Missbrauchsskandal, Kirchenaustritte und Zweifel am eigenen Glauben: Braucht es die Kirche noch? Bischof Franz-Josef Bode gibt im Podcast „Die soziale Frage“ Antworten

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Bischof Franz-Josef Bode, 70 Jahre, ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Bischof Franz-Josef Bode, 70 Jahre, ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Missbrauchsskandale, fraglicher Umgang mit den Missbrauchsopfern, fehlende Aufklärung in den eigenen Reihen und wenig Reformen im Kirchensystem: Für viele Menschen hat die katholische Kirche damit in der Vergangenheit ihr Vertrauen verspielt. Fast eine Million Mitglieder sind in den letzten drei Jahren ausgetreten, darunter auch viele junge Menschen.

„Bei uns gehen im Moment hundert Menschen pro Woche aus der Kirche raus und zwar im besten Alter", sagt Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode, stellvertretender Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, im Business-Insider-Podcast "Die soziale Frage". Das seien keine Menschen, die am Rand der Kirche stünden, sondern aus der Mitte der Kirche zum Teil, so der zweithöchste Katholik in Deutschland. Viele gingen aus Protest gegenüber Skandalen, die in den letzten Jahren hochgekommen seien.

Dabei fürchtet Bischof Bode vor allem eines: „Die Austritte haben eine gewisse Sogwirkung auf andere Kirchenmitglieder. Keiner will auf einem 'untergehenden Schiff' sein", so Bode. Im Raum steht damit auch die Frage: Brauchen wir die Kirche noch?

Bischof Bode sieht den Nutzen der Kirche in der Gemeinschaft

Bischof Bode sieht die Bedeutung der Kirche dabei vor allem in der Gemeinschaft, die sie für ihre Mitglieder bereitstellt: „Der Glaube ist an eine Gemeinschaft gebunden, die die christlichen Inhalte auch trägt und diese immer wieder weitergibt. Ohne die Gemeinschaft aber verdunstet der Glauben auch ein Stück, weil er nicht immer wieder besprochen wird", sagt der Kirchenmann, der mit nur 40 Jahren zum Bischof geweiht wurde.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Jeder Austritt kostet die Kirche Geld. Der Kirchensteuersatz beträgt derzeit in Bayern und Baden-Württemberg acht Prozent, in den anderen Bundesländern sind es sogar neun Prozent der Lohn- und Einkommensteuer. Allein im Bistum Osnabrück werden davon über 20.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in karitativen Einrichtungen, Schulen oder in der Seelsorge bezahlt. Einrichtungen, die dem Staat unheimlich fehlen würden, wenn sie wegfallen würden, so Bode.

Die Gespräche zu sexuellem Missbrauch bringen Bischof Bode an den Rand seines Glaubens

Zeitgleich räumt der hochrangige Kirchenvertreter ein, dass die Kirchen Reformen braucht, vor allem bei der Aufklärung zum Thema Missbrauch.

Im Podcast „Die soziale Frage" gibt er unumwunden zu: „Diese Erfahrungen der sexuellen Gewalt und vor allen Dingen die Gespräche mit Betroffenen und Opfern, die ich ja nun als Bischof in den letzten Jahren vielfach erlebt habe, die haben mich schon an den Rand des Glaubens gebracht", sagte er. Er habe sich gefragt, wie die Kirche je wieder Vertrauen aufbauen könne? Wie sie je wieder glaubwürdig werden könne? „Alle Anstrengungen, die ich nun 30 Jahre als Bischof gemacht habe, sind mit einem Schlag zunichte", so Bode, in dessen Amtszeit selbst Missbrauchsfälle eines Pfarrers im Bistum Osnabrück aufkamen. Die Kirche hätte keine andere Möglichkeit, als nach vorne hin konsequent aufzuarbeiten.

Im Herbst 2018 hatte die katholische Kirche zu den Missbrauchsfällen selbst die MGH-Studie an unabhängige Forschungsinstitute in Auftrag geben lassen. Sie untersuchte mitunter, wie häufig es zu sexuellen Missbrauchshandlungen an Minderjährigen in der katholischen Kirche kam und wie damit umgegangen wurde. Demnach sind bundesweit in den Personalakten von 1946 bis 2014 fast 1700 Kleriker wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt worden. Es gab rund 3700 Opfer. 2020 machten die Ordensgemeinschaften außerdem öffentlich, dass sich bei ihnen weitere 1.412 Betroffene gemeldet haben.

Als Reaktion auf die Studien-Ergebnisse hatte Deutsche Bischofskonferenz im März 2019 einen „Synodalen Weg" für die katholische Kirche in Deutschland beschlossen. Damit soll in Zukunft der Missbrauchsskandal aufgearbeitet werden, aber auch die Lebensform der Bischöfe und Priester, die Sexualmoral der Kirche und die weibliche Besetzung von Diensten und Ämtern der Kirche überdacht werden. „Bei dem, was ich persönlich erlebt habe, möchte ich diese Veränderungen mit gestalten können“, sagt auch Bode. Der Osnabrücker Bischof hat zur Aufklärung von Missbrauchsfällen unter anderem mit dem Erzbistum Hamburg und dem Bistum Hildesheim bereits eine gemeinsame Kommission eingesetzt und zusätzlich externe Fachleute beauftragt. Im Zuge der Aufarbeitung sollen alle Archive und Akten uneingeschränkt zur Einsicht freigegeben werden.

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Weiterführende Artikel zur Folge:

Über den Podcast

Bin ich ein Ossi? Was macht der Klimawandel mit mir? Brauchen wir die Kirche noch? Im Politik-Podcast „Die soziale Frage“ spricht BI-Journalistin Joana Lehner jede Woche über die spannendsten politischen Fragen ihrer Generation. Eine Folge, eine Frage.

Dabei sucht die 29-Jährige bei Menschen nach Antworten, die sich mit den Themen besser auskennen als sie selbst. Sie will tiefer gehen und verstehen, was diese wirklich denken und fühlen. Unterschätzt eine Influencerin ihre Verantwortung? Schämt sich ein Bischof Katholik zu sein? Ist sie selbst rassistisch?

Dafür trifft Joana Lehner unter anderem den katholischen Bischof Bode, die Influencerin Louisa Dellert und den Klima-Aktivisten Jakob Blasel, der in den Bundestag einziehen will.

Die siebte Folge ist ab dem 16. September abrufbar. Ihr findet sie auf Spotify, Apple Podcasts und Deezer. Jede Woche erscheint eine neue Episode. Gefällt euch der Podcast, freuen wir uns natürlich über euer Abonnement oder eure Bewertung.

Über die Moderatorin:

Joana Lehner ist seit 2019 Journalistenschülerin an der Free Tech Academy, ihre Stammredaktion ist Business Insider. Sie hat Germanistik/BWL in Mannheim und Istanbul studiert. Zuvor hat sie unter anderem für „Spiegel TV“, „Die Süddeutsche Zeitung“ in Starnberg und den rbb-Radiosender „RadioEins“ berichtet. Ihre journalistische Karriere begann sie beim „Radio Blau“, einem Lokalradio in Leipzig.

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