Bundesliga: BVB-Stürmertausch: Den Fehler behoben?

SPOX

Borussia Dortmund sind auf dem schwierigen Winter-Transfermarkt mit den Verpflichtungen von Erling Haaland und Emre Can zwei beachtliche Transfers gelungen. Dass der BVB nach dem Abgang von Paco Alcacer den Rest der Saison weiterhin mit nur einem gelernten Stürmer im Kader bestreiten wird, bleibt jedoch ein Risiko.

Wenn man ketzerisch ist, würde man behaupten, dass man die Uhr danach stellen konnte, wann Hans-Joachim Watzke beschwichtigt. Am Donnerstag auf der Sportbusiness-Messe SPOBIS in Düsseldorf war es nämlich soweit. "Ich habe nur gesagt, dass wir versäumt haben, einen bestimmten Neuner-Typen im Sommer zu verpflichten", sagte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund.

Wenige Stunden später vermeldete der BVB den Abgang von Stürmer Paco Alcacer zum FC Villarreal. Damit steht fest, dass die Westfalen in diesem Winter-Transferfenster einen Stürmertausch vollzogen haben, mit dem im Sommer kaum zu rechnen war. Doch nun, da das Fenster wieder geschlossen ist, ist auch klar: Dortmund wird den Rest der Saison weiterhin mit nur einem gelernten Stürmer im Kader bestreiten.

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Das kommt nicht nur überraschend, sondern stellt wie bislang auch ein Risiko dar. Überraschend deshalb, weil es eben Watzke war, der im November auf der Mitgliederversammlung des BVB das aussprach, was sich viele Beobachter angesichts von Alcacers Verletzungsanfälligkeit und der dadurch immer wieder auftretenden mangelnden Durchschlagskraft seit Wochen dachten: "Wir haben einen Fehler gemacht: Wir hätten eine zweite Nummer neun verpflichten sollen. Das haben wir falsch analysiert - aber mehr als das einzugestehen, können wir nicht machen."

BVB-Boss Watzke: "So ist es ja nicht ..."

Watzke erhielt damals für diese Aussage vom Publikum Applaus, der augenscheinlich inhaltliche Zustimmung sowie Anerkennung für das Eingestehen eines Versäumnisses beinhaltete. Auf der Aktionärsversammlung nur einen Tag später, insofern muss man Watzke Recht geben, präzisierte der 60-Jährige dann, an welche Art Neuner er dabei dachte.

"Vielleicht von einer etwas anderen Statur" solle der neue Stürmer sein, hieß es da. Alcacer stellte mit seinen 1,75 Metern in der Tat den Gegenentwurf zu einem großgewachsenen Sturmtank dar, den jetzt der Ende Dezember verpflichtete Erling Haaland verkörpert.

Dies hob Watzke nun erneut hervor: "Einen Neuner, wie ihn Paco gespielt hat, haben wir von der Art her schon noch im Portfolio. So ist es ja nicht. Wir haben die letzten Wochen auch vorne mit zwei Spitzen mit Jadon Sancho und Thorgan Hazard gespielt. Es ging mehr um die Wucht, die Erling Haaland verkörpert."

Behebt der Stürmertausch beim BVB den eingeräumten Fehler?

Was nicht ganz zusammenpasst: Der BVB hat dem Kader nun zwar Haalands Wucht hinzugefügt, die dem Klub bereits fünf Tore in nur 57 Minuten Spielzeit bescherte. Einen zweiten Neuner sucht man allerdings weiterhin vergebens. Was bislang Alcacer war, ist nun Haaland.

Ob dieser Tausch den eingeräumten Fehler behebt, lässt sich derzeit natürlich nicht vorhersehen. Riskant ist er allemal, denn würde sich Haaland verletzen, stünden die Schwarzgelben auf dem Papier genauso da wie zuvor.

Zumal Trainer Lucien Favre nicht müde wird zu betonen, dass Haaland mit Knieproblemen nach Dortmund kam und im Dezember kaum trainieren konnte. "Deshalb müssen wir aufpassen. Wir haben einen Plan mit ihm", sagte Favre. Dieser Plan kann freilich wie bislang aufgehen und Haaland die komplette Rückserie fit bleiben - oder eben auch nicht.

Dortmund nach Systemumstellung: 6 Siege aus 8 Spielen

Auf die Frage, ob lediglich ein echter Angreifer im Kader zu wenig sei, antwortete Favre am Donnerstag gewohnt oberflächlich: "Wir haben mehrere Lösungen. Wir haben schon mit Thorgan Hazard und Mario Götze als Stürmer gespielt. Wir haben trotzdem Alternativen."

