Bundesliga: Herthas goldene Generation: "Man hat plötzlich Kohle und dreht durch"

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Kevin-Prince Boateng, Patrick Ebert und Co. kamen als absolute Überflieger aus dem Juniorenbereich zu den Profis von Hertha BSC. Das Gesicht des Hauptstadtklubs wurden die hochgelobten Talente aber nie.

Ein Käfig aus Maschendrahtzaun, Tore aus Holzlatten, ein betonharter Boden, doch vor allem: Freudestrahlende Kindergesichter weit und breit, als plötzlich ein zweimaliger Weltfußballer einen Bolzplatz im Berliner Problemviertel Wedding betritt, um mit den Kids eine Runde zu zocken.

Kein Geringerer als die Brasilien-Legende Ronaldinho begleitete Kevin-Prince Boateng vor nicht einmal zwei Jahren an den Ort, an dem für den ehemaligen Bundesliga-Profi einst alles begann.

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"Ich war unheimlich stolz, diese Legende in die Nachbarschaft gebracht zu haben", beschrieb Boateng den Moment . "Da habe ich gedacht: Jetzt habe ich es wirklich geschafft." Gleichzeitig fühlte es sich für ihn an wie eine Reise in die Vergangenheit.

Boateng, Ebert und Co.: Unschlagbar, "wenn es normal läuft"

Im Jahr 2006 gehörte Boateng erstmals gemeinsam mit seinen Kumpels Patrick Ebert, Ashkan Dejagah, Chinedu Ede und ein halbes Jahr später auch mit Bruder Jerome dem Profikader der Hertha an. Sie alle waren hochbegabte Straßenfußballer mit ähnlich verlaufenden Biographien gewesen. Sie alle standen für ein modernes, weltoffenes Berlin, sie waren Jungs aus Problemvierteln, die das Gesicht der Hertha werden sollten.

Im Jugendbereich gehörten sie alle den deutschen U-Auswahlen an, mit der Hertha flogen sie mit ihren Mannschaften von Sieg zu Sieg. Es war ein goldener Jahrgang. Es herrschte damals das Selbstverständnis vor, dass jedes Spiel gewonnen wird, "wenn es normal läuft", erinnerte sich Ede einst. "Patrick konnte Freistöße treten wie kein Zweiter, Kevin millimetergenaue Pässe spielen, Ashkan war am Ball eine Granate. Und ich war pervers schnell", führte er aus.

So wollten sie fortan auch die Fans im Olympiastadion verzücken. Doch obwohl alle fünf schnell den Durchbruch schafften und regelmäßig spielten in der Bundesliga, war es zwei Jahre später schon wieder vorbei mit den Straßenfußballern bei der Hertha. Was war passiert?

KPB: "Man macht Dinge, die man später bereut"

Der ehemalige Bundesliga-Spieler Zafer Yelen, früher Mitspieler und Klassenkamerad des Quintetts, versuchte bei Goal und schon kurz danach eine Erklärung zu finden. "Wir mussten uns nach den Regeln der Straßen durchsetzen und dadurch haben wir ein Gefühl eingeimpft bekommen, dass man sich immer beweisen muss", sagte er. Deswegen gab es wohl das ein oder andere Mal "Knatsch".

Selbst die Protagonisten werden nie müde zu betonen, dass damals auch eigene Fehler dazu führten, dass sie ihr Potenzial in Berlin nie richtig ausschöpfen konnten. Kevin-Prince Boateng beispielsweise "fand es cool, die Disziplin ein bisschen nach hinten zu schieben" und Ebert "war nicht immer professionell" und habe sich von mehreren Faktoren ablenken lassen.

"Man hat plötzlich Kohle, dreht ein bisschen durch und macht Dinge, die man später bereut", sagte er Jahre später. Protz und Prunk in Form von teuren Autos und extravaganten Outfits durften nicht fehlen. Anzeigen wegen Sachbeschädigung waren auch dabei.

Nur Jerome Boateng schöpft sein Potenzial voll aus

Diese Mischung aus Selbstverständnis, Übermut und Sturheit sorgte vermutlich letztlich dafür, dass diese goldene Generation Hertha nicht prägen konnte. Und bis auf Jerome Boateng - Weltmeister mit Deutschland und Champions-League-Sieger mit dem FC Bayern - hat keiner dieser Spieler das riesige Potenzial komplett ausschöpfen können.

Kevin-Prince spielte zwar beim FC Barcelona, bei Milan, dem BVB und auch Schalke und somit bei einigen Topklubs in Europa, doch der Fritz-Walter-Medaillen-Gewinner in Gold hätte nach eigenen Aussagen mit der richtigen Einstellung eine Weltkarriere hinlegen können.

