Bundesliga: Autounfall, Rosenkrieg und Schalke-Bank? Das ist Todibo

Er soll die Lücke in der Schalker Innenverteidigung bis zum Sommer schließen: Jean-Clair Tobido wechselt per Leihe zu S04. Der 20-Jährige verließ Toulouse im Rosenkrieg, beim FC Barcelona kam er kaum zum Einsatz. Nun hofft der Mann mit Narben auf mehr Spielpraxis in der Bundesliga - vergeblich?

Armut, Gewalt, Drogenhandel: Der Pariser Vorort Saint-Denis hat einen schlechten Ruf. Trotz attraktiver Immobilienpreise und boomender Industrie stehen hier Existenzen vor dem Scherbenhaufen.

Einer dieser Scherbenhaufen gehörte Todibo. Er war acht Jahre alt. Die Scherben, das waren Todibos eigene Knochensplitter. Er war gerade auf dem Weg zu seinem Judotraining, als ihn ein Auto erfasste. Ein dumpfer Aufprall, der die Karriere des jungen Franzosen noch vor deren Beginn hätte zerstören können.

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"Ehrlich gesagt, waren wir uns nicht wirklich sicher, ob er jemals wieder Fußball spielen würde", sagte sein Jugendtrainer Dylan Greneche später gegenüber La Depeche. Und das ist nicht übertrieben. Todibos linkes Bein war hinüber. Er erlitt mehrere Knochenbrüche in Schien- und Wadenbein, vom Knie bis zum Knöchel.

Die Konsequenz: ein Jahr Pause. Ein Jahr ohne Judo oder Fußball. Als würde man einem Hund nicht nur den Knochen wegnehmen, sondern ihm auch noch einen Hundetrichter verpassen. "Ich habe die Narben noch immer, aber es ist lange her", sagt Todibo heute über seinen glücklicherweise nicht ganz so folgenschweren Unfall.

Jean-Clair Todibo im Steckbrief

geboren

30. Dezember 1999 in Cayenne (Französisch-Guayana)

Größe

1,89 m

Gewicht

81 kg

Position

Innenverteidiger, defensives Mittelfeld

starker Fuß

rechts

Stationen

FC Les Lilas Jugend, FC Toulouse Jugend, FC Toulouse, FC Barcelona

Spiele/Tore in der Ligue 1

10/1

Jean-Clair Todibo kommt zu Schalke wohl mit Kaufoption

In der Zwischenzeit ist viel passiert: Karrierestart beim FC Les Lilas, Jugendakademie von Toulouse, Profimannschaft von Toulouse, Vertrag bei Barca und nun der Wechsel zu Schalke.

Er erhält einen Vertrag bis zum Sommer. Die Leihgebühr beträgt 1,5 Millionen Euro, im Sommer verfügen die Königsblauen über eine Kaufoption in Höhe von 25 Millionen Euro plus fünf Millionen Euro Zusatzzahlungen. Allerdings könnte es laut Sky eine Rückkaufoption geben, gänzlich abgeschrieben ist der Franzose bei Barca also offensichtlich noch nicht. Einerseits ist Todibos Potenzial schwer abzuschätzen. Andererseits zeigte seine Entwicklungskurve in den vergangenen Jahren steil nach oben.

Todibo ist gelernter Sechser. Seine Technik ist ein Trumpf im Spielaufbau sowie in Drucksituationen. Defensiv überzeugt Todibo vor allem durch seine Lufthoheit. 1,89 Meter Körpergröße helfen. Seine langen Beine weiß er aber auch im Zweikampf einzusetzen: Selbst wenn ein Angreifer mal schneller ist, bekommt Todibo immer einen Fuß dazwischen.

Aufgrund seiner Stärke am Ball hat Todibo jedoch einen Hang zur Risikofreude. "Er muss etwas einfacher spielen, manchmal ist er etwas zu launisch", meint Gael Vena, Kapitän der Toulouse-Reserve. Insgesamt war man in Toulouse aber hochzufrieden mit Todibo. Doch das sollte sich ändern.

Jean-Clair Todibo verließ Toulouse im Rosenkrieg

Anfang November 2018 noch als Entdeckung der Saison gefeiert, wurde der Innenverteidiger eine Woche später suspendiert. Toulouse-Trainer Alain Casanova sprach gar von einem "Gefühl des Verrats".

Was war passiert? Die Violets hatten Todibo bereits im August einen Profivertrag vorgelegt. Die Vertragsgespräche gestalteten sich jedoch schwieriger als gedacht. Todibo wollte einfach nicht unterschreiben. Selbst als Toulouse dem damals noch 18 Jahre alten Verteidiger laut Vizepräsident Jean-Francois Soucasse ein für Toulouse-Verhältnisse "beispielloses Gehalt" anbot, ließ dieser das letzte Ultimatum verstreichen.

