Die Blind-Entlassung: Nicht nur der Trainer trägt Schuld

Der Ex-Ajax-Spieler hinterlässt das Team in einer desaströsen Situation. Die Qualifikation für die WM ist in Gefahr, schuld ist auch der Verband.

"Der KNVB hat sich dazu entschieden, Chef-Trainer Danny Blind mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben freizustellen", hieß es am Sonntagabend in der Pressemitteilung des holländischen Verbands. Die 18-monatige Amtszeit von Bondscoach Blind war damit zu Ende.

Weniger als 24 Stunden nach der bitteren 0:2-Niederlage gegen Bulgarien, welche eine Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland in weite Ferne rücken lässt, hat der Verband also die Konsequenzen gezogen. Allerdings zu spät.

"Wir haben nach dem schweren Rückschlag im vergangenen Jahr in letzter Zeit einen Aufwärtstrend gesehen", ließ Jean-Paul Decossaux, Sportdirektor des KNVB, verlauten. "Wir waren sehr erfreut, hatten jedoch das Gefühl, dass es so nicht weitergehen konnte", führte er fort.

Worüber genau der Verband erfreut war, lässt sich schwer sagen. Blind verlässt die Elftal mit einer Bilanz von sieben Siegen, drei Unentschieden und sieben Niederlagen. Lediglich drei Pflichtspiele konnte Oranje unter ihm gewinnen. Die umstrittene Entscheidung, den 17-Jährigen Innenverteidiger Matthijs De Ligt gegen Bulgarien in der wackeligen Defensive debütieren zu lassen, war wohl der letzte Nagel im Sarg des 54-Jährigen. Es waren seine fragwürdigen Entscheidungen, seine fehlende Erfahrung und seine kaum erkennbare Taktik, welche ihm im Nachhinein den Job kosteten.

Blinds Beförderung vom Assistenten zum Chef-Coach zeichnete sich bereits ab, bevor sie überhaupt verkündet wurde. Nach der WM 2014 verpflichtete der niederländische Verband Guus Hiddink als Ersatz für Louis van Gaal. Der frühere Chelsea-Trainer verpasste mit dem Team die Qualifikation für die Europameisterschaft 2016. Wohl inspiriert von der Erfolgsgeschichte des DFB, welcher 2006 den damaligen Co-Trainer Joachim Löw zum Nachfolger Jürgen Klinsmanns beförderte, sollte Blind den Cheftrainerposten übernehmen und die Elftal zur WM 2018 führen.

Für den Generationenwechsel, welcher nach der Amtszeit von Louis van Gaal eingeleitet werden sollte, war ursprünglich Ronald Koeman vorgesehen. Er sollte die erfolgreiche, konterbasierte, 3-5-2-Ausrichtung seines Vorgängers fortführen, ließ seinerzeit bei Feyenoord ein ähnliches System spielen. Der heutige Trainer des FC Everton lehnte den Job als Assistenztrainer von Hiddink jedoch ab. So verpflichtete der KNVB Danny Blind.

Gegenwind vom ersten Tag

Es war von Anfang an eine unpopuläre Entscheidung. Bereits Hiddink, der einen komplett anderen Stil als van Gaal bevorzugte, versagte bei der Qualifikation zur Europameisterschaft. Die Tatsache, dass sein Nachfolger nur ein einziges, erfolgloses Trainer-Jahr als Erfahrung vorzuweisen hatte, sorgte in der Folge für viel Kritik.

Der Verband war dennoch davon überzeugt. Weg von van Gaals Konterfußball, mit welchem er Oranje immerhin zur Bronzemedaille in Brasilien führte, hin zur ballbesitzlastigen, attraktiven Spielweise, welche den holländischen Fußball über Jahre hinweg geprägt hatte. Zu sehen war höchstens eine Karikatur davon.

Nach einer Misserfolgsserie war die Zeit Hiddinks bereits während der EM-Qualifikation beendet. Dem Team fehlte es an Struktur, Durchschlagskraft und defensiver Organisation. Blind übernahm eine hoffnungslose Mannschaft und wurde in erster Linie dafür geschätzt, eine derart schwierige Aufgabe überhaupt übernommen zu haben. Trotz der starken Leistungen von Georginio Wijnaldum in der Premier League, Kevin Strootmans Aufschwung bei der Roma und des Laufes von Bas Dost in Lissabon wurden die Leistungen der Elftal nicht besser.

Arjen Robben und Wesley Sneijder sind die letzten Verbliebenen der vergangenen Generation, die neue brauchte jedoch einen führungsstarken Trainer. Jemanden, der die Mannschaft zusammenschweißt, um eine langfristige Entwicklung zu gewährleisten. Die Tatsache, dass kaum ein Land auf einen derart großen Pool an hochtalentierten, jungen Spielern zurückgreifen kann, dürfte optimistisch stimmen. Hiddink und Blind vermochten es nicht, das auszunutzen.

Blick nach vorne

Ex-Ajax-Star Blind übernahm eine kaputte Mannschaft und hinterlässt eine solche. Der Rückstand auf Frankreich in der Qualifikationsgruppe A beträgt aktuell sechs Punkte, auf Schweden deren drei und auf Bulgarien zwei. Kaum vorstellbar, dass diese Situation noch irgendwie zu retten ist.

Koeman war eine von nur wenigen Optionen als Ersatz von Louis van Gaal, aktuell ist die Auswahl sogar noch geringer. Nach den zuletzt schlechten Entscheidungen schwindet zudem die Zuversicht beim KNVB, eine bessere Wahl zu treffen.

Dem Team fehlt es seit Langem an Struktur und taktischen Vorgaben, das Talent ist jedoch mit Spielern wie Wijnaldum, Strootman, Depay, Karsdorp oder Promes zweifellos vorhanden. Nun ist der Verband in der Pflicht, endlich einen durchdachten Langzeitplan auszuarbeiten. Gelingt dies nicht, wird die aktuelle Generation als eine verlorene in Erinnerung bleiben.

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