Britische Fernsehjournalistin interviewt leeren Stuhl

Johannes GieslerFreier Autor
Kay Burley, eine Zeitung und ein leerer Stuhl, auf dem ihr Interviewpartner James Cleverly, sitzen sollte. Der ist aber nicht aufgetaucht. Foto: Screenshot / Skynews
Kay Burley, eine Zeitung und ein leerer Stuhl, auf dem ihr Interviewpartner James Cleverly, sitzen sollte. Der ist aber nicht aufgetaucht. Foto: Screenshot / Skynews

Weil ihr Gesprächspartner, der Vorsitzende der Konservativen, nicht zum Interview in ihre Live-Sendung kommt, muss Kay Burley spontan reagieren. Und stellt ihre Fragen einfach dem leer-gebliebenen Stuhl des Gastes.

Wie soll man als Talkshow-Moderatorin einer Live-Aufnahme reagieren, wenn der geladene Gast nicht zum Interview erscheint? Kay Burley, die im britischen Morgenfernsehen bei „Sky News“ ein tägliches Interview-Segment hat, meist mit Politikern und Politikerinnen, hatte eine Idee: Anstatt James Cleverly, Vorsitzender der konservativen Tories, stellte Burley ihre vorbereiteten Fragen dem Stuhl, der aufgrund von Cleverlys Absenz leergeblieben war. Das recht einseitige Interview vom Mittwochmorgen schlug schnell hohe Wellen in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter bekommt die Sky-Moderatorin seither viel Lob, sieht sich aber auch groben Anfeindungen ausgesetzt.

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Brexit, Stalin, Wahlbeeinflussung: keine Themen für einen netten Plausch

In einem kurzen Clip, der auf Twitter vielfach geteilt und geklickt wurde, ist Burley im Zwiegespräch mit dem Stuhl zu sehen. Sie weist darin zuerst mit der Hand in Richtung der Kulisse ihres Studios und sagt: „Auf dem Platz neben mir sollte eigentlich der Vorsitzende der Konservativen und Unionistischen Partei sitzen. Aber wo ist er? In diesem Augenblick befindet er sich vermutlich nur fünf Meter entfernt. In der letzten Pause bin ich ihm über den Weg gelaufen. Da sagte er, er komme heute nicht in unsere Show und werde nicht mit uns sprechen. Obwohl er im Vorfeld zugesichert hatte, zu kommen. Nun, ich wollte ihm eigentlich folgende Fragen stellen.“

Und dann hält Burley die Ausgabe des „Daily Telegraph“ vom Mittwoch in die Kamera, die mit einem Zitat von Boris Johnson, Cleverlys Parteichef, aufmacht. Demnach hatte Johnson jüngst den Oppositionsführer Jeremy Corbyn mit Diktator Josef Stalin verglichen. Auch zum Brexit wollte Burley nachhaken oder zur angeblichen russischen Wahlbeeinflussung. Ein fröhlicher Plausch zu Frühstückszeiten wäre das Gespräch also wohl nicht geworden.

Vollbelegter Zeitplan, ohne Sky News

Zahlreiche Kommentatoren und Kommentatorinnen in den sozialen Netzwerken lobten Burleys Umgang mit der Situation.

Daraufhin meldete sich auch Cleverly zu Wort. Er wollte, nachdem die Aktion große Aufmerksamkeit bekam, den Vorwurf so nicht stehen lassen. Er erklärte, ebenfalls auf Twitter, wieso er sich zu dem Zeitpunkt nur „fünf Meter“ entfernt aufgehalten hat, aber nicht zum Gespräch kommen konnte. Weil er zeitlich interviewt wurde, allerdings von „talkRadio“, das anscheinend aus demselben Haus sendet. Dazu postete Cleverly seine gebuchten Medientermine des Tages, beginnend um 7.10 Uhr mit „Good Morning Britain“, gefolgt von 7.30 Uhr „BBC Breakfast“. Um 8.40 Uhr steht da TalkRadio. Nicht auf seinem Plan zu finden: Sky News.

Aussage gegen Aussage

Das erklärt Burley wie folgt: Es stimme, dass Cleverly bei seiner Medienrunde Sky News nicht zugesagt habe, dann aber auf Nachfrage von Burleys Team doch in die Show kommen wolle.

In der Öffentlichkeit steht nun Aussage gegen Aussage. Aber, und das fasst „Mashable“ äußerst passend zusammen: Die ganzen Absprachen hinter geschlossen Kulissen beiseite genommen, hätte ein ganz gewöhnliches Interview vermutlich weit weniger Aufmerksamkeit erregt.

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