Der Klub strich Todibo aus dem Profikader. Seit dem 3. November absolvierte er kein Spiel mehr für die Violets. Er stand bis zu seiner Unterschrift bei Barca im Februar lediglich noch zwei Mal für die französische U20 auf dem Platz.

FC Barcelona verpflichtet Todibo früher als geplant

"Er kommt schon jetzt, weil wir ihn beschützen mussten. Die Situation in Toulouse war nicht gut", erklärte Barcas Sportdirektor Eric Abidal. Eigentlich sollte Todibo erst im vergangenen Sommer nach Katalonien kommen.

Diesen Deal hatte Barca schon zuvor mit dem Talent ausgehandelt. Allerdings ohne das Wissen des FCT. "Das Leben kann dir Überraschungen bescheren, selbst die unangenehmsten", sagte Toulouse-Präsident Olivier Sadran der L'Equipe und warf Barca Arroganz vor. Eine solche Transferabwicklung gehöre sich nicht für einen so großen Klub.

Ein Wechsel, der Toulouse wohl um einige Millionen Euro brachte. So wurde Todibo zum 1-Million-Euro-Schnäppchen für Barca - mit einer Ausstiegsklausel von 150 Millionen Euro. Ein Wechsel mit fadem Beigeschmack. Für Todibo war immerhin die Leidenszeit in Toulouse beendet und er hatte länger Zeit, sich bei Barca zu integrieren. "Im Moment möchte ich in diesen ersten drei Monaten von meinen Mitspielern lernen", sagte er bei seiner Vorstellung.

Aus den drei Monaten wurde mittlerweile fast ein Jahr. Denn viel mehr als Unterricht bekam Todibo in Katalonien nicht. In 46 möglichen Einsätzen kam Todibo nur fünfmal zum Zug. Oft stand er nicht einmal im Kader. Unter der Woche: Trainingsplatz. Am Wochenende: Tribünenplatz.

Todibo nur ein "Schlüsselspieler für die Zukunft"

Dabei sollte er im Sommer eigentlich den nächsten Schritt gehen, Einsätze und Erfahrung sammeln. Durch die Abgänge von Thomas Vermaelen und Jeison Murillo rückte Todibo automatisch zum vierten Innenverteidiger auf. Aber wegen Barcas wackeliger Hinserie wagte der mittlerweile entlassene Ernesto Valverde zu selten Experimente in seiner Innenverteidigung. Todibo stand in dieser Saison bisher 167 Minuten auf dem Platz.

Das mag nicht unüblich in der Entwicklung eines Spielers sein. Selbst ein Raphael Varane, mit dem Todibo in Frankreich verglichen wird, stand nach seinem Wechsel zu Real erstmal drei Jahre lang in der zweiten Reihe. Für einen jungen Spieler ist das aber schwer - auch wenn man als "Schlüsselspieler für die Zukunft" (Abidal) bezeichnet wird.

Jean-Clair Todibo droht auch auf Schalke die Bank

Das Zeug zum Schlüsselspieler hat Todibo. Halb Europa war hinter ihm her (Bayern, Dortmund, Juventus, Liverpool und viele mehr). "Er hat nur zehn Spiele bei Toulouse gemacht, aber wenn man ihn in einem sieht, reicht das als Überzeugung", sagte Abidal.

Das reichte auch Lothar Matthäus, der Todibo beim für Barca irrelevanten Duell mit Inter Mailand in der Champions League sah. "Der beste Innenverteidiger, den ich seit langem gesehen habe. Er wäre eine klare Verstärkung für Schalke und eine Bereicherung für die Bundesliga. Mit 20 Jahren hat er eine unglaubliche Ruhe, findet immer spielerische Lösungen", schwärmte Matthäus gegenüber der Bild.

Tatsächlich kann Schalke einen solchen Innenverteidiger gut gebrauchen. Wegen der Langzeitverletzten Benjamin Stambouli (Fußbruch) und Salif Sane (Knie-OP) hat David Wagner Bedarf im Abwehrzentrum. Neben Ozan Kabak und Matija Nastasic wäre Todibo der einzig verbliebene Innenverteidiger im Team der Knappen. "Jean-Clair gehört zu den besten jungen Innenverteidigern, die es derzeit in Europa gibt. Da die Genesung von Benjamin leider etwas länger als von allen erhofft dauert, ist es sinnvoll, einen weiteren Innenverteidiger dazu zu nehmen", sagte Wagner.

Ob ein 20 Jahre alter Neuzugang ohne Spielrhythmus auf einer Position, die von Kommunikation und Chemie lebt, eine direkte Verstärkung für Schalke sein wird, ist trotz all dem Talent fraglich. Die Situation auf Schalke ist für Todibo zwar aktuell besser als in Barcelona, dennoch droht auch in Gelsenkirchen zunächst die Bank.

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