Boxen: Kommentar: Danke, Wladimir - aber die Zeit ist reif

Wladimir Klitschko hat das Duell der Generationen gegen Anthony Joshua verloren . Dennoch lieferte der Ukrainer in London eine Leistung ab, die seinem Status als Legende des Sports mehr als würdig war. Es war trotz der Niederlage sein bester Kampf seit langem und Werbung für das Boxen . Dabei sollte er es aber auch belassen. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Jan Höfling.

Wladimir Klitschko hat das Duell der Generationen gegen Anthony Joshua verloren. Dennoch lieferte der Ukrainer in London eine Leistung ab, die seinem Status als Legende des Sports mehr als würdig war. Es war trotz der Niederlage sein bester Kampf seit langem und Werbung für das Boxen. Dabei sollte er es aber auch belassen. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Jan Höfling.

Das, was Klitschko im Wembley gezeigt hat, zeugte von der Klasse eines wahren Champions. Im Alter von 41 Jahren gegen einen deutlich jüngeren Power-Puncher so aufzutreten, wie es der Ukrainer getan hat, sollte selbst größten Kritikern Respekt abverlangen. Es war ein Fight, der einer Legende des Sports würdig war.

Die Intensität, Dramatik und aus Sicht Klitschkos ebenso das fehlende Happy End ließen den Kampf zu einem Klassiker werden, der in die Geschichte des Boxens eingehen wird. Ein solch nervenaufreibendes und hochklassiges Duell hatte das Schwergewicht lange nicht zu bieten. Möglich wurde es auch durch Klitschko. Der Auftritt des Ukrainers war ein gelungenes letztes Kapitel einer großen Karriere.

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Denn genau das sollte die Niederlage gegen Joshua auch sein: Klitschkos finale Schlacht zwischen den Seilen, die Dr. Steelhammer noch immer die Welt bedeuten.

Die passende Antwort

Viele hatten im Vorfeld an ihm gezweifelt, ihn nach der zugegebenermaßen desaströsen Vorstellung gegen Tyson Fury abgeschrieben. Klitschko sei zu alt, seine boxerischen Fähigkeiten längst verblasst. Außerdem fehle ihm der nötige Hunger, um gegen eine neue Generation bestehen zu können, hieß es.

Der Ex-Weltmeister lieferte jedoch die passende Antwort. Er suchte sich für sein Comeback nach 17 Monaten Pause den gefährlichsten Kontrahenten aus, den er finden konnte. Er ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er den Fury-Fight wieder geraderücken wollte. Auch in der Vorbereitung zog er noch einmal alle Register. Dermaßen austrainiert, agil und aggressiv wie in London hatte man Klitschko lange nicht erlebt. Er war bereit, einmal mehr Geschichte zu schreiben, kämpfte wie ein Löwe - und scheiterte.

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Mit einer Leistung wie gegen Joshua hätte der Ukrainer wohl jeden anderen Gegner im Schwergewicht geschlagen. Selbst der hochgehandelte WBC-Weltmeister Deontay Wilder hätte den Kürzeren gezogen. Von Joseph Parker, seines Zeichens WBO-Champion, ganz zu schweigen. Kaufen kann er sich davon aber nichts. Und das muss er auch nicht. Ein wahrer Champion definiert sich nicht nur über das Gold um seine Hüften. Er hat viel mehr gewonnen als eine dritte Regentschaft.

Er hat noch die nötige Power in seinem Körper, die Genauigkeit und vor allem die Willenskraft, die sogar einen erneuten Anlauf rechtfertigen würde. Dennoch wäre es eine falsche Entscheidung. Er hat großes Herz gezeigt. Das Herz eines wahren Champions. Klitschko sollte aber auch Abtreten wie ein solcher - und das kann er mit der Niederlage gegen Joshua im Hinterkopf mit ruhigem Gewissen.

Gesundheit als größtes Gut

Denn selbst für den Kämpfer in Klitschko gibt es zwangsweise ein Leben danach. Nur er selbst kann entscheiden, wann die Zeit gekommen ist, die Handschuhe an den Nagel zu hängen. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass das Duell Mann gegen Mann ein gefährlicher Sport ist. Immer wieder sorgen Schicksalsschläge wie etwa von Eduard Gutknecht dafür, dass die Boxer daran erinnert werden, dass sie stets ihre Gesundheit und damit das wertvollste im Leben eines jeden Menschen riskieren.

Klitschko hat eine Familie, eine kleine Tochter. Finanzielle Aspekte spielen schon lange keine Rolle mehr. Er hat Verantwortung und sollte deshalb nach 27 Jahren im Ring kein unnötiges Risiko mehr eingehen.

Lässt man den Kampf gegen Joshua vor diesem Hintergrund Revue passieren, schießen vor allem die schweren Kopftreffer, die Klitschko wegstecken musste, vor das geistige Auge. Hätte er nebenbei nicht den Mythos vom Glaskinn entkräftet, es wäre viel früher zu Ende gewesen. Der Abbruch war richtig.

Dass er nach dem Knockdown von Joshua in Runde sechs den Sieg schon in den Händen zu haben schien, ihn dann aber aus der Hand gab, ändert daran nichts. Es fehlte Klitschko erneut der letzte Killerinstinkt, der seinen Bruder Vitali immer auszeichnete. Zusätzlich dürfte ihm klar sein, dass Joshua nicht nur die Gürtel gewonnen hat, sondern vor allem etwas, das noch viel wertvoller war: Erfahrung.

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Sollte es zu einem Rückkampf kommen, es war die einzige Option, die Klitschko neben einem Karriereende bislang zuließ, dann wäre der Ausgang identisch, die Art aber verheerender. Auch die Altersfrage, die er nochmal wegboxen konnte, spielt eine Rolle. Klitschko wird all das hinterfragen. Immer und immer wieder.

Er wird sich die Zeit nehmen, die er braucht, um zu einer Entscheidung zu kommen. Klitschko sollte nach der epischen Schlacht in London aber erkennen, dass er mit erhobenem Haupt den Weg in die Box-Rente antreten kann und dies auch tun. Die Zeit ist reif, seinen Platz unter den Legenden hat er längst sicher.

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