Bundesliga: "Ähnlichkeit mit Ballack": Wie Goretzka nach der Corona-Pause zum X-Faktor wurde

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Leon Goretzka erneut seine starke Entwicklung seit der Corona-Pause - der Bochumer ist endgültig in München angekommen.

Es fällt erfahrungsgemäß nicht leicht, die Laune von Leon Goretzka zu deuten, wenn er nach einem Spiel vor die versammelte Reporterschar in der Mixed-Zone tritt. Spitzbübisch und herausfordernd lässt der Mittelfeldmann des FC Bayern traditionell die Blicke schweifen, ehe er reflektiert, ruhig und mitunter gewitzt auf die gestellten Fragen antwortet.

Am frühen Abend des 8. März dieses Jahres war seine Mimik etwas einfacher zu dechiffrieren. Goretzka war sauer, merklich verdrießlich, weil er zum dritten Mal in Folge keine Startelf-Berücksichtigung in der Bundesliga gefunden hatte. Er bestätigte den Eindruck, indem er diesbezüglich Gesprächsbedarf anmeldete.

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"Dass ich nicht glücklich bin, kann man - denke ich - offen und ehrlich sagen. Das wird man besprechen müssen", haderte Goretzka im Anschluss an den glanzlosen 2:0-Erfolg über den FC Augsburg, bei dem er 70 Minuten lang auf der Bank geschmort, aber kurz vor Spielende mit seinem Treffer die Entscheidung herbeigeführt hatte. Bei aller Unzufriedenheit blieb der 25-Jährige aber dennoch kämpferisch: "Da musst du die Faust in die Tasche stecken, weiter an dir arbeiten, dass du die Form hältst und dich anbietest."

Leon Goretzka setzt ambitioniertes Vorhaben in die Tat um

Zu diesem Zeitpunkt konnte Goretzka nicht ahnen, dass aufgrund der weltumfassenden Corona-Pandemie wochenlang kein Spiel stattfinden sollte und er dementsprechend ganz viel Zeit bekommen würde, um seine Parole in die Tat umzusetzen.

Mittlerweile, nach mehreren Monaten Abstand ist klar: Es handelte sich bei den Worten des gebürtigen Bochumers nicht um leere Hülsen, nicht um pathetisch dahergesagte Kalendersprüche. Goretzka arbeitete in der Zwangspause akribisch an seinem Vorhaben und kehrte sichtlich muskulöser und athletischer aus dem "Homeoffice" zurück.

"Man sieht Leon an, dass er an Muskelmasse zugelegt hat. Das kommt seinem Spiel zugute", sagte Trainer Hansi Flick kurz nach der Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielbetriebs und schob nach: "Er nimmt eine gute Entwicklung." Die Belohnung für die Strapazen folgte auf dem Fuße, Flick setzt seit dem Neustart bedingungslos auf den deutschen Nationalspieler, der wiederum das Vertrauen seines Übungsleiters mit beeindruckenden Leistungen zurückzahlt.

Leon Goretzka wird gegen Leverkusen zum X-Faktor

Der jüngste Beweis für die These, dass Goretzka bei den Münchnern zum großen Nutznießer der Unterbrechung avanciert ist, lieferte er im Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen. Obwohl mit Thiago ein wichtiger, eigentlich kaum verzichtbarer Akteur nach seiner Leistenverletzung zurückkehrte, entschied Flick, an seinem funktionierenden Sechser-Tandem Goretzka und Joshua Kimmich festzuhalten.

Beim Stand von 0:1 aus FCB-Sicht stibitzte Goretzka zunächst Bayers Moussa Diaby im Mittelfeld die Kugel und steckte auf den pfeilschnellen Kingsley Coman durch, der sich die Chance zum Ausgleich nicht entgehen ließ, nur wenige Minuten später trat der ehemalige Schalker selbst als Torschütze in Erscheinung und zeichnete verantwortlich, dass die Partie zugunsten der Gäste gedreht wurde.

Hansi Flick lobt Goretzka: "Eine wahnsinnige Präsenz auf dem Platz"

"Er war gerade an den ersten beiden Toren maßgeblich beteiligt und hat die Akzente gesetzt, die man in einer Mannschaft braucht, wenn es nicht so gut läuft. Das hat er hervorragend gemacht", schwärmte Flick, der seinen Malocher bereits nach dem Schützenfest gegen Fortuna Düsseldorf in der vergangenen Woche mit einem Extra-Lob bedacht hatte, auf der obligatorischen Pressekonferenz in der BayArena. "Er hat aktuell, gerade, was seine Physis betrifft, eine wahnsinnige Präsenz auf dem Platz - und das tut uns gut." Bundestrainer Joachim Löw verglich Goretzka im Gespräch mit dem kicker mit Michael Ballack: "Von der Statur her, seiner Technik, seinem Ballgefühl, auch mit seiner sehr guten Ausdauerfähigkeit hat er schon eine gewisse Ähnlichkeit."

Wie gut Goretzkas Präsenz den Bayern aktuell tut, spiegelt sich auch in den Zahlen wider. Nach der Corona-Pause gewann er in fünf Einsätzen für seinen Klub hinter Shootingstar Alphonso Davies (38, Quelle: Opta) die meisten direkten Duelle (29), verbuchte die zweimeisten Balleroberungen (36) und steuerte zwei seiner insgesamt fünf Saisontreffer, die er ohnehin allesamt in der Rückrunde erzielte, bei.

Zudem lieferte er seit dem Restart zwei Vorlagen. Zum Vergleich: In der gesamten ersten Saisonhälfte brachte Goretzka in acht Bundesligaspielen 18 gewonnene Zweikämpfe, 25 Balleroberungen und einen Assist zustande.

Goretzka: "Man muss auch aufpassen, dass man es nicht übertreibt"

Doch, was sagt der Protagonist selbst über seine positive Entwicklung? "Man kann schon davon ausgehen, dass das alles abgesprochen ist mit dem Trainerteam. Man muss auch aufpassen, dass man es nicht übertreibt, wir spielen immer noch Fußball", erklärte Goretzka, der gegen Leverkusen satte 96 Prozent seiner Pässe an den Mann brachte, hinsichtlich der hinzugewonnenen Muskelmasse nach dem Duell mit der Werkself bei Sky.

Er ergänzte: "Ich fühle mich aktuell sehr gut und gewappnet für 90 Minuten. Ich habe nicht an Geschwindigkeit verloren - im Gegenteil. Dementsprechend ist das eine runde Sache."

Eine runde Sache, die Goretzka sich selbst erarbeitet hat. Am 8. März, als er traurig dreinblickend im Bauch der Allianz Arena seine Reservistenrolle beklagte, hatte er selbst eine "Top-Verfassung, vielleicht sogar die beste Verfassung meiner Laufbahn", bei sich ausgemacht. Zu jenem Zeitpunkt wusste er offenbar noch nicht, dass die beste Verfassung seiner Laufbahn noch kommen sollte. Die hat er nämlich zweifelsohne derzeit.

Goretzka, der seit seinem Wechsel von den Königsblauen an die Isar im Sommer 2018 immer wieder von kleineren Verletzungen zurückgeworfen wurde, insgesamt bereits 17 Pflichtspiele verpasste, ist vollumfänglich in München angekommen.

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