Sportdirektor Michael Zorc, dem man für die beachtlichen Transfers von Haaland und Emre Can zweifelsfrei ein Lob aussprechen muss, zielte bei seiner Replik vor allem auf die Systemumstellung ab, die Dortmund nach dem 3:3-Debakel gegen Paderborn im November vollzog. Dies geht auch sicherlich als Argument durch. Schließlich bietet das derzeit praktizierte 3-4-1-2 mit den rochierenden Offensivspielern in vorderster Front mehr Alternativen und Flexibilität als das dahingehend etwas starre 4-2-3-1 - und mit sechs Siegen in acht Pflichtspielen ist es auch erfolgreicher.

Ein Schnitt von 2,3 Toren pro Spiel in bislang 27 Saisonpartien belegt zudem, dass es nicht das größte Problem des BVB ist, den Ball im gegnerischen Kasten unterzubringen. Um die ambitionierten Ziele des noch in allen drei Wettbewerben aussichtsreich im Rennen liegenden Klubs zu erreichen, könnte es aber etwas zu eindimensional gedacht sein, sich bei einer möglichen Abwesenheit Haalands nun einzig auf die Stärke des neuen Systems zu berufen.

Offensive Harmlosigkeit bei Haaland-Verletzung abzustellen?

Die Torgefahr hat sich mit Favres Umstellung und den neuen Rollen der Spieler (beispielsweise Julian Brandt als Achter, Sancho und Hazard als nach innen ziehende Flügelstürmer) zwar erhöht, auch der Spielaufbau ist weniger ausrechenbar geworden. Ruft man sich aus der Hinrunde die beiden Remis gegen Bremen und Freiburg oder die Auswärtsauftritte bei Inter, auf Schalke, in München, Barcelona und Hoffenheim in Erinnerung - jeweils ohne echten Neuner, aber mit den genannten Hazard, Sancho oder Götze bestritten -, dann war dort eine teils eklatante offensive Harmlosigkeit zu beobachten.

Ob sich diese im Falle einer Haaland-Verletzung ungeachtet der Systematik derart konstant abstellen lässt, um in der Meisterschaft noch einmal die Tabellenspitze anzugreifen, im DFB-Pokal den kürzesten Weg zu einem Titel erfolgreich zu gehen oder in der Champions League Paris Saint-Germain die Stirn zu bieten, erscheint zumindest fragwürdig.

"Es gibt ja auch Argumente dagegen", sagte Watzke bereits kurz vor der Mitgliederversammlung zum Thema zweiter Stürmer. Denn: "Wenn er nicht spielt, ist er sauer, spielen beide nur die halbe Zeit, verlieren beide ihr Selbstbewusstsein. Es ist eine schwierige Entscheidung."

Zweiter BVB-Stürmer müsste mit Backup-Rolle zufrieden sein

Dem ist freilich nicht zu widersprechen. Idealerweise findet man einen Spieler, der sich mit dieser Rolle anfreunden kann. Adrian Ramos, zwischen 2014 und 2017 in Dortmund aktiv, fiel beispielsweise in diese Kategorie. Er kam als Backup von Pierre-Emerick Aubameyang und häufiger Reservespieler auf eine ordentliche Torquote von 19 Treffern in 79 Pflichtspielen.

Eine weitere Möglichkeit wäre jemand, für den die Perspektive beim BVB den nächsten Schritt in seiner Entwicklung darstellen würde. Das traf bis vor einem Jahr auf Alexander Isak zu, mit dem jedoch keiner der vier Dortmunder Trainer in Isaks Zeit etwas anzufangen wusste. Das sagt natürlich etwas aus. Genauso wie die Tatsache, dass Isak seit seinem Weggang 24 Treffer und acht Torbeteiligungen in 43 Pflichtspielen gelangen.

BVB, Spielplan: Nächste Gegner von Borussia Dortmund

Datum

Uhrzeit

Gegner

Wettbewerb

1. Februar

15.30 Uhr

Union Berlin (H)

Bundesliga

4. Februar

20.45 Uhr

Werder Bremen (A)

DFB-Pokal

8. Februar

18.30 Uhr

Bayer Leverkusen (A)

Bundesliga

14. Februar

20.30 Uhr

Eintracht Frankfurt (H)

Bundesliga

18. Februar

21 Uhr

Paris Saint-Germain (H)

Champions League

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