Bundesliga: Buli-Restart: Diese fünf Gefahren drohen

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Die DFL hat mit ihrem zurückhaltenden Krisenmanagement die Mehrheit der Ministerpräsidenten von einem Bundesliga-Neustart ab Mitte Mai überzeugt. Aber nach wie vor gibt es einflussreiche Gegner der Geisterspiel-Lösung und Risiken, die kaum zu beeinflussen sind. Die Fußball-Kolumne.

Das zurückhaltende Auftreten von Christian Seifert nach der DFL-Versammlung am Donnerstag ist bei vielen Beobachtern gut angekommen, zumal man in der Vergangenheit weit selbstbewusstere Wortmeldungen des Ligabosses in Erinnerung hat. Doch so mancher, der Seifert seit Jahren kennt, fragte sich hinterher, ob dessen beinahe demütigen Aussagen nicht auch ein Ausdruck von Furcht gewesen sein könnten. Furcht vor dem Super-GAU: Der Verweigerung eines Bundesliga-Wiederbeginns durch die Politik.

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Klar ist: Die Bundesliga bewegt sich mit ihren Plänen auf sehr dünnem Eis. Immerhin hat sie aktuell die Mehrheit der Ministerpräsidenten hinter sich, die am 30. April mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über das von der DFL-Taskforce Sportmedizin/Sonderspielbetrieb unter DFB-Teamarzt Tim Meyer erarbeitete medizinisches Konzept entscheiden sollen. Gibt es grünes Licht, so ist der Neustart frühestens am 15. Mai wahrscheinlich, da zuvor noch mindestens zwei Wochen intensive Vorbereitung im Mannschaftstraining nötig ist.

Doch es gibt auch in der Politik viele skeptische Stimmen bis hin zur Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag und zum für den Sport zuständigen Bundesinnenministerium, das einen deutlich späteren Termin empfohlen hat. Noch entschiedener haben sich die meisten Virologen positioniert, teilweise auch das letztlich wohl mitentscheidende Robert-Koch-Institut.

Auch in vielen weiteren gesellschaftlichen Bereichen finden sich zahlreiche und oft sehr lautstarke Kritiker. Ihnen reichen die Argumente der DFL nicht, auch wenn ein fortgesetzter Shutdown auf den Plätzen beinahe gleichbedeutend ist mit der fast sicheren Pleite der Mehrheit der 36 Erst- und Zweitligisten und damit auch dem Verlust von bis zu 56.000 Arbeitsplätzen.

Die Gegner eines Neustarts würden im Zweifel lieber diesen "Kollateralschaden der Corona-Pandemie" in Kauf nehmen, wie ihn Seifert bezeichnete, und begründen ihre Ablehnung häufig mit Emotionen und Vermutungen, können allerdings auch viele Fakten und offene Fragen ins Feld führen.

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  • Öffentliche Meinung:

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Epidemiologe Karl Lauterbach warnt. "Wir müssen den jungen Leuten die Botschaft vermitteln: Haltet Abstand, tragt einen Mundschutz, das Virus ist gefährlich", sagte der SPD-Politiker am Freitag im Bayerischen Rundfunk. "Alle drei Botschaften werden durch einen Bundesliga-Start konterkariert."

Neben der psychologischen Wirkung, dass die Fußballer ungestraft gegen die bestehenden Kontaktsperren verstoßen würden, während es in den Krankenhäusern weiter um Leben und Tod geht, wird zudem die Ungleichbehandlung gegenüber anderen Sportarten wie auch gegenüber anderen wirtschaftlichen Branchen genannt. Profi-Fußball sei nicht systemrelevant, daher könne es für ihn keine Ausnahmen geben, sagte Monika Lazar, Sprecherin für Sportpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion. Die Frage ist offen, wie stark sich die Entscheidungsträger von der Angst vor solch einem verheerendem öffentlichen Eindruck der Ungleichbehandlung leiten lassen werden.

Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass die veröffentlichte Meinung offenbar nicht gleichbedeutend ist mit der öffentlichen Meinung. Demnach sind 74 Prozent der Bevölkerung für eine Fortsetzung der Spielzeit mit Geisterspielen. Darüber hinaus verwies Seifert darauf, dass die Liga die gleichen Rechte auf ein Ende des derzeitigen Berufsverbotes geltend mache wie andere Wirtschaftsbranchen, etwa die Automobilindustrie.

  • Die zweite Welle der Pandemie:

Zahlreiche Wissenschaftler und Politiker, allen voran die Bundeskanzlerin, haben in den vergangenen Tagen vehement vor einem Rückschlag bei der Eindämmung des Virus gewarnt. Durch die Lockerungen im öffentlichen Leben drohten wieder vermehrte Kontakte der Menschen untereinander und dadurch ein sprunghafter Anstieg der Infektionen. Im schlimmsten Fall würde das doch noch zu einer Überlastung der medizinischen Versorgung, weit mehr Toten als bisher und zwangsweise einem noch schärferen Lockdown als vor Ostern führen. Ein Schaden, der für die Volkswirtschaft laut Prognosen noch weit gravierender wäre als er ohnehin schon ist.

