rolle neben Irving und Rozier gelitten hatte.

Mit Gordon Hayward zündete zwei Jahre nach seiner Horrorverletzung auch der Topverdiener der Kelten endlich (19 Punkte, 7 Rebounds, 4 Assists) - bis er sich die Hand brach. Er wird rund sechs Wochen fehlen, die Last in Boston ist aber schon jetzt auf viele Schultern verteilt.

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Celtics als Gegenentwurf zur Superstar-Jagd

Nach dem missglückten Experiment mit Irving tun die Celtics nun gut daran, gegen den Trend der NBA zu operieren. (DATENCENTER: Ergebnisse und Spielplan NBA)

Statt wie die Lakers, Rockets oder eben auch Nets auf die Jagd nach weiteren Superstars aus dem obersten Regalfach zu gehen, setzt Boston nun auf passende Topspieler (Walker) und die Entwicklung der eigenen Talente (Brown, Tatum, Smart).

Es ist ein Weg, der einst auch die Golden State Warriors groß gemacht hat, wo Steph Curry, Klay Thompson und Draymond Green selbst gedraftet und groß gemacht wurden, bevor erst spät mit Kevin Durant oder DeMarcus Cousins diese Philosophie über den Haufen geworfen wurde.

Theis und BBL-Stars mittendrin

Ein weiterer Schlüssel im aktuell so gut funktionierenden System der Celtics sind alte Bekannte aus der BBL - zuvorderst Center Daniel Theis, der nach Horfords Abgang sogar Starter ist und zuletzt gegen die Mavs mit +27 den beste Plus/Minus-Wert aller Spieler auf dem Parkett hatte.

Auch der Ex-Ulmer Javonte Green (dürfte nach Haywards Verletzung nun mehr Chancen bekommen) und Ex-Bamberger Bradley Wanamaker (10 Punkte, 4 Rebounds, 2 Assists gegen Dallas) spielen wichtige Rollen.

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Teamchemie wie zu besten Zeiten der Schlüssel

Der Schlüssel zum Erfolg wird jedoch sowohl diese Saison als auch in Zukunft die Teamchemie sein, das haben die Irving-Jahre gezeigt. Schon im Draft fiel auf, dass Boston-Boss Danny Ainge mit Grant Williams, Carsen Edwards oder Romeo Langfort echte "Team Guys" nach Beantown holte.

Wie die Vergangenheit zeigt, war Boston immer dann am besten, wenn tatsächlich ein Team auf dem Feld stand. Ob in den 80er Jahren mit Larry Bird und Kevin McHale oder ab 2008 mit der Big Three Kevin Garnett, Paul Pierce und Ray Allen - mit Superstars, die ihr Ego unterordnen konnten, war immer viel möglich. Auch beim tiefen Playoff-Run 2017 war es - ohne den verletzten Irving - das Kollektiv mit den jungen Shootingstars Tatum, Brown und Rozier, das Boston bis in die Conference Finals führte.

Aktuell sind die Celtics wieder auf einem guten Weg.

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