"Ich weiß ganz genau, dass es bei mir am Willen gescheitert ist", gab der 33-Jährige jüngst zu. "Hätte ich diesen Willen gehabt, wäre ich bei Barcelona Stammspieler gewesen oder hätte zehn Jahre für Real Madrid oder Manchester United gespielt", erklärte er. Letztlich sei sein Kopf zu spät angesprungen, so Boateng.

Ex-Hertha-Talent Ede gestand: Habe unter Drogeneinfluss gespielt

Dejagah, in der Jugend einer der herausragenden Offensivspieler, verließ den Haupstadtklub ablösefrei in Richtung Wolfsburg und wurde dort Meister. Bei seiner nächsten Station Fulham wurde er jedoch nie glücklich, mittlerweile spielt der in Teheran geborene, aber in Berlin aufgewachsene Dejagah im ursprünglichen Heimatland, weit unter dem internationalen Radar.

Noch dramatischer erging es Ede, dessen Karriere bereits beendet ist. 2009 noch U21-Europameister mit der deutschen Auswahl, pendelte er während seiner Karriere zwischen der ersten und zweiten Liga, ohne dabei große Fußspuren zu hinterlassen. Knapp ein Jahr nach seinem Karriereende rechnete er zuletzt mit dem Profigeschäft ab.

"Am Ende wollten sie in dieser Industrie, und das ist das Fußballgeschäft wirklich, einfach nur anpassungsfähige, unmündige und gleichgestellte Roboter, die immer denselben Scheiß erzählen", . Es habe ihn einfach nur angewidert. Wer Ecken und Kanten zeigte, wurde "zurechtgemeißelt". Er gab sogar zu, teilweise unter Drogeneinfluss in der Bundesliga gespielt zu haben. "Manchmal hat man so krass den Anschluss zur Realität verloren und wollte allem gerecht werden, dass das zum Balsam wurde", erklärte er sich.

Dieter Hoeneß wütet: "Wir sind keine Rapper-Gang"

Nur Ebert sollte zumindest noch ein bisschen länger in Berlin bleiben, doch Hertha und die Bande aus Straßenfußballern, das wollte nicht so richtig passen. Ede monierte nach seinem Abschied, dass man selbst bei den Profis immer nur als "die kleinen Jungs" angesehen wurde. "Wir waren die ewigen Praktikanten", schimpfte er. Es entstand das Gefühl, der Verein wolle sie bewusst klein halten. Anstatt Respekt und Wertschätzung zu bekommen, fühlten sie sich im Stich gelassen.

Und auch die Hertha konnte in der Nachbetrachtung eigentlich alles andere als zufrieden sein. Lediglich neun Millionen Euro brachten die einst als hochbegabt angesehenen Kicker dem Verein letztlich ein, Ede, Dejagah und Ebert gingen sogar ablösefrei. Doch der ehemalige Geschäftsführer Dieter Hoeneß sah sich damals gezwungen, die Reißleine zu ziehen.

Als das Ghetto-Gehabe der Aufsässigen aus dem Block auf immer mehr Talente abzufärben begann und Dejagah wegen eines geschwänzten Gerichtsprozesses sogar für zwölf Stunden ins Gefängnis musste, hatte er genug. "Wir sind keine Rapper-Gang, sondern ein Elite-Sportklub", wütete Dieter Hoeneß. Viele Spieler - auch im Jugendbereich - mussten gehen, die Konzepte in der Nachwuchsarbeit wurden überarbeitet.

Ebert und Boateng bleiben Freunde: "So eine Zeit vergisst man nicht"

"Mir hat früher nie jemand Grenzen aufgezeigt", zeigte sich Ebert Jahre später einsichtig. "Deswegen will ich nach der Karriere Spielern helfen und ihnen auch mal sagen: 'So nicht!' Ähnlich äußerte sich zuletzt auch Kevin-Prince Boateng, der nach seiner aktiven Laufbahn als Berater arbeiten will. "Kein Berater, der das schnelle Geld sucht", versicherte er.

Vielleicht gründen die beiden ja zusammen eine Agentur, denn die Freundschaften untereinander sind nicht abgerissen. Ebert war sogar Boatengs Trauzeuge. "Wir waren alle jung, als wir uns kennengelernt haben und hatten einen Traum: Profis zu werden. Das ist eine Riesen-Sache, die uns zusammengeschweißt und geprägt hat. So eine Zeit vergisst man nicht", sagte er. Es war eben ein einzigartiger Jahrgang - in jeglicher Hinsicht.

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