Bundesliga: BVB: Bildungsreise in den Süden

Das Duell der beiden deutschen Spitzenklubs war schon lange nicht mehr so deutlich wie am Samstagabend in München. Der FC Bayern ist Borussia Dortmund und dem Rest der Liga entwachsen. Das muss aber kein Zustand auf Dauer sein.

Das Duell der beiden deutschen Spitzenklubs war schon lange nicht mehr so deutlich wie am Samstagabend in München. Der FC Bayern ist Borussia Dortmund und dem Rest der Liga entwachsen. Das muss aber kein Zustand auf Dauer sein.

Als das Spiel beendet war, trafen sich Thomas Tuchel und Xabi Alonso im Mittelkreis. Dortmunds Trainer tauschte sich einige Zeit mit dem spanischen Mittelfeldspieler des FC Bayern aus. Tuchel wollte nachher nichts über den Inhalt des Gesprächs preisgeben - Privatsache.

Aber es hatte den Anschein, als hätte Tuchel alle verbalen Hüte vor der (Karriere-)Leistung Alonsos gezogen, der wie Philipp Lahm am Ende der Saison aufhören wird. Der spanische Routinier mag nicht der Schnellste sein, das war er auch noch nie, aber Alonsos Spielverständnis, sein Gefühl für die Situationen, sein Charakter in großen Spielen suchen noch immer ihres gleichen.

Der 35-Jährige verkörpert vieles von dem, was sich mit Tuchels Verständnis von Fußball deckt. Und im direkten Duell kamen die Routine und Abgeklärtheit Alonsos noch einmal deutlicher zum Vorschein. All das fehlte dem BVB an diesem Abend.

Tuchel: "Alles andere hätte mich überrascht"

Diese Diagnose ist nicht brandneu, Tuchel hat in dieser Saison schon mehrfach versucht, sie unters Volk zu bringen. Im Aufeinandertreffen mit dem Branchenführer aus München kam aber die endgültige Bestätigung dazu.

Auch deshalb gab der BVB-Trainer hinterher zu Protokoll, dass ihn "alles andere als diese Dominanz und dieses Ergebnis überrascht" hätten. Der BVB reiste mit zu vielen personellen Problemen nach München, um gegen diese Bayern (nur Mats Hummels fehlte zur Bestbesetzung) in dieser Phase der Saison auswärts zu bestehen.

Reus, Götze, Schürrle, Weigl, Kagawa, Piszczek: Der Borussia fehlte enorme Qualität und eben Erfahrung auf "absolutem Top-Niveau", das die Bayern laut Tuchel in der aktuellen Situation verkörpern - auf einer Stufe mit Real Madrid und dem FC Barcelona.

Erfahrung schlägt Talent

"Wir hatten keine Chance, den Bayern auf diesem Niveau Paroli zu bieten. Diese Aufgabe ist zu schwer in dieser Umbruchssaison", sagte Tuchel. Schon die ganze Spielzeit über muss der Trainer experimentieren, wie er das nach den Abgängen von Hummels, Henrikh Mkhitaryan und Ilkay Gündogan aus den Fugen geratene Mannschaftsgefüge wieder in die Spur bekommt.

Die Folge ist ein ständiges Auf und Ab. Das enorme Potenzial dieser Mannschaft und von Spielern wie Ousmane Dembele und Christian Pulisic ist problemlos zu erkennen, aber Potenzial alleine reicht nicht, um auf Augenhöhe mit den ganz Großen der Branche zu konkurrieren.

Es braucht auch Erfahrung und Spiele, in denen man diese sammeln kann. Diese enden dann eben auch mal so wie am Samstagabend. Während die Bayern die viertälteste Startelf ihrer Bundesligageschichte auf dem Platz schickten (30 Jahren und 38 Tagen, älter war eine Bayern-Elf zuletzt im März 2006 beim 3:1 in Duisburg), waren die Dortmunder im Schnitt über fünf Jahre jünger (24,8 Jahre).

Duell mit ungleichen Waffen

Und so war es ein Duell mit ungleichen Waffen. Um aus München etwas mitzunehmen, hätte der Spielverlauf für den BVB besser sein müssen: Dembele hatte die Chance zur Führung, Pierre-Emerick Aubameyang zum 2:3-Anschlusstreffer. Beide Fehlschüsse konterte der FC Bayern im Gegenzug mit eigenen Treffern.

Dortmund bleibt nichts anderes übrig, als diese Niederlage unter dem Posten Bildungsreise zu verbuchen. Für sechs Spieler sei es der erste Auftritt in München überhaupt gewesen, sagte Tuchel, diese Erfahrungen würden ihnen jetzt helfen, die anstehenden Aufgaben wie ein Viertelfinale der Champions League zu meistern.

Es besteht kein Zweifel daran, dass es noch weitere solcher Erfahrungsmomente brauchen wird, um aus Potenzial Konstanz zu machen.

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Bayern vor ganze anderen Aufgabe

Die Bayern haben diese Stufe schon vor Jahren erreicht und teilweise bittere Niederlagen einstecken müssen (CL-Finals 2010 und 2012), sie stehen jetzt vor einem ganz anderen Problem: Wie ersetzt man ohne Leistungs- und Ergebnisdelle die Qualitäten von Alonso und Lahm, Ribery und Robben?

Wie schwer diese Aufgabe für die Münchner in den kommenden Jahren wird, ist allen Entscheidungsträgern im Klub bewusst. In Dortmund hoffen sie darauf, dass sie ihren hochtalentierten Kader auf Dauer zusammenhalten können und ihnen im Erfolgsfall nicht wieder eine Achse entrissen wird.

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