In diesem Fall wären sämtliche Planungen der DFL komplett hinfällig, weil es dann nicht mal ansatzweise Raum für Geisterspiele gäbe. Sehr wahrscheinlich würde spätestens diese erneute Zwangspause endgültig zur Insolvenz der meisten Bundesligisten führen. Das Problem: Da die aktuellen Zahlen aufgrund der Inkubationszeit immer mit ca. zweiwöchiger Verspätung erfolgen, könnte eine solche zweite Welle genau zu dem Zeitpunkt erkannt werden, wenn die Saison wieder aufgenommen werden soll. Aber auch ein dann wohl finaler Abbruch der Spielzeit nach wenigen Spieltagen ist möglich, wenn die Corona-Pandemie zum Beispiel erst Anfang Juni wieder massiv zurückkommen würde.

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  • Infektionsrisiko:

Hier hat das von Seiten der Ministerpräsidenten so gelobte Konzept der DFL-Taskforce ihr größtes Defizit: Da das Virus über Körperkontakt übertragen wird, besteht in der Kontaktsportart Fußball eigentlich permanent die Gefahr der gegenseitigen Ansteckung. Im Fall einer Infektion müssen nach den derzeit gültigen Regeln sämtliche Kontaktpersonen für 14 Tage in Quarantäne - also bei einem Vorfall während einer Bundesligapartie sämtliche Spieler und Betreuer. Dementsprechend könnte schon ein solcher Fall den gesamten Bundesliga-Plan hinfällig machen.

Die DFL argumentiert allerdings, dass die gesunden Profis nicht zum Kreis der gefährdeten Personen gehören, zudem penibel auf Einhaltung der Hygienevorschriften geachtet werden wird und alle Beteiligten regelmäßig getestet werden sollen. So würde ein negativer Test am Vortag eines Spiels eine Ansteckungsgefahr ausschließen, da die Inkubationszeit länger als 24 Stunden dauert.

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"Es gibt keine absolute Sicherheit. Wir versuchen, die Risiken zu minimieren. Das ist das höchste Maß an Sicherheit, das man machen kann", gab Professorin Barbara Gärtner aus der Task Force allerdings am Freitag auf einer virtuellen Pressekonferenz der DFL zu.

  • Testkapazitäten:

Der größte Streitpunkt ist die Frage, ob die Fußballer sowohl quantitativ als auch moralisch überhaupt das Recht haben, diese Tests anderen Personen vorzuenthalten. Viele Mediziner halten ein solches Vorgehen für Verschwendung, so lange die Spieler symptomfrei sind. Schließlich gibt es zahlreiche Pfleger, Polizisten oder Lehrer, die trotz ihres regelmäßigen Kontakts mit potenziellen Virenträgern nicht permanent getestet werden, weil bislang angeblich keine Tests zur Verfügung standen.

Die DFL verweist hingegen darauf, dass dies nicht in ihrer Verantwortung liegt und obendrein nach den aktuellsten Zahlen mehr als genug Tests nicht genutzt werden. So würden die veranschlagten maximal 20.000 Stichproben für die Bundesligisten bis Saisonende weniger als 0,5 Prozent der gesamten Testkapazitäten ausmachen, außerdem hat die Liga eine Kooperation mit fünf Fachlaboren für die Auswertung abgeschlossen.

Sollten die Tests allerdings nicht für die Gesamtbevölkerung ausreichen, "wird der Fußball selbstverständlich zurücktreten und aufhören, zu testen und zu spielen", kündigte Seifert an. Was im Falle der oben beschriebenen zweiten Pandemiewelle gleichbedeutend mit einem erneuten Aussetzen der Saison und eventuell auch einem Abbruch wäre.

  • Ultras:

Mehrfach haben Fan-Vereinigungen ihre Ablehnung der DFL-Pläne deutlich gemacht. "Die Wiederaufnahme des Fußballs, auch in Form von Geisterspielen, ist in der aktuellen Situation nicht vertretbar. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne", verkündete kürzlich der Ultra-Zusammenschluss "Fanszenen Deutschland". Am Freitag legten Ultras des FC Bayern mit Plakaten an mehreren Orten in München nach, unter anderem an der Allianz Arena. "Eure Raffgier macht nicht mal vor einer Pandemie halt. Nein zu Geisterspielen", war dort zu lesen.

Diese grundsätzliche Abneigung schürt die Angst bei den Sicherheitsbehörden, dass es einige Anhänger bewusst darauf ankommen lassen könnten, mit gezielten Massenansammlungen vor den Stadien die Durchführung von Geisterspielen und damit den gesamten Liga-Neustart zu sabotieren. Zwar bezeichnen Fanvertreter diese Furcht als unbegründet, aber nach der Polizeigewerkschaft und mehreren Landespolitikern erklärte auch Mönchengladbachs Oberbürgermeister Reiners seine Ablehnung von Geisterspielen mit dieser Sorge.

Da es keine direkten Gespräche darüber zwischen Ultras und Behörden gibt - zuletzt holte sich Bremens Innensenator Mäurer beim Versuch einer Kontaktaufnahme eine Abfuhr - ist das Risiko zumindest nicht auszuschließen. Es wäre natürlich besonders bitter für die Bundesliga, wenn der Wiederbeginn am Ende an Sicherheitsbedenken wegen eines Fanansturms scheitern würde, der gar nicht geplant war.

Fazit: Die DFL hat mit ihrer Krisenkommunikation die Mehrheit der Entscheidungsträger von einem Saisonstart ab Mitte Mai überzeugt, aber nach wie vor einflussreiche Gegner. Schon eine Verschlechterung der Lage in den nächsten Wochen kann das gesamte Konzept und damit die Überlebenschancen der meisten Vereine hinfällig machen.

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