Bundesliga: "Widerlich": Preetz weist Klinsi-Kritik zurück

SPOX

Jürgen Klinsmann rechnet in einem Protokoll, das die Sport Bild veröffentlicht, in massiver Form mit Manager Michael Preetz, Präsident Werner Gegenbauer und dem gesamten Verein ab. Auf der Hertha-PK am Mittwoch wies Preetz die Anschuldigungen des ehemaligen Hertha-Trainers entschieden zurück.

"Die gleichermaßen widerlichen wie unverschämten Anschuldigungen an unsere Medien- und Medizinabteiltung weise ich auf schärfste zurück", sagte Preetz. Er nannte die Anschuldigungen außerdem "perfide und ungehörig".

Preetz selbst halte das Nachtreten Klinsmanns aus. "Ich weiß nicht, ob es ein Putschversuch war und wenn, ist er gescheitert. Wir behalten uns rechtliche Schritte vor. Unstrittig ist, dass der Verein durch solche Aktion Schaden nimmt", sagte er. Preetz bestätigte zudem, dass Klinsmanns Vertrag bei der Hertha bereits aufgelöst wurde.

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Klinsmanns Management bestätigt Echtheit der Dokumente

Unklar blieb zunächst, wie die Ansammlung an Vorwürfen in die Öffentlichkeit gelangen konnte. Dies sei nicht beabsichtigt gewesen, erklärte Klinsmanns Management, bestätigte aber die Echtheit.

Das 22 Din-A4-Seiten lange Protokoll vermittelt den Eindruck, dass bei Hertha BSC miserable Zustände herrschen. Eigene Fehler und Versäumnisse nennt der Ex-Coach hingegen nicht.

Stattdessen spricht er von "jahrelangen katastrophalen Versäumnissen von Michael Preetz in allen Bereichen, die mit Leistungssport zusammenhängen." Der von ihm zusammengestellte Kader habe "zu viele ältere und satte Spieler, die keinerlei Power haben, um im Abstiegskampf zu bestehen".

Auch die "Planung der Vorbereitung auf die Rückrunde, für die Michael Preetz verantwortlich ist," sei eine "Katastrophe" gewesen: "Der Verein steckt im Abstiegskampf, plant aber, als wäre er ein internationaler Spitzenklub."

"Urlaubergruppe Wein trinkend und zigarrenrauchend auf der Terrasse"

Hertha hielt sein Wintertrainingslager in Orlando/USA ab und absolvierte dort ein Testspiel gegen den Bundesliga-Konkurrenten Eintracht Frankfurt. Im Team-Hotel herrschte laut Klinsmann ein Klima, das "der komplette Trainerstab als verachtenswert dem Trainerstab gegenüber empfand". Wie der 55-Jährige ausführte, gab es in der Hertha-Delegation eine "Arbeiter"-Gruppe und eine "Urlauber"-Gruppe, die weintrinkend und zigarrenrauchend auf der Terrasse des Hotels saß. "Auf jeden Fall war es kontraproduktiv und nicht leistungsfördernd", führt er aus.

Das Trainingslager an sich kritisiert Klinsmann ebenfalls. Nach seiner Auffassung stellten sich der Verein und das Management nicht der aktuellen sportlichen Situation, sondern "überschätzte sein Wirken in der Weltpolitik". Durch den Trip in die USA hätte man mindestens drei Trainingstage verloren.

Klinsmann: Rangnick interessiert - aber nur ohne Preetz

Auch Präsident Werner Gegenbauer wird von der Klinsmann-Kritik nicht verschont. Ihn beschreibt er unter anderem als "völlig übel gelaunter Präsident". Gegenbauer soll demnach auch verhindert haben, dass Investor Lars Windhorst nach dem Antrittsspiel Klinsmanns gegen Borussia Dortmund (1:2) in die Kabine kommen konnte.

In seiner vorherigen Zeit als Aufsichtsrat soll Klinsmann Ralf Rangnick, der in Hoffenheim und Leipzig Projekte aufbaute, als zukünftigen Trainer vorgeschlagen haben. "Rangnick teilt unmissverständlich mit, dass er das Projekt Berlin spannend findet, in einer Konstellation mit Michael Preetz als sein Vorgesetzter jedoch niemals kommen würde".

Als Klinsmann am 8. November von Lars Windhorst als Aufsichtsratsmitglied eingestellt wurde, vermeldete Hertha BSC diesen Schritt laut Klinsmann nicht. "Der Club steht unter Schock, es gibt keinerlei Willkommenskultur", heißt es dazu. Ein anberaumtes Essen wurde außerdem von der "kompletten Vereinsführung" nicht wahrgenommen. Einen Tag später, bei der Bundesliga-Partie gegen RB Leipzig, sollte Klinsmann daher auch kein Interview geben. Er beschreibt die Gründe hierfür als "fadenscheinig". Erst auf Druck darf Klinsmann vor die Kameras treten, allerdings ohne einen Hertha-Vertreter.

Zwei Wochen später geriet Hertha mit 0:4 in Augsburg unter die Räder, das letzte Spiel von Trainer Ante Covic. Ohne die Entlassung von Vorgänger Ante Covic, wäre der Klub "direkt in die 2. Liga abgestiegen", so Klinsmann. "Man spürt, dass der Verein komplett am Boden ist. Hektisch und nervös. Ohne Perspektive, was das Traineramt und die Zukunft anbelangt."

