Best-of-Bundesliga: Wasserbomben auf Mario Basler

Ben Redelings
·Lesedauer: 3 Min.

Die Liga boomt. Kamen in der Saison 1988/89 nur durchschnittlich 17.631 Zuschauer in die Stadien, sind es in der Spielzeit 1995/96 bereits über 30.000 Besucher pro Partie. Das Fernsehen lässt die Bundesliga bunt, fröhlich und populär erscheinen – und profitiert von der gestiegenen Aufmerksamkeit selbst in nicht unerheblichem Maße.

Attraktive Geschichten, wie beispielsweise die Tätigkeit der Trainer-Ikone Otto Rehhagel im Scheinwerferlicht der Medien-Metropole München, sind zudem das Salz in der Suppe. Dass das Abenteuer des ehemaligen Werder-Coachs an der Isar so schnell vorbei ist, deutet sich spätestens Mitte Februar an.

Malermeister Rehhagel

Als enttarnt wird, dass an seinem Klingelschild in der Schwabinger "Casa Schellissima" nicht Rehhagel, sondern "Rubens" steht, titeln die Boulevardblätter spöttisch: "Vom Malermeister zum Meistermaler". Natürlich lesen auch die Bayern-Profis hier und da Zeitung und nennen ihren Übungsleiter ab sofort nur noch "Rubens".

Tippkönig der Königsklasse gesucht! Jetzt zum SPORT1 Tippspiel anmelden

Und als bei seiner letzten Pressekonferenz in München der scheidende Bayern-Trainer meint, er beantworte ab sofort nur noch Fachfragen, reagiert ein Journalist schnell und fragt spitzbübisch: "Herr Rehhagel, ich ziehe bald um. Wie viel Farbe brauche ich für ca. 70 Quadratmeter?" Touché. Entnervt und resigniert muss Rehhagel kurz darauf seinen Hut nehmen.

TV-Komiker Harald Schmidt lästert in seiner Sendung zudem über den gelernten Anstreicher und Lackierer Rehhagel: "Eines Tages sagt Uli Hoeneß: 'Otto, das Training macht jetzt der Augenthaler. Du kannst schon mal die Wand streichen.'".

Mario Basler und das Laster des Rauchens

Nur einer behält in dieser Spielzeit konstant die Nerven: Bremens Mario Basler nimmt die Wasserbomben, die sie auf ihn in München schmeißen, gelassen hin: "Solange die Leute nicht mit Leuchtraketen auf mich schießen oder mit Flaschen schmeißen, ist es mir egal." Und zu den Schmähungen, die er sich 90 Minuten anhören durfte, sagt er ebenso ungerührt: "Die Leute zahlen Eintritt, da dürfen sie alles sagen."

Wer so freiheitlich denkt, nimmt das Recht auf freie Entfaltung natürlich auch für sich selbst in Anspruch. Als er im September verletzt pausieren muss, spielen seine Mannschaftskameraden im Europapokal gegen Glenavon Belfast – während Basler selbst im TV-Studio von Thomas Koschwitz’ Sendung "RTL Late Night Show" sitzt und genüsslich an einer Zigarette zieht. Dann lehnt er sich entspannt zurück und trinkt einen Schluck aus seinem Kölsch-Glas. Die Werder-Offiziellen reagieren beim Betrachten der Bilder nicht ganz so entspannt.

Jahre später hat der heutige SPORT1-Experte Basler im CHECK24Doppelpass übrigens noch einmal die Diskussion über den rauchenden Fußballprofi angefacht: "Heute darfst du ja keine Zigarette mehr rauchen. Das ist ja das Schlimmste, was es gibt. Es rauchen trotzdem noch ein paar Spieler."

Damals zu Baslers Zeiten standen aber auch nicht alle Profis offen zu ihrer Sucht, wie sich Basler erinnerte: "Wir saßen im Wasserbecken und haben mit acht Mann geraucht, da kam der Trainer um die Ecke – auf einmal waren sieben Kippen im Warmwasserbecken und ich habe halt weitergeraucht."

DAZN gratis testen und die Bundesliga live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Übrigens: Bundestrainer Berti Vogts fand das Laster Baslers auch nicht so prickelnd und machte sich einmal vor versammelter Presse über den damaligen Bayern-Profi lustig. Als sich dieser verspätete und noch nicht zu einem Länderspiel in Südafrika eingetroffen war, meinte der DFB-Trainer süffisant: "Der ist noch nicht hier. Der Flug nach Kapstadt war ein Nichtraucherflug. Da konnte er nicht."

Die hochmodernen Mönchengladbacher

Eine kleine Randnotiz dieser Spielzeit von großer Tragweite – die damals natürlich noch niemand im vollem Umfang erahnen konnte - zum Schluss: Borussia Mönchengladbach ist der erste deutsche Verein, der im "Computernetz Internet" vertreten ist.

Manager Rolf Rüssmann ist total begeistert von der eigenen Homepage und der Möglichkeit, bis zu 40 Mio. Menschen, "zum Beispiel Fußballinteressierte, die nicht zu uns ins Stadion kommen" (Marketingleiter Thomas Röttgermann), per Modem auf der ganzen Welt zu erreichen.

Fazit: Die Zukunft hat im Jahre 1996 die Bundesliga bereits erreicht – und eines der Lieblingsspielzeuge der Kinder, die prall gefüllte Wasserbombe, stirbt einfach nicht aus!