Bundesliga: FC Bayern: Zwei alte Wunden brechen auf

Der FC Bayern zeigt gegen Bayer Leverkusen insgesamt eine gute Leistung, verliert am Ende aber dennoch mit 1:2 - weil zwei alte Wunden aufbrachen.

Lukas Hradeckys Gesichtszüge entspannten sich nur langsam, als er in der Mixed-Zone auftauchte. Zu sehr hatte die Begegnung mit dem FC Bayern seine Nerven zuvor auf die Probe gestellt. "Die letzten sechs Minuten waren die längsten sechs Minuten meines Lebens", sagte der Schlussmann von Bayer Leverkusen mit Blick auf die von Schiedsrichter Guido Winkmann anberaumte Nachspielzeit. Am Ende durfte der Finne gemeinsam mit seinen Teamkollegen jubeln, weil die Werkself dank der beiden Treffer von Leon Bailey erstmals seit sieben Jahren wieder einmal drei Punkte aus der bayerischen Landeshauptstadt entführte.

Und das, obwohl die Münchner vor allem im zweiten Durchgang zum großen Sturmlauf geblasen hatten und der Mannschaft von Peter Bosz, die europaweit zu den Teams mit dem meisten Ballbesitz im Durchschnitt zählt (diesmal nur 25,5 Prozent), kaum Luft zum Durchatmen ließ. Chance um Chance erspielten sich die Hausherren, die zuletzt unter Trainer Hansi Flick wieder beeindruckend in die Spur gefunden hatten.

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Insgesamt 24 Torschüsse zählte die Statistik nach 90 Minuten, wobei alleine drei Abschlüsse von Serge Gnabry, Leon Goretzka und Robert Lewandowski jeweils wahlweise den Pfosten oder die Latte küssten. Die gnadenlose Effizienz der vergangenen Wochen war plötzlich dahin, die Chancenverwertung ähnelte jener, die vor rund einem Jahr immer wieder von den Protagonisten bemängelt wurde. Es mutete an, als sei eine alte Wunde kurzfristig aufgebrochen.

Erste Bayern-Niederlage in der Bundesliga mit Müller-Treffer

"So etwas wie heute habe ich wahrscheinlich noch nicht erlebt", sagte Thomas Müller und meinte damit nicht die kuriose Tatsache, dass der FCB erstmals überhaupt ein Bundesliga-Spiel verlor, in dem er ein Tor beigesteuert hatte (82 Siege, fünf Unentschieden). Vielmehr haderte der ehemalige Nationalspieler mit den vielen verpassten Tormöglichkeiten. "Es ist hart, dass wir nach einem solchen Spiel mit null Punkten dastehen. Das hat weder mit der Leistung noch dem Einsatz zu tun, das können wir uns selbst nicht erklären."

Ganz ähnlich sahen es Müllers Mannschaftskameraden. "Normalerweise zeichnet die Bayern aus, dass die Chancen genutzt werden. Heute müssen wir uns den Vorwurf machen, dass wir die Chancen nicht genutzt haben. Das war teilweise kläglich", erklärte beispielsweise Leon Goretzka. Der ehemalige Schalker schob nach: "Es gibt solche Tage, da will der Ball einfach nicht ins Tor gehen." Manuel Neuer klagte: "Da war auf jeden Fall mehr für uns drin. Es hat nicht viel gefehlt, aber klar, die Tore müssen wir machen."

Flick, unter dem die Bayern im fünften Spiel zum ersten Mal ein Gegentor kassierten, attestierte der Mannschaft auf der Pressekonferenz Wille und Engagement. Einzig der fahrlässige Umgang mit den eigenen Chancen sei "nicht gut" gewesen. Ansonsten könne er seinen Schützlingen keinen großen Vorwurf machen. Selbst der gegnerische Trainer huldigte der leidenschaftlichen Spielweise. "Wir haben in dieser Saison schon gegen Juventus und Atletico Madrid gespielt - aber wir sind nie so sehr unter Druck geraten wie hier", sagte Bosz, der außerdem zugab: "Wir haben heute sehr, sehr viel Glück gehabt."

Gegentreffer-Schema erinnert an Herbstkrise

Doch nicht nur die Chancenverwertung erinnerte an den Herbst des Vorjahres und bisweilen an Partien aus der laufenden Saison. Auch das Zustandekommen der beiden Bailey-Treffer wirkte wie eine Gegentor-Kopie vergangener Tage. Bayern-Ballverlust, schnelles Umschalten des Gegners, zu große Lücken zwischen den Ketten.

"Wir haben uns am Anfang bei den Kontern von Leverkusen nicht gut angestellt und uns von deren Pressing beeindrucken lassen", kritisierte Sportdirektor Hasan Salihamidzic, nachdem Müller befunden hatte: "Heute war Leverkusen extrem effizient und hatte zwei super Abschlüsse durch Bailey. Da waren wir nicht nah genug dran." Goretzka zufolge habe Bayer 04 die fehlende "Kontersicherung eiskalt bestraft".

Trotz aller Flick'schen Warnungen. Noch vor der Partie hatte der 54-Jährige am Freitag auf der Pressekonferenz nämlich verraten: "Die Teamsitzung dauerte länger als sonst. Das ist auch ein Zeichen, dass wir uns mit dem Gegner mehr beschäftigt haben. Leverkusen spielt sehr aggressiv und verteidigt nach vorne - ähnlich wie wir." Dementsprechend ärgerte sich der Coach im Nachgang. "Wir wussten, dass Leverkusen sehr gut kontern und umschalten kann. Das haben sie gnadenlos ausgenutzt." Ein entscheidendes Qualitätsmerkmal, über das die Münchner an diesem Samstagabend bekanntermaßen nicht verfügten.

Auch, weil neben Pfosten und Latte besonders Hradecky immer wieder für die Rheinländer in die Bresche sprang und mehrfach teils spektakulär rettete. "Natürlich hat er gut gehalten, das muss man sagen", lobte Neuer seinen Gegenüber, der übrigens noch eine Anekdote zum Besten gab: "Dieses Spiel hatte alles. Ich hatte meine Kontaktlinse verloren", sagte Hradecky. "Versuchen Sie mal, mit einem Auge gegen Bayern zu spielen. Zehn Lattenschüsse, zehn Pfostenschüsse, jetzt habe ich alles gesehen, was man braucht, um gegen Bayern zu gewinnen." Ein treffendes Resümee für ein skurriles Fußballspiel.

Bundesliga-Tabelle: FC Bayern nur noch Vierter

Platz

Team

Sp.

Tore

Diff

Pkt.

1.

RB Leipzig

13

36:15

21

27

2.

Borussia M'gladbach

12

24:13

11

25

3.

Schalke 04

13

24:16

8

25

4.

Bayern München

13

34:18

16

24

5.

Borussia Dortmund

13

28:19

9

23

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