Klinsmann kritisiert Herthas medizinische Abteilung: "Zerstritten und inkompetent"

Nach seinen ersten Trainingseinheiten bescheinigt er der Mannschaft einen "katastrophalen körperlichen wie mentalen Zustand". Über die medizinische Abteilung schreibt Klinsmann: "Ohne jegliche Dynamik, zerstritten, inkompetent, den Anforderungen des modernen Profifußballs nicht gewachsen. Chef ist seit 22 Jahren (!) Jahren der Orthopäde Ulli Schleicher. Keinerlei Innovationen. Man versucht ständig, Spieler krank oder verletzt zu reden, damit die eigene Wichtigkeit unterstrichen wird und mit irgendwelchen Geräten Geld gemacht werden kann."

Neben seiner Kritik an der medizinischen Abteilung findet Klinsmann, dass die Medienabteilung nur reagiere, "keine Ideen" habe und "den Trainerstab niemals" verteidige. "Persönliche politische und ideologische Interessen einzelner Verantwortlicher (insbesondere Paul Keuter) werden den Spielern über Großplakate in der Kabine und Küche eingetrichtert, für was sie zu stehen haben bei Hertha BSC", schreibt er weiter mit Blick auf das bei vielen Fans umstrittene Mitglied der Hertha-Geschäftsleitung.

Den Kader empfindet Klinsmann als "viel zu groß" und "völlig ungleich zusammengestellt." So hätte man vier Top-Innenverteidiger, aber keinen rechten Außenverteidiger und keinen Spielgestalter.

Klinsmann: "Es gibt eine Lügenkultur"

"Der Klub hat keine Leistungskultur, nur Besitzstandsdenken und es fehlt jegliches Charisma in der Geschäftsleitung", erklärt Klinsmann außerdem: "Es gibt eine Lügenkultur, die auch das Vertrauensverhältnis der Spieler mit Preetz zerstört hat".

Nach 76 Tagen im Amt als Trainer der Hertha legte der ehemalige Nationaltrainer Deutschlands und der USA sein Amt in Berlin nieder. Durch seinen Rücktritt wird er auch nicht mehr im Aufsichtsrat sitzen, wie Investor Lars Windhorst erklärte. Um den Klub nun dennoch zu einem "Big Player" zu machen, fordert Klinsmann: "Die Geschäftsleitung muss sofort komplett ausgetauscht werden."

Zudem müsse in 2020 "das Stadion-Thema gelöst werden". Denn "ohne ein reines Fußballstadion mit den Fans direkt am Spielfeldrand einflußnehmend, wird Hertha BSC immer mit minus 10 Punkten die Saison anfangen".

Präsident Gegenbauer reagiert: "Schäbige Anschuldigungen"

In einer ersten Reaktion übte sich der Verein in Zurückhaltung. "Abgesehen davon, dass nahezu sämtliche darin enthaltene Vorwürfe und Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen, ist uns auch im Interesse von Jürgen Klinsmann daran gelegen, diese Personalie zu einem würdigen Ende zu bringen. Deshalb werden wir uns als Verein auch nicht an einer derartigen öffentlichen Kontroverse beteiligen", teilte Hertha der Sportbild mit, die die massiven Vorwürfe des Ex-Trainers veröffentlicht hatte.

Präsident Werner Gegenbauer wandte sich dafür per Brief an die Mitglieder: "Für uns sind weder der Inhalt des Schreibens noch die Art und Weise des Vorgehens seitens Jürgen Klinsmann und seiner Berater Andre Gross und Roland Eitel nachvollziehbar." Der Verein habe beschlossen, "nicht auf die einzelnen Vorwürfe zu reagieren, da sie entweder falsch oder einfach nur unsinnig sind." Der Präsident weiter: "Eines müssen wir aber deutlich anmerken: die schäbigen Anschuldigungen gegen die Mitarbeiter der Abteilungen Medizin und Medien weisen wir entschieden zurück."

Kein Kommentar von Investor Windhorst

Auch Investor Lars Windhorst, der im vergangenen Jahr 49,9 Prozent der Anteile übernommen und Klinsmann zunächst in den Aufsichtsrat berufen sowie danach gemeinsam mit Preetz zum Trainer befördert hatte, wollte sich nicht äußern. "Vertrauliche interne Papiere, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, werden von uns auch nicht öffentlich kommentiert", sagte Windhorsts Sprecher Andreas Fritzenkötter auf Nachfrage von SPOX und Goal.

Klinsmanns Management bestätigte derweil gegenüber dem SID die Echtheit, rätselte aber darüber, wie das Protokoll an die Öffentlichkeit gelangen konnte. Der Fußballlehrer habe keine Absicht, eine Abrechnung mit Hertha zu betreiben. Eine weitere Stellungnahme gab es nicht. Angeblich soll es sich um ein internes Papier für den Ex-Coach und seine Partner gehandelt haben, das geleakt worden sein soll.

Jürgen Klinsmanns Bilanz bei Hertha BSC

Wettbewerb

Gegner

Ergebnis

Bundesliga

Borussia Dortmund (H)

1:2

Bundesliga

Eintracht Frankfurt (A)

2:2

Bundesliga

SC Freiburg (H)

1:0

Bundesliga

Bayer Leverkusen (A)

0:1

Bundesliga

Borussia Mönchengladbach (H)

0:0

Bundesliga

Bayern München (H)

0:4

Bundesliga

VfL Wolfsburg (A)

1:2

Bundesliga

Schalke 04 (H)

0:0

DFB-Pokal

Schalke 04 (A)

3:2

Bundesliga

Mainz 05 (H)

1:3

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