Bundesliga: Die Hintergründe des Peters-Aus bei S04

SPOX

Sportlich und vor allem wirtschaftlich steckt Schalke 04 tief in der Krise. Zum Sündenbock machte man nun den langjährigen Finanzboss Peter Peters, doch er ist nicht der einzige Verantwortliche. Die Fußball-Kolumne.

Am 8. Mai 2004 feierten rund 60.000 Fans in der Arena das 100-jährige Vereinsjubiläum von Schalke 04, unter anderem hatten die Bands Pur und Right said Fred für Stimmung gesorgt. Doch zum krönenden Abschluss trat ein unscheinbarer Mann mit Brille auf die Bühne und performte am Klavier zur Melodie von Marius Müller-Westernhagens Hit "Freiheit" seine Version mit dem Refrain "Schalke - ist das einzige, was zählt".

Es war der große Auftritt von einem, der sonst lieber im Hintergrund agiert: Peter Peters. Schon damals war er seit zehn Jahren im Vorstand des Traditionsvereins und dennoch nicht jedem bekannt. Seitdem hat sich der "passionierte Strippenzieher und Meister wirtschaftlicher Winkelzüge" (Bild) heimlich, still und leise zu einem der mächtigsten Männer im deutschen Fußball emporgearbeitet: Finanzboss bei Schalke 04, Aufsichtsratsvorsitzender und erster stellvertretender Präsidiumssprecher der DFL sowie 1. Vize-Präsident des DFB.

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Peter Peters: Bei Schalke zum Rücktritt gedrängt

Das erste und wichtigste Amt ist der Schattenmann allerdings seit Anfang Juni los: Da verkündete der Bundesligist die angeblich einvernehmliche Trennung von Peters - nach 27 Jahren in der S04-Führung. Ungeachtet aller Lippenbekenntnisse, um einen möglichst Gesichts wahrenden Abschied hinzubekommen, wurde der 57-Jährige allerdings vom Aufsichtsrat faktisch zum Rücktritt gedrängt. Entsprechende Berichte wurden auch SPOX und Goal von mehreren Quellen bestätigt.

Die Beweggründe waren naheliegend und wurden von der mit Aufsichtsratschef Clemens Tönnies eng verbandelten Bild-Zeitung auch so kommentiert. "Fakt ist: S04-Intimkenner Peters steht wie kein Zweiter für die gnadenlose Misswirtschaft in Gelsenkirchen", schrieb das Blatt und stellte ihn als Totengräber der Königsblauen da.

Schalke mit 26 Millionen Minus - vor Corona

Tatsächlich hatte Peters im Frühjahr einen Verlust von 26 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2019 präsentiert und eine ähnlich schlechte Prognose für 2020 angekündigt - und das sogar noch vor Corona-Krise. Die Pandemie und die damit fehlenden Einnahmen durch Zuschauer und Sponsoren haben die Probleme noch einmal deutlich verschärft. Schalke selbst sprach von einer "potenziell existenzbedrohenden wirtschaftlichen Situation".

Doch trotz Verbindlichkeiten von fast 200 Millionen Euro erklärte Peters nach seinem Aus der Süddeutschen Zeitung: "Es geht nicht bergab auf Schalke - das Gegenteil ist der Fall. Alles ist vorbereitet, um durch die Krise zu kommen. Schalke bleibt ein sauber finanzierter eingetragener Verein, der in den vergangenen Jahren als Unternehmen unfassbare Werte geschaffen hat."

Schon seit Jahren hat der studierte Betriebswirt nämlich immer wieder auf den den Schulden gegenüberstehenden Besitz des Stadions sowie der zentralen Catering- und Vermarktungsrechte verwiesen und vor allem auf die Tatsache, dass Schalke 04 bis heute keine Vereinsanteile an Investoren verkauft hat.

Peter Peters: Kritiker werfen ihm Bilanztricks vor

Gleichwohl bleibt Peters' Wirken als Boss der Finanzen, die er 2009 von Josef Schnuseberg übernahm, umstritten. Kritiker werfen ihm vor, schon mehrfach mit Bilanztricks den wahren Schuldenstand vernebelt zu haben und unter anderem nach dem Motto "Rechte Tasche, linke Tasche" die Verbindlichkeiten von einer S04-Gesellschaft auf die andere umgebucht zu haben.

Neben der prekären wirtschaftlichen Lage wurde Peters aber auch ein damit zusammenhängendes Schreiben zum Verhängnis: Darin wurden die Dauerkarteninhaber aufgefordert, für eine Rückerstattung erstmal ihre finanzielle Notlage zu belegen. Entsprechend massiv fiel der Shitstorm aus, Schalke musste zurückrudern und entschuldigte sich kleinlaut.

Die peinliche Posse bot jedoch einen willkommenen Anlass, um Peters kaltzustellen, obwohl mindestens der für Kommunikation zuständige Vorstand Alexander Jobst für den PR-Gau mitverantwortlich war. Doch der mächtigste Schalker Clemens Tönnies hatte schon zuvor den Daumen gesenkt. "Das Tischtuch war spätestens seit den Rassismus-Vorwürfen gegen Tönnies, die er bis heute nicht einsieht, zerschnitten. Tönnies hat sich da wohl mehr Rückendeckung von Peters erwartet", berichtet ein Insider. "Und wenn man bei ihm einmal unten durch ist, hat man keine Chance mehr. Das haben schon viele erlebt."

