Bundesliga: Schalke-Aufsichtsrat Warnig: Ex-Stasi-Major, Putin-Freund, Tönnies-Unterstützer

SPOX

Nach einer nicht nur sportlich katastrophalen Saison sind die Fans von Schalke 04 in Aufruhr. Im Zentrum der Kritik steht Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies, doch mit Matthias Warnig wird auch ein Schattenmann mit dubioser Vergangenheit von den Anhängern als Negativbeispiel genannt.

Mehrere Fan-Organisationen haben für Samstag zu einer Demonstration gegen die von der Vereinsführung des FC Schalke 04 favorisierten Ausgliederung der Profifußball-Abteilung aufgerufen. Zuvor haben sich am Montag die "Ultras Gelsenkirchen", mit über 1000 Mitgliedern die wichtigste und größte Schalker Ultra-Gruppierung, mit heftigen Attacken zu Wort gemeldet.

"Selten hat unser Verein ein katastrophaleres Bild abgegeben als in dieser Spielzeit", . "Die gesamte Saison ist eine moralische Bankrotterklärung. Ein Ausverkauf der Schalker Werte."

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Dabei richteten die Anhänger den Fokus auch auf eine Personalie, die der Klub vor einem Jahr sehr zurückhaltend kommuniziert hatte: "Man könnte die Liste der Verfehlungen in der aktuellen Saison noch weiter ausführen: Mit Matthias Warnig wurde eine Person mit Vergangenheit in der Stasi zum Aufsichtsrat berufen."

Einen ähnlichen Tenor hat ein offener Brief des Fanforums "Schalker Block 5", in dem neben den generellen Vorwürfen auch die Personalie Warnig exemplarisch genannt wurde. "Zunehmend gewinnen wir das Gefühl, als ob die handelnden Personen des Vereins sowohl uns Fans und Mitglieder als auch das Leitbild im Grunde verachten und in keinster Weise ernst nehmen", hieß es dort, und weiter: "Ansonsten wäre es kaum denkbar, dass ein vermeintlich ehemaliger Hauptmann der Stasi, einer Organisation, die tausende Leben zerstört hat, eine offizielle Position in unserem Verein bekleiden darf, und das kooptiert vom Aufsichtsrat, unter Umgehung jeder Mitsprache der Mitgliederversammlung."

Schalke-Aufsichtsrat: Matthias Warnig ohne Wahl berufen

In der Tat wurde der heute 64-Jährige im Juli 2019 ohne Wahl in das Kontrollgremium berufen, als einer von drei sogenannten kooptierten (und damit auch stimmberechtigten) Mitgliedern. Er ist Nachfolger des Russen Sergey Kupriyanov, dem stellvertretenden Kommunikationsleiter von S04-Hauptsponsor Gazprom, der seit 2011 im Rat saß, aber aufgrund seines Wohnsitzes Moskau meist mit Abwesenheit glänzte.

Vor allem wegen der fast filmreifen Vergangenheit Warnigs eine brisante Personalie, die nicht nur bei Schalke-Fans für Kopfschütteln gesorgt hat. Denn bevor der gebürtige Niederlausitzer, der heute mit seiner russischen Frau in Südbaden lebt, in der westlichen Wirtschaft Karriere machte, hatte er bereits eine lange Laufbahn in der DDR-Staatssicherheit hinter sich.

2005 hatte das Wall Street Journal Warnigs Vergangenheit bei der Stasi öffentlich gemacht, in dessen Dienste der FDJ-Sekretär 1974 mit gerade mal 18 Jahren getreten war. Unter dem Decknamen "Ökonom" war er in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) für Wirtschaftsspionage zuständig und tat dies von 1986 bis 1989 direkt in Westdeutschland. Unter dem neuen Decknamen "Arthur" arbeitete Warnig als Offizier im besonderen Einsatz in Düsseldorf, offiziell als Mitglied der dortigen DDR-Handelsmission. Kurz vor der Wende wurde er nach Ost-Berlin zurückgerufen, weil ihm die Enttarnung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz drohte. Wenige Wochen vor dem Mauerfall, am 7. Oktober 1989, erhielt Warnig von Stasi-Chef Erich Mielke die "Medaille für treue Dienste in der Nationalen Volksarmee in Gold".

Dennoch wurde er nach der Wende als Referent der SED-Wirtschaftsministerin Christa Luft noch einflussreicher und nahm als DDR-Vertreter auch an den Verhandlungen über die Währungsunion mit der BRD teil. Warnig lernte dabei den damaligen Vorstandschef der Dresdner Bank kennen, der ihn im Mai 1990 abwarb. Da er zu DDR-Zeiten diese und andere westdeutsche Bankhäuser ausspioniert hatte, zitierte der Spiegel einen Geheimdienstmitarbeiter mit den Worten, die Bank habe "den Bock zum Gärtner gemacht".

Schalke-Aufsichtsrat Warnig: "Kein Ausländer ist enger mit Putin befreundet als er"

So begann das zweite Leben des ehemaligen Stasi-Spions im Kapitalismus. Für die Dresdner Bank leitete er ab 1991 das Russland-Geschäft in St. Petersburg. Dort entstand auch eine enge Verbindung zum damals bei der Stadt angestellten Ex-KGB-Offizier Wladimir Putin, die bis heute andauert und Warnig bei seinen Tätigkeiten in Russland kaum geschadet haben dürfte. 2012 wurde ihm vom russischen Präsidenten sogar der "Orden der Ehre" verliehen. "Heute ist kein Ausländer in Russland enger mit Putin befreundet als er", schrieb Die Presse aus Österreich vor zwei Jahren.

Im neuen Jahrtausend sammelte der Brandenburger dann zahlreiche lukrative Mandate in führenden russischen Unternehmen, unter anderem in der Geschäftsleitung der zum Gazprom-Konzern gehörenden Nord-Stream-Gruppe. In der Betreibergesellschaft der Ostsee-Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland sitzt Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Aktionärsausschuss, der den Schalkern schon vor zehn Jahren aus der Klemme half. Nach einem Bittbrief von Clemens Tönnies vermittelte er durch seine persönlichen Kontakte Gazprom als Hauptsponsor.

Theoretisch wäre der erklärte Fußball-Fan Schröder daher ein guter Kandidat für den Schalker Aufsichtsrat gewesen, doch als Ehrenmitglied von Erzrivale Borussia Dortmund war das ausgeschlossen. Stattdessen vertritt dort nun sein guter Bekannter Warnig die Gazprom-Interessen.

So schließt sich der Schalker Kreis, denn dank Gazprom und vor allem der Unterstützung des einstigen Stasi-Majors Warnig kann Tönnies, ebenfalls ein erklärter Putin-Freund, auf die Stabilisierung seiner bröckelnden Macht in Gelsenkirchen hoffen.

Die Kritik aus der Fanszene lässt er auf Anfrage unkommentiert. "Herr Warnig äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Er hat zu seiner Tätigkeit in der Auslandsspionage der DDR mehrfach öffentlich Stellung bezogen. Seine Bestellung zum Aufsichtsratsmitglied erfolgte entsprechend der Vereinssatzung", erklärte ein Sprecher von Nord Stream 2 SPOX und Goal.

Mehr bei SPOX: Tönnies-Demo: "Schalke ist kein Schlachthof"

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