Bundesliga: Boateng beim FC Bayern: Die Rückkehr des Tiefpass-Königs

SPOX

Er sollte den FC Bayern München eigentlich bereits im vergangenen Sommer verlassen und stand im Dezember noch in der Kritik. Inzwischen erinnert Jerome Boatengs Spiel an seine besten Zeiten. Am Samstag (18.30 im ) ist er mit dem FC Bayern zum Geisterspiel bei Union Berlin zu Gast.

Allianz Arena, 14. Dezember 2019: Jerome Boateng empfängt Werder Bremens Milot Rashica ungefähr auf Höhe der Mittellinie. Der kleine, wendige Kosovare erweist sich als schlechter Gast, ist nicht daran interessiert, lange bei dem kräftigen Innenverteidiger zu verweilen. Rashica legt sich den Ball mit dem Rücken zum Tor des FC Bayern an Boateng vorbei, eilt ihm davon, nur, um ihn dann noch einmal einzudrehen. Nur wenige Augenblicke später schlägt die Kugel hinter Torhüter Manuel Neuer im Netz ein. Jubel bei Bremen über das 1:0, Ärger bei Boateng.

Weil der 31-Jährige auch in der Folge schwerfällig wirkt, gegen Rashica kein Mittel findet, erlöst Trainer Hansi Flick den Weltmeister von 2014 in der Halbzeitpause und bringt Ivan Perisic. Am Ende steht es 6:1 für Bayern. Obwohl der Rekordmeister gegen die Hanseaten im zweiten Durchgang ein Schützenfest feierte, wurde über Boatengs fehlende Spritzigkeit diskutiert.

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Passt er ins Flick'sche System, das hohes Verteidigen beinhaltet oder ist es irrelevant, weil er bald ohnehin wieder auf der Bank sitzen wird, wenn die Verletzten zurückkehren? Vielleicht zieht es ihn in der Winterpause auch einfach zu einem neuen Arbeitgeber.

Wie schnell sich derartige Spekulationen binnen kürzester Zeit ins Gegenteil wenden können, zeigten schließlich die vergangenen vier Monate. Boateng hat den Verein weder verlassen, noch wurde er zum Reservisten degradiert - obwohl mit Rekordeinkauf Lucas Hernandez ein kostspieliger Konkurrent mittlerweile über das physische Rüstzeug verfügt, Spiele über die volle Distanz bestreiten zu können. Anstatt des Franzosen, der für 80 Millionen Euro von Atletico Madrid nach München gewechselt war, setzt Flick auf den dauerhaft angezählten und bisweilen isoliert wirkenden Boateng, der das Vertrauen mit beeindruckenden Leistungen zurückzahlt.

Jerome Boateng arbeitete im Winter an Fitness

Auch, weil der Defensivmann im Winter, während seiner privaten Reise nach Dubai, penibel an seiner Fitness arbeitete und im Zuge dessen vermehrt auf seine Ernährung achtete. Maßnahmen, die offensichtlich Früchte trugen, fiel Boateng doch in der Rückrunde erheblich seltener durch Schwierigkeiten in Laufduellen auf als noch zuvor.

Der gebürtige Berliner hat die taktischen Marschrouten, die Flick dem Team mit auf den Weg gibt, vollumfänglich verinnerlicht und kann sich neben seiner Stärke im Zweikampf mittlerweile auch wieder auf das konzentrieren, was ihn einst auszeichnete und in die absolute Weltelite aufsteigen ließ: sein Aufbauspiel.

Boatengs Traumpass erinnert an glorreiche Zeiten

Wie dies in Perfektion aussehen kann, zeigte Boateng, der übrigens von allen Bayern-Akteuren in der Rückrunde die beste Passquote (92,64 Prozent) aufweist, am vergangenen Wochenende vor heimischer Kulisse gegen den FC Augsburg, als er die Kugel sanft über nahezu die gesamte FCA-Truppe hinwegschlenzte und im Strafraum den gestarteten Thomas Müller fand, der das Kunstwerk erfolgreich vollendete.

"Ich bin ja so ein kleiner Klugscheißer", sagte der Passempfänger nach der Begegnung mit den Fuggerstädtern und schob nach: "Alles, was man kann, ist einfach. Jerome hat die Übersicht und das feine Füßchen für die Spielverlagerung und auch den Tiefenpass." Es war eine Szene, die an Boatengs beste Zeiten erinnerte. Eine Szene, die sinnbildlich für seine formidable Entwicklung unter Flick stand.

Spätestens nach der starken Partie am Sonntag hatten auch die Medien den in den vergangenen Monaten schweigsamen und pressescheuen Ex-Nationalspieler wieder auf dem Radar, berichteten plötzlich wieder positiv, obschon Boateng seit Längerem wieder auf höchstem Niveau abliefert.

Dayot Upamecano als Boateng-Erbe?

Wie der kicker berichtet, sieht sich der FC Bayern trotz der jüngsten Darbietungen nach einem neuen Mann für die Abwehrzentrale um. Vor allem Dayot Upamecano von RB Leipzig wurde zuletzt immer wieder mit einem Wechsel nach München in Verbindung gebracht. Im Gegenzug könnte Boateng, dessen Vertrag in der bayerischen Landeshauptstadt noch bis 2021 gültig ist, abgegeben werden.

Aufgrund der ansteigenden Formkurve, wird berechtigterweise spekuliert, dass die Bayern ihren langjährigen Profi für mehr Geld verkaufen könnten, als es noch vor beispielsweise einem Jahr der Fall gewesen wäre.

Die Ungereimtheiten, die sich am Saisonende im Mai zwischen Klub und Spieler verschärften, sollen nach wie vor nicht ausgeräumt sein. Damals hatte Präsident Uli Hoeneß Boateng wegen mehrerer Vorkommnisse sehr unverblümt nahegelegt, die Bayern zu verlassen. Dass ein Wechsel nicht zustande kam, erweist sich nun aus Sicht des Vereins als echter Glücksfall.

 

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