S04: Frage der Ausgliederung der Profiabteilung höchst umstritten

Dabei verweisen Kenner darauf, dass alle umstrittenen Entscheidungen der letzten zwei Jahrzehnte nie von Peters allein, sondern immer vom gesamten Vorstand und auch mit Kenntnis und Billigung von Tönnies getroffen wurden. Das gilt aktuell für die umstrittene Kündigung langjähriger Mitarbeiter im Fahrdienst der Nachwuchsmannschaften wie für die angebliche Verpfändung von zwei Raten der TV-Gelder an Banken als auch für die geplante Ausgliederung der Schalker Profiabteilung aus dem Gesamtverein.

Sowohl Peters ("Ich war immer ein Verfechter davon, Herr im eigenen Haus zu sein") als auch Tönnies ("Solange ich auf Schalke bin, bleibt Schalke ein eingetragener Verein") hatten sich in dieser hoch emotionalen Frage immer als Traditionalisten dargestellt. Doch das lag auch daran, dass die nötige Mehrheit von 75 Prozent der Klubmitglieder für eine Ausgliederung bisher utopisch war - und ungeachtet der Corona-Krise auch höchst fraglich bleibt. Wirtschaftlich sieht die Vereinsführung aber mehrheitlich keine wirkliche Alternative zu diesem Schritt und dem damit verbundenen Einstieg von Investoren, wenn Schalke wenigstens einigermaßen konkurrenzfähig bleiben will.

"Mir machen nicht die Verbindlichkeiten Sorgen, sondern die Probleme, die wir aktuell in unserem Kerngeschäft haben: Dem Fußball. Wenn wir zum zweiten Mal in Folge nicht das internationale Geschäft erreichen", sagte Peters dazu in einem Interview mit 11 Freunde kurz vor seiner Demission.

FC Schalke 04: Auch sportlich abgewirtschaftet

Denn auch sportlich hat Schalke abgewirtschaftet: Nach der desaströsen Rückrunde mit der Rekord-Negativserie von bislang 14 Spielen in Folge ist das Team aus den Champions-League-Rängen ins untere Tabellendrittel durchgereicht worden, weshalb der nach der Vorrunde noch gefeierte Trainer David Wagner bereits wieder zur Disposition steht. Doch der nächste Trainerwechsel wäre ein teures Unterfangen, auch für hochkarätige Neuzugänge ist nach jetzigem Stand kein Geld da.

"Der Trainer ist intern umstritten, die Mannschaft hat kein Gesicht, der Fußball auch nicht. Und der Nachwuchs wurde ebenfalls abgerockt. Wofür steht Schalke eigentlich noch?", fragt ein langjähriger führender Mitarbeiter, der die Vereinsführung als Hauptproblem sieht: "Diese Leute wissen alle nicht, wie Schalke tickt."

Für den Niedergang wurde nun Peters zum Sündenbock erklärt, doch der allmächtige Tönnies und dessen neuer Favorit Jobst, der sich vor zwei Jahren noch vergeblich um den Posten des Geschäftsführers bei Bayer Leverkusen beworben haben soll, sind genauso verantwortlich.

Das Mitleid mit Peters hält sich in der Fußball-Szene dennoch in Grenzen. Zum einen, weil er sich bei seinem Aufstieg auch viele Feinde gemacht hat. Einige bezeichnen ihn als "Intriganten", andere als "Opportunisten". In jedem Fall hat der aus er Nähe von Koblenz stammende Wahl-Westfale bisher immer bei den richtigen Leuten Eindruck hinterlassen.

Peters: Vom Rauball-Chaffeur zu einem der mächtigsten Fußball-Funktionäre

So fungierte er aufgrund seines Wohnortes Dortmund lange Jahre als Chauffeur von DFL-Präsident Reinhard Rauball bei den Reisen zu den Tagungen des Ligaverbands in Frankfurt, wo er auch ein Zweckbündnis mit Ligaboss Christian Seifert ("Ich bin sein Backup") einging. Auf Schalke wurde Peters am Ende auch seine häufige Präsenz in der Zentrale am Main zum Vorwurf gemacht, dabei hatte ihn der Verein bewusst 2007 ins DFL-Präsidium entsandt, um mehr Einfluss nehmen zu können. Seitdem saß der ehemalige Journalist im DFB-Vorstand, hinzu kamen zahlreiche weitere Ämter in verschiedenen Gremien bis zur UEFA.

Nach dem Rückzug von Rauball im vergangenen Jahr ist Peters sogar erster Vertreter der 36 Erst- und Zweitligisten in der DFL und im DFB als 1. Vize-Präsident für sämtliche Belange des Profi-Fußballs zuständig sowie Mitglied des mächtigen, nur sechsköpfigen Präsidialausschusses. Angesichts dieser Machtfülle ohne Schalker Rückendeckung ist allerdings eine Abberufung durch die Klubs denkbar, bei einigen gibt es erhebliche Widerstände gegen den Multifunktionär.

Da seine Wahl im Vorjahr bis zum August 2022 aber an kein Vereinsamt gebunden ist, könnte Peters auch endlich aus dem Schatten treten und die vielen Probleme im deutschen Fußball aktiv angehen. So wie Rauballs Vorgänger Werner Hackmann, der trotz seines Ausscheidens als Vorstandsvorsitzender beim Hamburger SV 2002 noch weitere fünf Jahre bis zu seinem Tod 2007 an der Spitze der DFL stand.

Mehr bei SPOX: S04-Coach Wagner: "Die Serie ist schrecklich"

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